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Appartements für Autisten entstehen in Trier

Soziales : Unterschiedliche Charaktere unter einem Dach

Viele erwachsene Autisten können nur bei ihren Eltern wohnen. Deswegen entsteht in Trier-Filsch ein Wohnkomplex für Menschen mit und ohne Handicap.

Brigitte Pfeiffer-Jung versucht Worte dafür zu finden, jemandem die Innenwelt eines Autisten zu erklären: „Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Mittelpunkt. Um Sie herum sind 20 Menschen und jeder liest Ihnen ein Buch vor. Sie nehmen alles gleichermaßen wahr. Sie können nichts selektieren. Nichts filtern. Nicht Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden. Jedes Detail bleibt bei Ihnen hängen.“ Pfeiffer-Jungs eigener Sohn ist Autist. Als sie die Auffälligkeiten bemerkt, gründete sie eine Elterninitiative. Heute ist sie Vorsitzende des Vereins Autismus Trier.

Stets ist sie mit Herausforderungen konfrontiert: „Es gibt kaum Einrichtungen, die sich auf die Belange von Autisten spezialisiert haben. Und wenn es sie gibt, dann haben sie lange Wartelisten und sind weit weg.“ Das bedeutet, dass viele Eltern ihre lange erwachsenen Kinder, unter ungeheuren Anstrengungen, bis zur Erschöpfung zu Hause versorgen müssen – ein eigenes, selbstbestimmtes Leben ist so weder für die autistischen Kinder noch für deren Eltern möglich. „Wir Eltern haben uns immer schon gefragt, was wir machen, wenn unsere Kinder älter werden“, erklärt Pfeiffer-Jung. „Denn auch sie wollen auf eigenen Füßen stehen. Und irgendwann gibt es uns nicht mehr.“

Es war Zufall, dass sich Ulrike Reichmann (Projektleiterin bei Autismus Trier) und Hermann-Joseph Schönhofen von der Firma Samok-Bau vor drei Jahren kennengelernt haben. Sie waren schnell auf einer Wellenlänge und fassten einen Entschluss: Menschen mit einer Autismus-Störung ein weitgehend selbstbestimmtes Leben außerhalb des Elternhauses oder einer spezialisierten Einrichtung zu ermöglichen. Auch die Antonia Ruut Stiftung hat Wind davon bekommen und klinkte sich in die Planungen ein. „Damals wussten wir noch nicht, was das für ein Abenteuer wird“, sagte Reichmann. Gemeinsam haben sie ein Konzept erarbeitet, ein Grundstück gesucht und sämtliche Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. „Es war ein steiniger Weg bis hier hin und ich kann es auch nicht glauben, dass wir jetzt hier stehen“, sagt Schönhofen beim Spatenstich. „Jetzt bauen wir erst mal ein solides Fundament.“

In Trier-Filsch entstehen Appartements für Autisten und Menschen ohne Autismus. Die meisten Autisten würden nicht in eine WG ziehen wollen, sagt Pfeiffer-Jung, sondern in eine eigene Wohnung. „Mit geschützter Atmosphäre und reizarmer Umgebung.“ Die sei sehr wichtig. Bei Autisten komme es nämlich schnell zu einer Überbelastung infolge einer Reizüberflutung. Dann reihen sich Geräusche, Bilder, Gerüche aneinander und überfordern sie. Alles wird ihnen dann zu viel. Es entsteht ein Chaos aus Eindrücken und Gefühlen im Kopf. Und dann kann es sein, dass die Betroffenen kein Ventil mehr haben. Vielleicht schlagen sie um sich oder schreien hysterisch. Verletzen sich selbst oder andere. Es gibt verschiedene Formen, wie sich Autismus äußern kann. Diese Ausraster haben immer nur ein Ziel: Das Chaos im Kopf verschwinden zu lassen.

Viele wissen, dass sie sich daneben benehmen, können sich aber nicht kontrollieren. Sie können sich nur begrenzt in andere hineinversetzen. Sie möchten zwar soziale Kontakte haben, aber dafür fehlt es ihnen an Einfühlungsvermögen. Menschen, die nicht betroffen sind, können sich das kaum vorstellen. Für die sozialen Kontakte soll das besondere Wohnkonzept sorgen. Im gleichen Gebäudekomplex werden Menschen ohne Autismus leben. So wird es zu einem Inklusionsprojekt. Zu einem Raum für Menschen mit und ohne Autismus, die einander auf Augenhöhe begegnen. Es geht um Eingliederung in die Alltagswelt und darum, dass Hilfsbedürftigkeit zum Menschsein gehört.

„Es gibt kaum vergleichbare Wohnprojekte für Autisten. Wenn  alles glatt läuft, dann können die zukünftigen Bewohner im Oktober 2019 einziehen“, sagt Schönhofen von der Firma Samok-Bau. „Es gibt großen Bedarf und lange Listen von Interessenten.“ „Ich bin überzeugt, das wird ein tolles Projekt“, sagt Elvira Garbes, Bürgermeisterin der Stadt Trier.