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Drogen: Aus dem Alltag der Trierer Rauschgiftfahnder: "Uns bedrückt die Verwahrlosung der Menschen"

Kostenpflichtiger Inhalt: Drogen : Aus dem Alltag der Trierer Rauschgiftfahnder: "Uns bedrückt die Verwahrlosung der Menschen"

Manche Drogen sind eine tödliche Gefahr. So wie die vermeintlich legalen Kräutermischungen, die in der Region bereits mehrere Todesopfer forderten. Eine andere Gefahr sehen die Trierer Drogenfahnder in der Gleichgültigkeit, die viele Abhängige erfasst. Der Arbeitsalltag der Beamten ist geprägt von Menschen, die verwahrlosen.

Trier. Bunte Tütchen, bunte Pillen, weißes Pulver. Neugierde ist nach Einschätzung der Ermittler einer der Hauptfaktoren, warum schon viele Schüler Drogen konsumieren. "Ich hab' was Neues, das knallt gut", lesen sie in Nachrichten, die sie oft in den Handys junger Straffälliger finden. Auf die Neugierde folgten der Gruppendruck und der Wunsch, sich mal richtig "wegzusprengen".Ab und zu ein Tütchen ...

Natürlich gibt es solche, die ab und an eine Tüte rauchen oder auf Partys eine Pille einwerfen, ohne dass ihr Leben deswegen aus den Fugen gerät. Doch es gibt auch andere. Täglich sehen die Mitarbeiter des Trierer Rauschgiftkommissariats, was Sucht aus Menschen macht, deren Drogenkonsum einst so scheinbar harmlos begann. Sie verwahrlosen. Werden gleichgültig. Sind nicht mehr in der Lage, selbst die einfachsten täglichen Aufgaben zu erledigen.

Spiegelbild der Verwahrlosung sind die vielen Wohnungen in Trier und im Kreis Trier-Saarburg, die die Polizisten bei ihren Hausdurchsuchungen sehen. Ein Beamter bringt einen Stapel Fotografien. Chaos, Müll, leere Flaschen, Spülen voller dreckiger Teller, Tassen voll schimmelnder Brühe, überquillende Aschenbecher, dreckige Matratzen, Katzen, deren Klo niemand reinigt. Die Wohnungen ähneln einander. "Wir erleben das jeden Tag", sagt einer der Fahnder, der anonym bleiben möchte. Kein Wunder. 2891-mal hat das Polizeipräsidium Trier 2015 wegen Rauschgiftdelikten ermittelt. 2396 Tatverdächtige gab es. Nicht selten leben Kinder zwischen all dem Müll und haben im schlimmsten Fall sogar Zugang zu den Drogen. Daher rücken die Beamten oft gemeinsam mit dem Jugendamt aus. "Mindestens drei von fünf Wohnungen, die wir auf Drogen durchsuchen, sehen so aus", sagt ein anderer Fahnder und tippt auf eines der Fotos. Während er sich für ein solches Chaos zutiefst schämen würde, finden die Betroffenen den Zustand normal. "Sie haben den Bezug zum normalen Leben verloren."

Drogensucht und die damit einhergehende Verwahrlosung betreffe alle sozialen Schichten, sagen die Ermittler. Auch ein "gutes Elternhaus" sei kein Garant, das zeigten auch die Anrufe verzweifelter Mütter und Väter.
Besonders große Sorge bereitet Ewald Kölling, dem Leiter des Trierer Rauschgiftkommissariats, dass so viele junge Menschen "Legal Highs" konsumieren - vermeintlich legale, im Internet erhältliche Kräutermischungen, die mit synthetischen Cannabinoiden getränkt wurden, deren Zusammensetzung und Konzentration niemand kennt. Ständig werden neue Stoffe zusammengemischt, die - noch - nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Das macht die Drogen unberechenbar.

Ein bis zwei Jugendliche werden wöchentlich in die Kliniken der Region gebracht, weil sie nach dem Konsum der in bunten Tütchen verpackten Stoffe zusammenbrechen. Drei Menschenleben haben diese Drogen seit 2015 im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums gefordert.

