Aus Leidenschaft und Überzeugung

Aus Leidenschaft und Überzeugung

Mit einem Leserbrief fing alles an: Schon als Schüler engagierte sich Thorsten Kretzer in der Politik. Sich zu engagieren ist ihm wichtiger, als ein auf materielle Werte ausgerichtetes Leben zu führen.

Trier. Ein Leserbrief an die Lokalzeitung seines Heimatortes Engers (Neuwied, Rhein) - das ist eine seiner ersten politischen Aktivitäten, an die Thorsten Kretzer sich erinnern kann. Dass Kinder mit Behinderungen zusammen mit anderen Kindern an Regelschulen unterrichtet werden müssten, forderte der heute 45-Jährige in dem Brief.
Heute, fast 30 Jahre später, haben Eltern in Rheinland-Pfalz zwar grundsätzlich die Wahlfreiheit, welche Schule ihre Kinder besuchen sollen. "Aber viel weiter sind wir leider noch nicht - an den Schwerpunktschulen fehlen Personal und Räume für differenzierten Unterricht, da muss das Land die Kommunen unbedingt noch stärker unterstützen", sagt Kretzer.Kurz in der Jungen Union


Politik bedeutet für ihn allerdings nicht nur, dicke Bretter zu bohren, sondern vor allem, seinen Überzeugungen zu folgen. Mit 14 Jahren tritt Kretzer in die Junge Union der CDU ein. "Die haben sich damals für Erdbebenopfer in der Türkei engagiert, das fand ich toll." Als er merkt, dass der mit den Christdemokraten längst nicht bei allen Themen auf der gleichen Wellenlänge liegt, verlässt der Schüler die Jugendorganisation der CDU. Keine Politik zu machen, kommt allerdings nicht infrage. Kretzer, mittlerweile Zivildienstleistender, gründet in seiner Heimatstadt eine Freie Wählergruppe. Sein politisches Zuhause findet er allerdings erst, als er fürs Studium nach Trier zieht. Nämlich bei den Grünen.
Um sich sein Leben zu finanzieren, geht Kretzer jobben. In einem Wohnheim für geistig behinderte Menschen, als Berater in der Mobilfunkbranche. "Aber hauptsächlich habe ich immer Politik gemacht", sagt Kretzer, der auch im Trierer Stadtrat sitzt.
Heute hat er eine halbe Stelle im Wahlkreisbüro der Trierer Bundestagsabgeordneten Corinna Rüffer. Das Einkommen reicht ihm. "Es kommt halt immer auf die Ansprüche an, die man hat. Ich will etwas bewirken, was für die Welt tun, das ist mir wichtiger als materieller Besitz."Landtagswahl 2016


Und es bleibt ihm Zeit, sich zu engagieren. Zum Beispiel als Vorsitzender der Netzwerkstatt. Der Trierer Verein wirbt von Firmen gebrauchte Computer ein, um diese aufzuarbeiten und an Menschen mit wenig Geld weiterzugeben. Rund 15 Stunden pro Woche investiert Kretzer in dieses Ehrenamt. "Ich führe genau das Leben, das mir Spaß macht und in dem ich Sinn sehe."
Dass die rot-grüne Koalition in Mainz auch nach der Landtagswahl Bestand haben wird, davon ist er überzeugt. "Und muss es auch sein. Alles andere wäre schlecht für Rheinland-Pfalz."
Schließlich hätte die CDU bereits angekündigt, den Nationalpark Hunsrück-Hochwald wieder abzuschaffen. Und auch das Transparenzgesetz, das die Grünen im Mainzer Landtag auf den Weg gebracht haben und nach dem künftig Sitzungen von politischen Gremien für Zuhörer geöffnet werden müssen, wollten die Christdemokraten wieder rückgängig machen.
Den Wahlkreis Trier kann Kretzer gegen Malu Dreyer (SPD) und Udo Köhler (CDU) allerdings wohl nicht gewinnen. Und selbst bei einem Sensationsergebnis wie bei der letzten Landtagswahl von 18,4 Prozent der Zweitstimmen wird er es von Platz 22 der Landesliste nicht ins Parlament schaffen. Dass er als Nachrücker an die Reihe kommt, ist allerdings möglich.
Politik macht er bis dahin weiter von Trier aus. "Vor allem will ich dafür kämpfen, dass der öffentliche Personennahverkehr - die Westtrasse der Bahn entlang der Mosel nach Luxemburg und die innerstädtische Osttrasse - endlich ausgebaut werden. Keinesfalls darf das Geld dafür für den Bau von unsinnigen Mega-Autoprojekten wie Meulenwaldautobahn oder Moselaufstieg abgezogen werden!"
Und treu bleiben will er auf jeden Fall auch seinem allerersten politischen Herzensthema: der Inklusion behinderter Menschen.Extra

Thorsten Kretzer wurde am 12. Januar 1971 in Engers am Rhein geboren und wuchs als eins von drei Geschwistern auf. Nach dem Realschulabschluss absolvierte er eine Lehre als kaufmännischer Assistent, er war anschließend Zivildienstleistender in einem Sonderkindergarten für geistig behinderte Kinder. Sein Abitur holte Kretzer auf einem Regelgymnasium nach. Mitte der 1990er zog Kretzer nach Trier, um Psychologie und Medienwissenschaften zu studieren. Das Studium hat Kretzer nicht zu Ende gebracht. Der Landtagskandidat lebt mit fünf Erwachsenen und einem Kleinkind in einer WG in Trier-Nord, wo er auch stellvertretender Ortsvorsteher ist. Freizeit verbringt er gerne in seinem Kleingarten in Trier-West. woc

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