Aus Afghanistan geflüchtet, in Trier angekommen

Aus Afghanistan geflüchtet, in Trier angekommen

Während die weitaus meisten jugendlichen Asylsuchenden in Gemeinschaftsunterkünften leben, ist der 16-jährige Mohammad bei einem Trierer Ehepaar untergekommen. Behutsam führen die Gasteltern den jungen Afghanen an das Leben in Deutschland heran, das ihm immer wieder sonderbar erscheint - zum Beispiel der Umgang mit Haustieren.

Trier. Mohammad (16) stammt aus Afghanistan und ist einer von 64 jungen Flüchtlingen in Trier, die ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge heißen sie in der Amtssprache. Die meisten, 31, leben gemeinsam mit Verwandten in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa), 27 sind in Sammelunterkünften wie dem Walzwerk untergebracht, vier in den Wohnungen von Verwandten. Mohammad gehört zu der kleinsten Gruppe: Er lebt - wie neben ihm nur ein einziger Flüchtling - in einer Trierer Gastfamilie.
Mohammads Pflegeeltern, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten, helfen dem 16-Jährigen bei den Hausaufgaben, kochen und arbeiten zusammen mit ihm im Garten. Sie fangen den jungen Flüchtling auf, versuchen, gute Erfahrungen gegen die schlimmen zu setzen, die Mohammad auf seiner Flucht von Afghanistan nach Deutschland erlebt hat: die Schläge von Polizisten, die Stunden, die ihn Schlepper in engen Kofferräumen gefangen hielten.
Seit 2015 ist Mohammad in Deutschland, zunächst lebte er in einer Wohngruppe in Trier-Ehrang. Übergangsweise sollte er zu Pflegeeltern, um zu schauen, ob er sich dort wohler fühle. Das lief gut, und auf Antrag der Pflegefamilie hin durfte Mohammad bleiben und musste nicht, wie ursprünglich vorgesehen, nach Neuwied gehen.
Der pensionierte Pflegevater und die politisch engagierte Pflegemutter haben den Flüchtling aufgenommen, weil sie einerseits genügend Zeit zur Verfügung haben und sich andererseits in der Pflicht sahen angesichts der vielen jugendlichen Flüchtlinge in Deutschland, die eine Pflegefamilie suchen. Rund 15 000 unbegleitete Minderjährige stellten allein 2015 einen Antrag auf Asyl.
Trier ist ein Schwerpunktjugendamt in Rheinland-Pfalz für die Betreuung minderjähriger Flüchtlinge. Neben den 64 in der Stadt untergebrachten Jugendlichen betreut es 37 weitere, die außerhalb Triers leben. Potenzielle Pflegefamilien sieht sich das Jugendamt genau an.
Dabei geht es nach Auskunft von Ralf Frühauf, Pressesprecher der Stadt Trier, unter anderem um folgende Kriterien: Die Gasteltern müssen ein geeignetes Zimmer zur Verfügung stellen, bereit und in der Lage sein, kurzfristig eine Beziehung zu den jungen Menschen aufzubauen und sich mit Sprachbarrieren und fremden Sitten auseinanderzusetzen. Außerdem sollten sie auf die Unterstützung ihrer Familie und Freunde bauen können. Schließlich dürfen sie keine finanzielle Motivation haben - es also nicht auf die Pauschalen abgesehen haben, die sie für materielle Aufwendungen und Pflege erhalten.
Mohammads Gasteltern verbringen viel Zeit mit ihm. Das Ehepaar hat seinen Alltag auf ihn abgestimmt und integriert ihn so gut wie möglich. Er besucht die Berufsbildende Schule für Gewerbe und Technik, wo er in Deutsch, Mathematik und Sozialkunde unterrichtet wird. In Deutschland alltägliche Dinge wie Schwimmen oder Radfahren musste Mohammad erst lernen. "Ungewohnt war anfangs die Wichtigkeit der Uhr", erzählt Mohammad. "Und dass die Menschen hier zusammen mit Haustieren wohnen." Die Pflegemutter sagt, das Schöne am Zusammenleben sei das Kennenlernen einer neuen Kultur aus erster Hand. Durch Mohammad habe sie viel über das Land und seine Probleme, aber auch über das Essen und Leben dort erfahren.
Kein Kontakt zur Familie


Grundsätzlich würden weiter geeignete Gastfamilien für unbegleitete Minderjährige gesucht, sagt Stadtsprecher Frühauf. Ein Problem sei, dass man interessierten Familien keine "belastbare Zeitschiene" mitteilen könne, wann ein junger Flüchtling bei ihnen untergebracht werde. Denn wo diese einquartiert würden, hänge einerseits vom individuellen Hilfebedarf der jungen Menschen ab und andererseits von ihrer Eignung, in einer Gastfamilie zurechtzukommen.
Bei Mohammad und seinen Gasteltern funktioniert das Zusammenleben - auf den ersten Blick wirkt es, als hätte Mohammad, was er braucht. Doch alles können die Pflegeeltern ihm nicht ersetzen. Zu seiner Familie aus Afghanistan hat er seit seiner Flucht keinen Kontakt aufbauen können.

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