Aus der Erinnerung getilgt

Der älteste jüdische Friedhof befindet sich mitten in der Stadt Trier. Kaum jemand weiß davon, denn nur dem findigen Geschichtsfreund wird das versteckte Vermächtnis des jüdischen Trier offenbar.

Trier. Es geht geruhsam zu an diesem Tag auf dem Viehmarkt. Jugendliche aus der Punker-Szene haben sich zu einem Umtrunk am Fuße der verglasten Viehmarktthermen niedergelassen, halbvolle Bierflaschen zu den Füßen. Schnorrendes E-Gitarren-Geschredder krächzt aus einem Lautsprecher. Passanten eilen gedankenversunken über das akkurat gesetzte Pflaster zwischen St.-Antonius-Kirche, den Thermen und dem mächtigen Sparkassenkomplex. Was sie nicht wissen: Unter ihren Füßen liegt der älteste jüdische Friedhof der Stadt Trier, die geschichtsträchtigste jüdische Ruhestätte der Region. Doch die Friedhofsruhe ist schon Jahrhunderte zuvor gestört worden.

Urkundlich greifbar ist der jüdische Friedhof seit 1066. Lokalisieren lässt sich die Ruhestätte zwischen der Jüdemerstraße, die als Einfriedung des Friedhofsareals diente, der Viehmarktstraße und dem Bereich zwischen den freigelegten Thermen und der St.-Antonius-Kirche.

Bei den Ausgrabungen Ende der 80er Jahre auf dem heutigen Viehmarktareal stießen Archäologen auf die Reste einer römischen Badeanlage unter den Ruinen des früheren Kapuzinerklosters. Hier wurden Fragmente von jüdischen Grabsteinen gefunden, die dem Friedhof zuordnet werden. "Die Kirche wurde direkt auf dem jüdischen Friedhof gebaut. Das war ein sichtbares Zeichen der dauerhaften Vertreibung der Juden aus Trier", beschreibt Joachim Hupe vom Rheinischen Landesmuseum in Trier die Zerstörung des jüdischen Friedhofes. Auf dem Friedhof errichtete der Kapuzinerorden nach der Vertreibung der Juden wegen Wuchers aus Trier anno 1418 ein Kloster mit einem Obstgarten.

Im Zuge der Judenverfolgung in der Pestzeit 1349 war der jüdische Friedhof bereits einmal verwüstet worden. Selbst nachträgliche Schändungen blieben den Grabsteinen nicht erspart, denn die mit hebräischen Schriftsymbolen verzierten Steine dienten den Trierern als günstige Bausubstanz. Bei Ausgrabungen fand man ein Epitaph aus dem Jahr 1346, der eine Hausfassade geziert hatte. Nachträglich wurde der jüdischen Grabsteinplatte die Kreuzform verpasst. "Ein makaberes Siegeszeichen des Christentums über das Judentum", erläutert Hupe.

Als der "Schwarze Tod" 1349 ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte, bezichtigte man die Juden, die Pest aus dem Orient eingeschleppt zu haben.

Ein weiterer Grabstein ist vom alten Judenfriedhof erhalten geblieben. Die hebräischen Symbole bezeichnen den gewaltsamen Tod einer unbekannten jüdischen Frau - ein Jahr vor dem Judenpogrom 1349. Dort steht in hebräischen Lettern: "Dieses Mal, errichtet zu Häupten von Frau (Name unbekannt), welche erschlagen wurde wegen der Heiligung des Gottesnamens im Jahre 1348."

Zwischen dem strahlenden Weiß der St.-Antonius-Kirche und den Viehmarktthermen gibt es heute keinen Hinweis mehr auf die Existenz des "unsichtbaren" mittelalterlichen Friedhofs. Keine Plakette stößt den Flanierenden darauf: "Hier wandelst du auf geweihtem Boden."

Im Oktober startet im Rheinischen Landesmuseum Trier eine neue Dauerausstellung, in die auch die jüdische Geschichte Triers eingebettet ist.

Älter, nasser, sonniger, höher: Was hat unsere Heimat zu bieten? Die TV-Serie "Superlative der Region" wirft einen Blick auf Orte in der Region, die besonders sind.