"Armutszeugnis" für Mainz

TRIER. Eltern von Zweitklässlern trafen sich vor der Grundschule Mariahof, um gegen die aktuelle Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz zu demonstrieren. "So, wie es ist, kann es nicht weitergehen", sagen sie.

Die Zweitklässler der Grundschule Mariahof drückten sich an den Fensterscheiben die Nasen platt, um nichts von dem Auftritt ihrer Eltern zu verpassen. Die hatten sich pünktlich zum Schulbeginn auf dem Schulhof versammelt, um mit Plakaten und Trillerpfeifen gegen die Beschlüsse der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) zu demonstrierten. Weil der Behörde 26 Schüler für zwei Klassen zu wenig waren, legte die ADD zu Schuljahrsbeginn die beiden ehemaligen ersten Klassen in die neue und einzige zweite Klasse zusammen und versetzten kurzfristig eine der beiden Lehrerinnen auf eine neue Schule. Ein ähnliches Schicksal ereilte auch die beiden ehemaligen zweiten Klassen, die jetzt in eine dritte zusammengelegt worden. "Das sind unzumutbare Zustände für unsere Kinder", sagt Jutta Albrecht, Elternsprecherin der betroffenen zweiten Klasse. Besonders prekär sei die Situation, weil fast ein Drittel der 26 Schüler aus schwierigen sozialen Verhältnissen entstamme oder nur über schlechte Deutschkenntnisse verfüge, sagt Albrecht. Rudolf Beys, Vater und Mitstreiter, hat bereits schlechte Erfahrungen mit Klassenzusammenlegungen gemacht: "Im vergangenen Jahr musste schon mal eine Lehrerin beide Klassenteile aus Krankheitsgründen übernehmen. Das hat überhaupt nicht funktioniert", beklagt Beys. Dies sei der ADD auch in den Sommermonaten mitgeteilt worden. Weil die Klassen dennoch zusammengelegt wurden, überreichte gestern die versammelte Elternschaft dem Land Rheinland-Pfalz in der Person des Schuldirektors Norbert Feichtner ein "Armutszeugnis". Landesregierung pädagogisch mangelhaft

Darin wird in Schulnoten dargestellt, dass die Landesregierung in Mainz weder über eine pädagogische Qualifikation (Schulnote 5) verfüge, noch auf die speziellen Bedürfnisse der Grundschüler in Mariahof eingehe (6). "Wir möchten mit dieser Aktion darauf aufmerksam machen, dass in der Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz scheinbar Zahlen und nicht Menschen im Vordergrund stehen", sagt Albrecht. Norbert Feichtner, Direktor der Grundschule Mariahof, freut sich über das Engagement der Eltern: "Ich verstehe allerdings auch den Zwang der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion. Das sind Verwaltungsvorschriften, die nicht überbrückbar sind. Demnach sind 13 Schüler zu wenig für eine Klasse", sagt Feichtner. Inge Herold, derzeitige Lehrerin der 26 Schüler in der zweiten Klasse, hätte dennoch gern die kleineren Klassen behalten: "Natürlich lässt sich in Kleingruppen besser lernen als in einer großen Klasse", sagt Herold. Ein Leistungsabfall bei den Schülern sei deshalb kaum zu vermeiden. Aber auch für die Lehrer bedeute die Zusammenlegung mehr Stress: "Zum Glück können wir bei besonders viel Arbeit auf die Unterstützung der Kollegen bauen", sagt Herold. Dennoch fordert sie ein Umdenken in der Bildungspolitik. "Der Unterricht muss mehr auf die veränderte Kindheit der Schüler eingehen", sagt Herold. Häufig arbeiten beide Elternteile. Da sollte die Schule eine größere Rolle in der Erziehung übernehmen, findet Herold. Auch die Eltern der betroffenen Grundschule hoffen, dass das Land seine Bildungspolitik überdenkt. "Denn so, wie es ist, kann es nicht weitergehen", sind sich Lehrer und Eltern einig.