"Jeder reagiert anders", sagt Kölling. Von drei Jugendlichen, die Kräutermischungen rauchen, spüre einer gar nichts, der zweite werde high und der dritte kollabiere. Gefährlich wird es insbesondere in Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen sowie dann, wenn es gesundheitliche Vorbelastungen gibt - zum Beispiel ein Herzleiden, von dem der Betroffene womöglich gar nichts weiß. Hergestellt werden die Drogen oft unter miserablen hygienischen Bedingungen - ein Foto der Trierer Ermittler zeigt einen verdreckten Mixer, der auf dem nicht minder verschmutzten Boden eines Wittlicher Kellerraums steht. Die Produkte solcher Hinterhoflabore wandern dann in professionell verschweißte, bunte Tütchen, die den Käufer vergessen lassen, welches Risiko er eingeht.

Auch vor Verfolgung sind Konsumenten keineswegs sicher: 100 Ermittlungsverfahren gab es 2015 allein in Trier und im Kreis Trier-Saarburg. Denn die Beamten gehen jedem Fall nach, als handele es sich um illegales Rauschgift (was zum Teil auch der Fall ist) - bis das Gegenteil bewiesen ist.

Allerdings füllen noch viele andere Stoffe die Asservatenschränke der Ermittler. Schon der würzig-süße Geruch, der ihnen entströmt, verrät: Marihuana und Haschisch spielen weiter eine wichtige Rolle. Mehr als 18 Kilogramm davon stellte das Präsidium 2015 sicher. Einer der Ermittler präsentiert ein ganzes Pfund in Plastik eingeschweißter Cannabisblüten. "Die Hälfte unserer Klientel konsumiert Cannabis", sagt Kölling. Anders als früher werden die weniger THC-haltigen Stängel und Blätter der Pflanze heute kaum noch geraucht. Der neue Stoff ist stark.

Mengenmäßig wesentlich bedeutsamer ist jedoch Amphetamin (auch Speed oder Pep genannt): 32,6 Kilogramm hat die Polizei in der Region 2015 sichergestellt. Es handelt sich dabei um eine synthetische Droge, ein mehliges Puder, das wie Kokain meist geschnupft wird und eine aufputschende, leistungssteigernde, euphorisierende Wirkung hat. Die Kehrseite: Mit der hohen Belastung für das Herz-Kreislaufsystem steigt die Gefahr für Schlaganfälle und Herzinfarkte. Auch Psychosen und Hirnschäden können Folgen des Konsums sein.Zwölf Euro pro Gramm ...

Amphetamin ist schon für etwa zwölf Euro pro Gramm zu haben und damit deutlich billiger als die Schickimicki-Droge Kokain, die in der Region Trier laut Kölling so gut wie keine Rolle spielt. 65 bis 85 Euro kostet das Gramm. Nur zehn Gramm Kokain stellten die Fahnder im Bereich des Präsidiums sicher. "Die Konsumenten, die wir hier haben, sind nicht in der Lage, das zu zahlen", sagt Kölling. Eine weitere Entwicklung, die die Fahnder beobachten, ist, dass die als Partydroge bekannten bunten Ecstasy-Pillen wieder im Kommen sind. 3485 Pillen fielen 2015 in die Hände der Ermittler des Präsidiums.

Christal Meth hat laut Kölling vor 2015 in der Region kaum eine Rolle gespielt. Ende 2015 vereitelten Wittlicher Drogenfahnder einen Versuch, größere Mengen, der Droge, die als gefährlichste der Welt gilt, in die Region zu schmuggeln: Sie schnappten in Trier ein Pärchen aus Bayern, das ein Kilo des kristallinen Pulvers bei sich hatte. Das aus der Serie Breaking Bad bekannte Methamphetamin wirkt erheblich stärker, länger und heftiger als andere Drogen, es macht schneller süchtig und ruiniert den Körper und die Psyche. Da der Stoff meist aus tschechischen Drogenküchen stammt, ist Meth aktuell vor allem in Sachsen ein Problem. Allerdings rechnen die Experten damit, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis der Stoff auch in der Region Trier Opfer fordert.

