"Awei bin ich getroffen"

BALDRINGEN. Im Februar 1945 rückten die Amerikaner in den Hochwald vor. Sie suchten nach Wehrmachtssoldaten, sie sich versteckt hielten. Susanna Thinnes beschreibt ihre Erlebnisse, die sie bis heute verfolgen.

Kanonendonner kündigte Anfang Februar 1945 das Näherrücken der Front in Richtung unserer Hochwaldgemeinde Baldringen an. Mitte Januar waren Familien bei uns einquartiert worden. Außer meinen vier Kindern und mir wohnten drei Familien mit vierzehn Personen bei uns. Der 27. Februar war ein kalter, aber sonniger Tag. Gegen 15 Uhr verbreitete sich in unserem Dorf die Nachricht, dass amerikanische Panzer näher kamen. Da wir nicht wussten, was auf uns zukommen würde, gingen wir in den Keller. Kurze Zeit später wurden wir von amerikanischen Soldaten aufgefordert, unsere Häuser zu verlassen. Eine Mutter konnte ihr sieben Monate altes schlafendes Kind nicht mehr aus dem Haus holen. Von den Amerikanern wurden wir unverzüglich in die Kapelle eskortiert. In der Hoffnung, dass es ihr doch noch gelingen könnte, blieb die verzweifelte Frau vor der Kapelle. In der Zwischenzeit durchsuchten die Amerikaner unsere Häuser. Sie suchten nach versteckten Wehrmachtssoldaten. Dabei stießen sie auf das Baby, das in einem Kinderwagen lag und brachten es seiner Mutter. Währendessen wurden wir von deutschen Soldaten aus Richtung des Henterner Mühlenberges beschossen. Dabei wurden Häuser und Viehställe getroffen. Niemand konnte die Tiere befreien, die in Todesangst schrieen. So wie die Gebäude wurden sie Opfer der Flammen. Stunde um Stunde verbrachten wir in dem kleinen Raum. Ab und zu kam ein Soldat in die Kapelle und belästigte jüngere Frauen. Gerda, meine 23-jährige Nichte aus Biebelhausen, setzte sich auf den Rand des Altars. Plötzlich durchschlug ein Schuss eines der beiden Kapellenfenster. In die Halsschlagader getroffen, sprang Gerda vom Altar. Ihre letzten Worte waren: "Awei bin ich getroffen." Hilflos standen wir daneben und mussten mit ansehen, wie die junge Frau in den Armen ihrer Mutter verblutete. Wie endlos eine kalte Februarnacht in einer unbeheizten Kapelle sein kann - mitten unter uns die Mutter mit ihrem toten Kind. Die trügerische Stille des Raumes wurde hin und wieder durch das pfeifende Geräusch einer herannahenden Granate unterbrochen. Obwohl wir wussten, dass uns die Kirchenbänke keinen Schutz boten, suchten wir dennoch unter ihnen Deckung. Erst nachmittags durften wir die Kapelle verlassen. Kaum hatten wir das Allernötigste erledigt, mussten wir uns dort erneut versammeln. Wir sollten evakuiert werden. Aber nur wenige wurden in Militärautos weggefahren. Die darauffolgenden Tage verliefen ruhig. Als jedoch Wehrmachtssoldaten unser Dorf unter Beschuss nahmen, war es mit der Ruhe vorbei. Erneut wurden einige Häuser und Ställe getroffen und ein Opfer der Flammen. In der darauffolgenden Nacht drangen deutsche Soldaten in unser Dorf und wollten es zurückerobern. Die Amerikaner schlugen den Angriff jedoch zurück. Dabei verloren acht deutsche Soldaten ihr Leben. Ob die Amerikaner ihrerseits Tote zu beklagen hatten, ist uns nicht bekannt. Als die Kämpfe vorbei waren, wurden die deutschen Soldaten auf Anweisung unseres damaligen Ortsvorstehers in einem Garten hinter unserem heutigen Bürgerhaus begraben. Jahre später wurden sie umgebettet. Sie fanden ihre letzte Ruhe auf dem Soldatenfriedhof in Kastel. Am 18. März 1945 rückten die Amerikaner ab - das Ende des Krieges für unser Dorf. Susanna Thinnes ist 92 Jahre lebt in Baldringen.