Auf den Spuren ihrer Vergangenheit

Auf den Spuren ihrer Vergangenheit

TRIER-WEST/PALLIEN. Ein schwerer und erleichternder Schritt zugleich war die Reise nach Trier für Roselies Hirschland. Die 83-Jährige lebt in Brüssel, wohnte mit ihrer Familie bis 1934 aber in Trier, zuletzt in der Bonnerstraße 43 in Pallien. Dort erinnern vor dem Wohnhaus drei Stolpersteine an die leidvolle Geschichte ihrer Familie. Denn ihre Eltern und der jüngere Bruder wurden nach Auschwitz deportiert und 1942 ermordet.

Es war ein berührender Moment, als Roselies Hirschland mit ihrer Tochter Liliane aus dem Auto stieg und zum ersten Mal nach über 70 Jahren wieder vor ihrem ehemaligen Wohnhaus stand. Zwar besuchte die in Brüssel lebende 83-Jährige mit ihrem Mann Trier schon einmal zuvor, aber ans Palliener Ufer ist sie nicht gefahren. Zu schmerzvoll waren die Erinnerungen an die Vergangenheit. Historiker Thomas Schnitzler, der sich mit dem Kulturverein Kürenz für das Projekt "Stolpersteine" in Trier stark macht, hat seit 2004 die Spuren der Geschichte von Roselies Hirschlands Familie aufgespürt. Vom Referat für Städtepartnerschaften erhielt er eine Liste von Angehörigen jüdischer Opfer. Er schrieb einige Angehörige an, darunter Zeev Steinberg, der in Israel lebt und mit der Familie Hirschland verwandt ist. Er gab den entscheidenden Hinweis auf Roselies Hirschland, die nach einiger Korrespondenz der Verlegung von drei Stolpersteinen für ihren Vater Ernst Bernheim (geboren 1888), Mutter Henriette Bernheim (geboren 1902) und ihren jüngeren Bruder Wolfgang Bernheim (geboren 1928) zustimmte, die Gunter Demnig Mitte Januar 2006 in den Gehweg einsetzte. Der heutige Hausbesitzer Günter Kimmlingen begrüßte Roselies Hirschland und ihre Tochter und lud sie in den Garten des Hauses ein. "Sie haben mir damit eine große Freude bereitet", dankte Hirschland Kimmlingen. "Als Kind habe ich auch in diesem Garten gespielt. Dort stand ein Mirabellenbaum, den man nur schütteln brauchte, und der ganze Boden lag voller Früchte. Als Kinder durften wir aber nie ganz bis an die Felsen gehen, denn es fielen damals immer einmal Steine herunter", erinnert sie sich. Den Weg zum Weißhaus, das oberhalb des Grundstückes gelegen ist, stieg sie häufig mit ihren Großeltern hinauf. Ermordet in Auschwitz

Doch die Idylle hielt nicht lange. Roselies besuchte zunächst eine Privatschule und ging dann das erste Jahr auf das Auguste-Viktoria-Gymnasium. Durch die nationalsozialistische Rassenideologie wurde dem damals elfjährigen jüdischen Mädchen der Schulbesuch verboten. "Das war für meinen Vater der Hauptgrund, so schnell wie möglich aus Trier raus zu kommen." Die Familie verließ die Stadt 1934 zunächst Richtung Luxemburg, im Herbst 1939 siedelte sie nach Brüssel um. "Das war der schönste Tag für meinen Vater, als wir in Belgien ankamen und er uns in Sicherheit glaubte. Wir wollten eigentlich nach Amerika, aber das ging nicht so einfach. Wahrscheinlich hätten meine Eltern und mein Bruder dann überlebt", sagt Hirschland. Sie selbst ist durch einen Zufall der Inhaftierung und Deportation im Juli 1941 entkommen und wurde daraufhin von Freunden versteckt. Doch ihre Eltern und ihr Bruder konnten diesem Schicksal nicht entgehen. Sie wurden nach Auschwitz deportiert und dort 1942 ermordet. "Frau Hirschland ist nach der Besichtigung sehr erleichtert, sich zu diesem Schritt des Gedenkens entschieden zu haben. Sie hatte gegenüber ihren Töchtern lange nicht über das Schicksal ihrer Eltern und ihres Bruders gesprochen. Sie ist nun froh, dieses verdrängte Kapitel ihrer Geschichte am Ort ihrer letzten gemeinsamen Erinnerungen mit ihrer Familie aufgreifen zu können", sagt Historiker Schnitzler.

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