Audimax statt Theatersaal
"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" - das wusste schon Bertolt Brecht, als er 1928 die Dreigroschenoper schrieb. Knapp 80 Jahre später, so scheint es, hat sich an diesem Leitspruch nicht viel geändert. Dieser Linie blieb auch die Inszenierung von Studierenden der Universitäten in der Großregion treu: Auf der spartanischen Hörsaalbühne im Audimax der Universität Trier hat die Dreigroschenoper auch ohne viel Pomp nichts an ihrer originären Aussagekraft verloren. Im Gegenteil.
Trier. Orchestergraben? Fehlanzeige. Aufwändige Bühne mit Rotationselement? Auch Fehlanzeige. Wer unlängst im Trie- rer Theater weilte, hat freilich noch das viel diskutierte Bühnenarrangement der Dreigroschenoper-Inszenierung in Erinnerung. Bemerkenswert, dass Studierende der Universitäten Trier, Luxemburg, Saarbrücken, Metz und Nancy das Theaterstück auch ohne dramaturgischen Schnickschnack auf die Bühne bringen konnten - gezwungenermaßen, denn das Audimax ist nun mal kein Opernsaal. Noch nicht. Denn die Leistung der elf studentischen Darsteller verleitete den einen oder anderen Besucher zur genüsslichen Feststellung, dass die Vorstellung im Theater Trier ja nun auch nicht besser gewesen sei. Die multiuniversitäre Inszenierung unter luxemburgischer Federführung verlor durch die Komprimierung auf 75 Minuten zwar an Facettenreichtum, konzentrierte sich aber umso mehr auf den ursprünglichen Gehalt der Koproduktion von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Mit Klassikern wie der "Moritat von Mackie Messer" blieb der gesellschaftskritische Charme trotz des einen oder anderen unsauberen Tons erhalten. Die Geschichte der "Oper" ist dabei nicht minder sozialpolitisch aufgeladen: Polly Peachum (Lotte Nawothnig) verkündet ihren Eltern, dass sie heimlich Macheath, genannt Mackie Messer (Marcos Ewert), den Chef einer Straßenräuberbande, geheiratet hat. Durch dessen Kontakte zum Londoner Polizeichef Tiger Brown (Yael Fregier) ist er vor strafrechtlicher Verfolgung gefeit - scheinbar.Gesellschaftskritik und beißender Zynismus
Denn Pollys Eltern, allen voran Vater Jonathan Jeremiah Peachum (Ben Everding), der Chef einer Bettlerbande, will sich seines Widersachers entledigen und Mackie sprichwörtlich ans Messer liefern. Nicht nur in Form des zynischen Jonathan Peachum ("Was macht man, wenn man verheiratet ist? Man lässt sich scheiden."), sondern auch in der eklatanten Dreistigkeit des Mackie Messer steckt soziopolitischer Sprengstoff. So könnte das "Lied der Unzulänglichkeit" auch im Jahr 2007 geschrieben worden sein: "Für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug, drum ist all' sein Streben nur ein Selbstbetrug." Für die beteiligten Studenten, allesamt aus rund 60 Bewerbern ausgewählt, bedeutete das Mitwirken viel Arbeit: Proben während der Semesterferien, Premiere im Luxemburger Theater im April, anschließend Tournee durch die Großregion - parallel zum Semester. "Das war trotzdem kein Problem", sagte Politikstudentin Lotte Nawothnig von der Universität Trier nach der Aufführung. Mit der Figur der Polly Peachum hatte sie eine Hauptrolle übernommen und viel Text zu lernen. Umso mehr freute es die Beteiligten, dass die studentische Inszenierung dem Publikum überaus positiv in Erinnerung geblieben ist. Auuch ohne ablenkende Rotationskulisse.