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Auf den Spuren der NS-Opfer in Trier

Geschichte : Auf den Spuren der NS-Opfer in Trier

Eine Stadtführung der AG Frieden und des Vereins Schmit-z erinnert an die Verfolgung von Homosexuellen.

Trier vergisst nicht. Nicht die Römer, nicht Karl Marx und auch nicht die Opfer des Nationalsozialismus. Das war die Botschaft eines Stadtrundgangs, zu dem die Arbeitsgemeinschaft Frieden (AGF) und das schwul-lesbische Zentrum Trier (SCHMIT-Z) am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eingeladen hatten.

Diese politische Aussage wurde durch die Teilnahme von 25 Interessierten unterstrichen, die sich bei Regenwetter auf die Spuren von Nazi-Opfern begaben. Einer von ihnen war Oberbürgermeister Wolfram Leibe. Er dankte den Organisatoren dafür, die Erinnerung an die Verfolgten des Nationalsozialismus in Trier wach zu halten. Thomas Zuche (AGF) begrüßte die Teilnehmer mit dem Hinweis, dass die Nazis gegen Andersglaubende, Andersdenkende und Andersliebende vorgegangen seien. Menschen mit homosexueller Orientierung seien als angebliche Volksfeinde kriminalisiert und inhaftiert worden.

Der berüchtigte Paragraph 175 des Strafgesetzbuches stellte homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Nach Schätzungen wurden zwischen 10 000 und 15 000 Homosexuelle in Konzentrationslager verschleppt. Sie trugen auf ihrer Häftlingsuniform einen rosa Winkel.

Die Sterblichkeitsrate der Homosexuellen lag bei mehr als 50 Prozent und damit noch über der Todesrate der politischen Häftlinge und der „Ernsten Bibelforscher“ (heute: Zeugen Jehovas).

Während es vor 1933 homosexuelle Freundeskreise etwa in Saarbrücken und Koblenz gab, ist dies von Trier nicht bekannt. In der Bischofsstadt habe die katholische Kirche die öffentliche Meinung geprägt, die in homosexuellen Beziehungen zwischen Männern oder Frauen ein sündhaftes und moralisch verwerfliches Handeln gesehen habe, erklärte Zuche. Die Nazis hätten an diese Einstellungen angeknüpft und einen Unterdrückungsapparat installiert.

Wie das Menschen in Trier betraf, wurde an fünf Stationen geschildert. Toni Schneider (AGF) erzählte am Südbahnhof die Geschichte von Christian Pfeil, der als Sohn einer Sinti-Familie 1944 im KZ geboren wurde und später eine Gaststätte am Südbahnhof führte. Sein Lokal wurde nach dem Krieg zweimal überfallen und zerstört, wobei die Täter rosa Hakenkreuze und SS-Runen hinterließen.

Uli Dann (AGF) erinnerte in der Hohenzollernstraße an das Schicksal der Zwillinge Ernst und Leo Salomon. Sie wurden als Homosexuelle verhaftet und zu Menschenversuchen missbraucht. Leo starb im Gefängnis in Wolfenbüttel, Ernst wurde in Auschwitz ermordet.

In der Saarstraße hörten die Teilnehmer die Lebensdaten von Gertrud Schloß. Sie war Schriftstellerin, Pazifistin, Jüdin und lesbisch. Schloß entzog sich der Verfolgung durch Umzüge nach Frankfurt am Main und Luxemburg, wo sie 1941 in die Fänge der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) geriet und ins besetzte Polen deportiert wurde. Die Triererin wurde kurze Zeit später im Vernichtungslager Chelmno/Kulmhof ermordet. Tamara Breitbach (AGF) gedachte der begabten Literatin, deren Leben von den Nazis mit 42 Jahren gewaltsam beendet worden war.

Vincent Maron (Schmit-z) berichtete vor der Jesuitenkirche von den „Sittlichkeitsprozessen“, die die Nazis 1937 gegen katholische Ordensleute und Priester angestrengt hatten. Sie waren wegen homosexueller Handlungen und sexuellen Missbrauchs angeklagt worden. Die Nazi-Presse nahm das zum Anlass, reichsweit über die katholische Kirche als „Sündenpfuhl“ herzuziehen. Neben der Verfolgung von Einzelnen sollte damit der Einfluss der katholischen Kirche – auch in Trier – zurückgedrängt werden.

Die Teilnehmer beendeten die Stadtführung im Café des Schmit-z in der Mustorstraße, wo Thomas Zuche an den Trierer Dachdecker Damian Reis erinnerte. Er war Häftling im KZ Sachsenhausen und fiel dort einer Mordaktion an Homosexuellen zum Opfer – einen Tag vor seinem 47. Geburtstag. Das Andenken der Ermordeten Gertrud Schloss, Ernst und Leo Salomon und Damian Reis bewahren „Stolpersteine“. Aus der Teilnehmergruppe wurden die Steine mit Kerzen und Blumen geschmückt.

Zuche beendete die Stadtführung mit einem Dank an alle Teilnehmer. Sie hätten heute ein Zeichen des respektvollen Erinnerns gesetzt. In einem solchen Umgang mit Minderheiten zeige sich die Liberalität und Menschenfreundlichkeit einer Gesellschaft.

Mehr Infos im Internet unter www.agf-trier.de

(red)