Obdachlosigkeit im Winter: Auf der anderen Seite des Fensters

Obdachlosigkeit im Winter : Auf der anderen Seite des Fensters

Als ihn seine Verlobte rauswirft, ahnt Michael Kramer noch nicht, dass er nun zweieinhalb Jahre ohne Wohnung leben wird. Er ernährt sich von geschenkten Pizzen, rasiert sich am Bahnhof – und wartet, bis sie endlich anruft.

Es ist nur ein Fenster, aber für Michael Kramer bedeutet es die Welt. Indem der 57-Jährige an diesem verregneten Winterabend von seinem Bett aufsteht, barfuß durch sein Schlafzimmer geht und das gekippte Fenster schließt, sperrt er den Lärm der Feiernden auf der Straße aus, er sperrt den kalten Regen aus, und er sperrt irgendwie auch seine Angst aus.

Seit fast zwei Jahren lebt er in seiner Trierer Wohnung in Sicherheit und muss sich nicht mehr sorgen, von Wachdiensten vertrieben, von Tieren gestört oder von betrunkenen Partygästen als „Scheißpenner“ bedroht zu werden. Die Alpträume von seiner Zeit auf der Straße sind erst vor wenigen Monaten verschwunden.

Bis ihn seine Verlobte im Sommer 2014 nach einem Streit aus der gemeinsamen Wohnung in Kordel wirft, kann er sich im Traum nicht vorstellen, dass er eine Bleibe einmal so sehr schätzen wird wie heute. Damals trägt er schwer am Tod seiner Mutter. Er arbeitet nicht, säuft, und im Streit werfen sich die beiden Dinge an den Kopf, die man nicht mehr zurücknehmen kann. Als sie ihn vor die Tür setzt, ahnt er noch nicht, dass er nun zweieinhalb Jahre ohne Wohnung leben wird. Fast die ganze Zeit wartet er darauf, dass sein Handy klingelt und sie sich meldet. Selbst anzurufen, traut er sich in dieser Zeit nicht, erzählt er heute. Er beantragt kein Geld beim Arbeitsamt, er sucht nach keiner Wohnung. Er schläft auf Bänken und Pappkartons rund um Trier und wartet auf den einen Anruf.

Als seine Verlobte wenige Monate später nach Dortmund zieht, reist er ihr hinterher und lebt ab sofort auf den Straßen Dortmunds und der nahe gelegenen Stadt Iserlohn. Der gebürtige Berliner, der früher einmal als ausgebildeter Rettungssanitäter und als Reinigungskraft gearbeitet hat, bittet nun in Pizzerien und Bäckereien um Nahrung und rasiert sich am Bahnhof. Hin und wieder bettelt er, um sich Rasierer, Deo, Zigaretten oder eine Limo zu leisten, erzählt er. Das Trinken hat er inzwischen wieder im Griff.

Ein Heim für Wohnungslose sucht er in Dortmund nicht auf – aus Angst, beklaut zu werden oder in eine Schlägerei zu geraten. Auch als es Winter wird, schläft er bei McDonald’s, in Banken und in Parks – eingerollt, mit seinem Rucksack fest umklammert. Im Rucksack verstaut er nur ein paar Klamotten und Hygieneartikel; er besitzt weder Isomatte noch Schlafsack. Hin und wieder kommt er bei einem alten Freund unter, aber lang bleibt er von sich aus nie. Er will niemandem zur Last fallen.

Und immer noch: Die Verlobte ruft nicht an. Pläne für die Zukunft schmiedet er keine. Seine Gedanken kreisen vor allem darum, woher er die nächste Mahlzeit bekommt, wo er sich waschen kann und an welchem Platz er einigermaßen sicher durch die Nacht kommt. Die Monate ziehen wie in Trance an ihm vorüber.

Zwischendurch lädt ihn sein Schwager nach Berlin ein und verspricht, ihm einen Job zu vermitteln. Daraus wird nichts, und zu Gast in der kleinen Wohnung wird es ihm zu eng. Er lebt einige Monate als Obdachloser in Berlin, dann kehrt er nach Dortmund zurück. Kälte und Nässe lassen seine Schultern und Knie immer schlimmer schmerzen, seine Waden verkrampfen sich regelmäßig. „Irgendwann habe ich gemerkt: Der Körper macht das nicht mehr mit“, sagt er heute.

Als ihm ein altes Paar im Herbst 2015 hundert Euro dafür gibt, dass er für einige Stunden im Haushalt hilft und ihr Auto wäscht, freut er sich über die Geste und fasst neuen Mut. „Mir wurde klar, dass ich so nicht bis ins Alter leben kann“, sagt er.

Michael Kramer gibt sich einen Ruck und macht sich mangels Geld zu Fuß auf den Weg von Dortmund nach Trier. Für die letzte Strecke ab Wittlich findet er einen Mann, der ihn im Auto mitnimmt. Sein Ziel: Das Trierer Benedikt-Labre-Haus, in dem Wohnungslose übernachten können. Er kennt den Einrichtungsleiter Werner Schultze und vertraut ihm. Für seinen Weg braucht er drei Wochen, weil sein Körper nicht mehr mitmacht. Dehydriert, mit rasendem Puls und mit schmerzenden Gliedern landet er der Reihe nach in einem Bonner Krankenhaus, in einem Neuwieder Krankenhaus und schließlich im Trierer Mutterhaus, erzählt Kramer. „Meine Füße haben sich angefühlt, als würde ich über Reißnägel gehen.“

Die Rechnungen, insgesamt über mehrere Tausend Euro, wird er später selbst zahlen, weil er nicht krankenversichert ist. Aber das ist jetzt erst einmal egal – im Benedikt-Labre-Haus hat er jede Nacht ein Dach über dem Kopf, bekommt zwei Mahlzeiten am Tag und fühlt sich sicherer als auf der Straße. Während er bis vor Kurzem noch keinem zur Last fallen wollte, denkt er jetzt anders: „Mir ist klar geworden, dass es in Ordnung ist, auch mal Hilfe anzunehmen“, sagt er.

Und dann ruft die Verlobte an.

Die beiden treffen sich, aber er merkt schnell: Diese Beziehung will ich nicht mehr. Zu schwer wiegt die Enttäuschung darüber, wie lange sie sich nicht gemeldet hat. Er konzentriert sich stattdessen auf den neuen Job bei der Möbelbörse der Caritas, den ihn der Heimleiter Werner Schultze vermittelt. Im Januar 2017 zieht er in seine erste Wohnung seit Beginn der Obdachlosigkeit, eine Wohnung der Caritas.

Jetzt, da die Alpträume langsam verschwunden sind und Ruhe in sein Leben eingekehrt ist, lässt er sein Fenster nachts manchmal geöffnet. Dann lauscht vor dem Einschlafen den Geräuschen der Straße, und er weiß: Was auch immer da draußen vor dem Fenster geschieht – es muss mich nicht stören. Denn heute liege ich auf der anderen Seite.

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