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Angriff auf offener Straße: Familienfehde im Norden Triers

Angriff auf offener Straße: Familienfehde im Norden Triers

Das Amtsgericht hat am Donnerstag zwei Frauen wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt. Beide haben gestanden, zwei weitere Frauen im Januar auf offener Straße in Trier angegriffen und verletzt zu haben. Dahinter steckt eine Fehde zweier großer Trierer Familien.

Trier. "Dieser Schuldspruch schließt das Streitverhältnis der Familien hoffentlich dauerhaft ab." Richter Wolf-Dietrich Strick ist für seine strenge Verhandlungsführung bekannt, und auch am Donnerstag spart er nicht an klaren Worten. "Und zwar so dauerhaft, dass es über meine Pension hinausreicht." Er kenne die Fehde der im Westen und Norden Triers lebenden Familien aus mehreren Prozessen, er kenne auch deren Protagonisten: zwei Frauen, die sich offenbar bis aufs Blut hassen. So sehr, dass Schwester und Mutter der einen Dame deren Erzfeindin im Januar tätlich angriffen - mitten auf der Paulinstraße.Straff und effizient


Woher dieser Hass kommt, deckt der Prozess nicht auf. Richter Strick lässt keine intensive Vergangenheitsanalyse zu, sondern führt die Verhandlung straff und effizient. Nur die Wortwahl während des Angriffs, präzise und detailliert wiedergegeben von der Staatsanwältin, lässt Rückschlüsse zu: auf Männer und Frauen, Beziehungen und deren Störfaktoren sowie die Rache an einer Konkurrentin. Mutter und Tochter auf der Anklagebank sind beide der gemeinschaftlichen schweren Körperverletzung beschuldigt, die Mutter außerdem der Beleidigung in zwei Fällen.
Beide lassen über ihre Anwälte Erklärungen abgeben, aus denen hervorgeht, dass sie die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft in vollem Umfang zugeben, aber weiter nichts dazu sagen wollen.
In der Paulinstraße haben die beiden Angeklagten im Januar am frühen Abend das Opfer und deren Bekannte - beide als Nebenklägerinnen vor Gericht präsent - gezielt angegriffen. Schläge auch mit dem Ellbogen und Tritte gegen die Hüfte tauchen in der Anklage auf, begleitet von wüsten und massiven Beschimpfungen. Dazu zweimal der Satz "Schönen Gruß von meiner Schwester." Besagte Schwester verfolgt den Prozess in den Zuhörerreihen. Sie und eines der beiden Opfer gehören zu den Hauptträgern der Fehde, von der Richter Strick gesprochen hat.Staranwalt aus Köln


Das umfassende Geständnis ermöglicht einen eher seltenen juristischen Kunstgriff: Weil damit alles geklärt ist und der "Sachaufklärung" Genüge getan wurde, verzichtet Richter Strick auf die Vernehmung der vielen geladenen Zeugen, darunter auch die beiden Opfer und Nebenklägerinnen. Eine der beiden wird von Prominenz vertreten: Reinhard Birkenstock, Staranwalt aus Köln und früherer Vertreter des Wettermoderators Jörg Kachelmann in dessen Vergewaltigungsprozess 2010, sitzt in Trier an ihrer Seite. Tatsächlich gebraucht werden seine Dienste in der Hauptverhandlung kaum, es bleibt bei einigen Fragen und einem kurzen Plädoyer, in dem er fordert, seine Mandantin wolle "einfach in Ruhe gelassen werden".
Das Gericht verurteilt die beiden Angeklagten zu Freiheitsstrafen auf Bewährung: vier Monate für die Tochter, zehn Monate für die Mutter, deren Vorstrafenregister neun Seiten umfasst und im Jahr 1971 beginnt. Ihr Geständnis wirkt ebenso strafmildernd wie ihre angegriffene Psyche: Der Bruder und Sohn der beiden Angeklagten wurde 2012 ermordet. "Das ist ein furchtbares Erlebnis", räumt der Richter ein. "Aber auch familiärer Kummer gibt nicht das Recht, prügelnd über andere herzufallen."
Mutter und Tochter verzichten auf Rechtsmittel, das Urteil ist rechtskräftig. Nach dem Prozess werden beide von ihrer Familie mit Blumensträußen empfangen.