1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Auf der Spur der Reifenstecher

Auf der Spur der Reifenstecher

Viele Trierer Autofahrer erleben am Dienstagmorgen eine böse Überraschung, als sie sich auf den Weg zur Arbeit machen wollen. Unbekannte Täter haben in mindestens zwölf Straßen quer durch die Stadt die Reifen der dort geparkten Fahrzeuge zerstochen. Noch sind nicht alle Fälle bekannt, 150 Betroffene haben bisher Anzeige erstattet.

Trier. In der Hubert-Neuerburg-Straße herrscht der Ausnahmezustand. Wütende und geschockte Fahrer stehen neben ihren Autos und begutachten den Schaden: Manchmal ist ein Reifen platt, manchmal zwei oder alle vier. Viele Besitzer haben bereits ein Handy am Ohr und informieren die Polizei oder den ADAC, andere sind bereits dabei, den zerstörten Reifen zu wechseln. Der Start in den Arbeitstag wird sich gewaltig verzögern.
Szenenwechsel: Schon um kurz vor sechs am Dienstagmorgen klingelt ein Nachbar bei Dirk Kirsten in der Maximineracht. "Du hast nen Platten", sagt der hilfsbereite Mann und bietet sich an, beim Reifenwechsel zu helfen. Kirsten vermutet zunächst, die Luft sei aus dem Reifen gewichen. "Ich hab mir den Reifen dann genauer angesehen und einen Einstich gefunden", berichtet der Familienvater. Ein Dutzend Autos haben allein in der Maximineracht ebenfalls jeweils einen Platten. Nachbarn stehen auf der Straße und berichten von weiteren Fällen. Kirsten informiert die Polizei, die gegen sieben Uhr vorbeischaut und seine Anzeige aufnimmt.
Von Trier-Süd und Trier-Mitte durch Trier-Ost bis nach Kürenz führt der Pfad der Verwüstung, den die Täter hinterlassen haben. Im Verlauf des Dienstagmorgens melden sich immer mehr Betroffene bei der Polizei Trier. "Die Kollegen kommen mit der Aufnahme der Anzeigen nicht mehr hinterher", sagt Monika Peters, die Sprecherin des Polizeipräsidiums Trier. Schon gegen acht Uhr haben sich 30 Opfer gemeldet, im Lauf des Tages steigt die Zahl auf mehr als 150 an. "Es ist zu befürchten, dass noch weitere Autofahrer betroffen sind", sagt Peters. Wahrscheinlich werden weitere Geschädigte, die momentan verreist sind oder ihre Wagen nicht jeden Tag nutzen, noch dazukommen.Durch vier Stadtteile


Die Route der Täter, zusammengestellt auf der Basis der bis jetzt bekannten Fälle, führt durch vier Stadtteile. Offenbar sind die Reifenstecher durch die Hubert-Neuerburg-Straße und die Saarbrücker Straße, Saarstraße, Bäderstraße und Weidegasse gezogen. In all diesen Straßen wurden Fälle gemeldet. Dann kommt ein Sprung über Südallee und Kaiserstraße in die Wechselstraße, Germanstraße, Kuhnenstraße und Seitzstraße, in der bis jetzt 17 Opfer Anzeige erstattet haben. Auch an Kornmarkt waren der oder die Täter unterwegs. "Der Parkplatz hinter dem Bitburger Wirtshaus ist ebenfalls betroffen", meldet Polizeisprecherin Peters. Auf der Internetplattform Facebook melden weitere Betroffene Fälle am Sieh-um-Dich-Parkplatz und in der Dominikanerstraße vor dem Auguste-Viktoria-Gymnasium.
Die Route führt weiter nach Osten über die Bahngleise in die Schützenstraße, Bergstraße und Kurfürstenstraße. Der nördlichste der bisher bekannten Tatorte ist die Leanderstraße in Kürenz.
"Der oder die Täter sind mit hoher Wahrscheinlichkeit gesehen oder von privaten Videokameras aufgezeichnet worden", sagt Monika Peters. Die Polizei bittet deshalb Firmen oder Privatpersonen, die Parkflächen in der Stadt mit Videoanlagen überwachen, eventuell verdächtige Aufnahmen zu melden, die in Zusammenhang mit dem Reifenstecher stehen könnten. Hinweise nimmt die Polizei Trier unter der Nummer 0651 9779 3200 entgegen.
Zusammen mit der Polizei war auch der ADAC am Dienstag im Dauereinsatz. Bei mehr als einem platten Reifen hatten viele Opfer weder Mittel noch Möglichkeiten, den Schaden selbst zu beheben. "Das ist Wahnsinn", sagt Reinhard Moll vom ADAC Regionalclub Mittelrhein in Koblenz. "Es sind mittlerweile mehr als 50 Fälle, in denen wir geholfen haben. Das ist eine absolute Ausnahmesituation."Extra

Zerstochene Reifen sind ein Sonderfall, für den kein automatischer Versicherungsschutz besteht. Die Teilkaskoversicherung scheidet hier vollkommen aus, sie greift nicht. Eine Vollkaskoversicherung deckt zwar Vandalismusschäden ab, die von "mut- oder böswilligen Personen" verursacht werden. Aber: Wenn der Täter nur und ausschließlich die Reifen zerstört, besteht kein Versicherungsschutz. Nur wenn er darüber hinaus weitere Schäden anrichtet, den Lack zerkratzt oder die Spiegel abtritt, greift die Vollkaskoversicherung. Denn in einem solchen Fall wird der Angriff des Vandalen als "einheitliche Handlung" gesehen, der Versicherungsschutz schließt dann die Reifen mit ein. Viele Versicherer bieten zusätzliche Reifen- und Räderversicherungen gegen Diebstahl und Beschädigung an. jp