Azubis im Chefsessel

Marc Boos (20) ist heute um 6.15 Uhr der Erste, der die Aldi-Filiale am Verteilerkreis betritt. Eine Viertelstunde hat er Zeit, um den Plan für den Tag noch einmal durchzugehen, bis seine ersten Mitarbeiter kommen. Sie sind wie er Auszubildende im zweiten und dritten Lehrjahr, doch heute ist Boos verantwortlicher Filialleiter.

Trier-Nord. "Wir müssen erst mal jede Menge Paletten auspacken", sagt Marc Boos. Gemeinsam mit Oliver Schneider (18) holt er die Waren aus dem Lager und räumt die Regale ein. "Auch das ist der Job des Filialleiters. Chef ist Chef, aber es gibt nichts, was er nicht auch selbst erledigt. Dazu gehört aber noch weit mehr Verantwortung, die man tragen muss", sagt Boos. Er muss den Warenbestand kontrollieren, Bestellungen schreiben, den Mitarbeitern ihre Aufgaben zuweisen, die Kassen öffnen, für ausreichend Wechselgeld sorgen, Teambesprechungen führen und die Übergabe an das Team der Spätschicht vorbereiten.Gutes Team sorgt für gute Stimmung

"Einen Moment, ich zeige es Ihnen. Kommen Sie bitte mit", sagt Boos freundlich, als ein Kunde nach einem Produkt fragt. "So viel Zeit muss sein", erklärt er, "auch, wenn man gerade beschäftigt ist. Auf Freundlichkeit wird hier viel Wert gelegt." Zwischendurch begrüßt er die Helfer der Trierer Tafeln, die zur Abholung bereitgestellte Waren abholen, nimmt neue Lieferungen entgegen und erklärt einem Service-Mitarbeiter das Problem mit dem Leergutautomaten.Oliver Schneider setzt sich an die zweite Kasse und unterstützt seine Mitarbeiterin, als viele Kunden gleichzeitig mit ihrem Einkauf gen Ausgang drängen. Routiniert tippt er Nummern ein, zieht die Waren über den Scanner, nimmt Leergut entgegen und rechnet das Wechselgeld aus. "Vieles läuft mittlerweile automatisch, weil wir als Team gut zusammenarbeiten", sagt Azubi Schneider. "Bis jetzt sind wir sehr zufrieden"

Von Konkurrenz keine Spur. "Man sieht, wie andere arbeiten, kann sich Tipps holen und davon lernen." "Das Azubi-Projekt ist eine tolle Chance. Wenn man sie nutzt, kann man darauf für die Zukunft aufbauen", erklärt Boos.Seit Anfang August weht mit dem "Azubi-Projekt 2007 - Auszubildende leiten eine Filiale" ein anderer Wind in der Aldi-Filiale am Verteilerkreis. Das Stammpersonal hat für vier Wochen seinen Arbeitsplatz geräumt. An dessen Stelle sorgen die 20 Azubis für den reibungslosen Geschäftsbetrieb. "Bis jetzt sind wir sehr zufrieden mit den Azubis. Die Kunden sind zufrieden, die Warenverfügbarkeit und die Ladenoptik stimmen. Ziel ist es - trotz des Risikos, dass wir im Projekt-Zeitraum mehr Verluste haben könnten -, dass die Azubis viel lernen, von der Organisation bis zur Personalführung, von der Warenbestellung bis zur Kundenberatung", sagt Bereichsleiter Thomas Becker. Er und sein Kollege Philipp Jünemann beaufsichtigen zwar die Arbeit der Nachwuchskräfte, lassen ihnen aber alle Freiräume für eigene Entscheidungen. Nur im Notfall greifen sie ein."Wir haben hier vieles umgestellt und optimiert. Der Verkaufsleiter wird seinen Laden nach den vier Wochen nicht wiedererkennen. Aber ich glaube, er wird positiv überrascht sein", sagt Interims-Chef Boos. "Im Arbeitsalltag ist für Optik wenig Zeit. Das wollten wir unbedingt verbessern", fügt sein Kollege Schneider zufrieden hinzu.Am morgigen Samstag, 25. August, beantworten Bereichsleiter und Azubis bei einem Info-Tag in der Aldi-Filiale am Verteilerkreis (Zurmaiener Straße) allen an einer Ausbildung interessierten Jugendlichen Fragen.