Einen bis zehn Drogentote gibt es in der Region jedes Jahr. 2015 waren es fünf. Auch Köllings Fahnder mussten Leichen sehen, weil junge Menschen überschätzt hatten, was ihr Körper verträgt. "Was uns darüber hinaus wirklich bedrückt, ist die Verwahrlosung der Menschen", sagt Kölling. Wenn die Beamten jungen Konsumenten von alledem erzählen, werden sie oft ausgelacht. "Mir passiert das nicht", dächten viele. Doch sei Drogensucht ein schleichender Prozess.

Die Sicht eines Beraters: Josef Fuchs arbeitet bereits seit mehr als 30 Jahren in der Suchtberatung. Freiwilligen Besuch bekommt er in der Fachstelle für Drogenberatung beim Caritasverband Westeifel in Bitburg nur sehr selten. Dafür muss der Leidensdruck Betroffener schon extrem hoch sein - sei es doch ein Merkmal der Sucht, dass negative Konsequenzen in Kauf genommen werden, bis hin zur Verwahrlosung. Die meisten - überwiegend junge Männer - ließen sich nur beraten, weil ihre Familien Druck ausübten oder weil dies Auflage eines Gerichts oder der Führerscheinstelle sei, sagt Josef Fuchs (TV-Foto: Archiv/Lydia Vasiliou). Nicht alle von ihnen sind süchtig. Dennoch soll die Beratung allen die Möglichkeit geben, ehrlich zu analysieren, wie sich ihr Drogenkonsum auswirkt - positiv wie negativ -, wie sie sich dadurch verändert haben und was sie mit dem Konsum verdecken. Kurz: Es geht um Einsicht und Motivation, die Grundlagen einer Verhaltensänderung sind. "In diesen Gesprächen wird deutlich, dass viele den Konsum positiv sehen", sagt Josef Fuchs. Jugendliche nutzten die Drogen, um Sinnfragen nachzugehen - oder auf der Suche nach Entspannung und Stille, andere, um ihre Leistungen zu steigern. Eltern berichten Fuchs hingegen oft von negativen Veränderungen: Ihre Kinder ziehen sich zurück, verhalten sich aggressiv, sind antriebslos, vernachlässigen ihre Aufgaben oder entwickeln in schlimmen Fällen psychische Störungen. MosExtra

Die Rauschgiftfahnder der Landespolizei gehen Drogenmissbrauch nach, der bei ihnen angezeigt wird oder der durch Verkehrskontrollen ans Licht kommt. Ihr Ziel sind in erster Linie nicht die Konsumenten, sondern die Dealer. "Der Konsument kennt jemanden, der im Zehn-Gramm-Bereich verkauft, und der kennt jemanden, der kiloweise Drogen verkauft", sagt Ewald Kölling, Leiter des Trierer Rauschgiftdezernats. Die Fahnder beobachten die Szene - auch mit verdeckten Ermittlern - und überwachen bei Bedarf Telefone. Der Zoll ist zuständig für die Bekämpfung aller Drogendelikte, die im Zusammenhang mit der Einfuhr nach Deutschland stehen. Im Bezirk des Hauptzollamts Koblenz gibt es zwei Kontrolleinheiten. Sie sind in Koblenz und Bitburg stationiert. Die Einheiten sind täglich zu wechselnden Zeiten im Einsatz und führen "risiko-orientierte verdachtsunabhängige Kontrollen" durch. Die Bundespolizei informiert laut Pressesprecher Rudolf Höser je nach Zuständigkeit den Zoll oder die Kripo, wenn ihr an der Grenze, an Bahnhöfen oder Flughäfen Drogenschmuggler ins Netz gehen. Diese übernehmen dann die weiteren Ermittlungen. Mos