Babys, die die Statistik nicht schert

Babys, die die Statistik nicht schert

Im Mutterhaus Trier steigt die Zahl der Geburten.Von zwei Chefärzten der Geburtshilfe hat die Klinik sich trotzdem getrennt - und den Gynäkologen Holger Kühlwein und Christoph Apel zudem die Praxis in der Engelstraße gekündigt.

Trier 1800 Babys haben 2016 im Klinikum Mutterhaus Mitte ihren ersten Schrei getan. Die Zahl der Geburten in der Großklinik ist damit weiter gestiegen: Von 804 im Jahr 2005 auf 965 in 2010 und rund 1450 Geburten im Jahr 2015. Die Klinik hat die Zahl der Entbindungsräume aufgestockt. "Die Kapazitäten sind nun ausreichend kalkuliert", rechnet Dr. Wolfgang Thomas, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, vor: "1800 Geburten geteilt durch 365 Tage im Jahr macht 4,9 Babys pro Tag - und fünf Kreißsäle haben wir mittlerweile." Die Rechnung stimmt. Nur halten sich die Babys nicht an die Statistik.Auf rund 35 Frauen mit ihren Babys ist die Wöchnerinnenstation ausgelegt. "Einmal hatten wir aber auch schon 70 Frauen gleichzeitig auf Station", berichtet eine Krankenschwester. Auch Hebammen und Mütter hatten dem Trierischen Volksfreund bereits von überbelegten Zimmern, zu wenig Beratung und überfordertem Personal berichtet (TV vom 31. Oktober 2016). Solche extremen Belegungen seien sehr selten, sagt Chefarzt Thomas. Viel los sei allerdings durchaus häufiger. "Aber alle Frauen und Babys bleiben auch dann so lange auf der Wöchnerinnenstation, wie es medizinisch angebracht ist." Dass in Spitzenzeiten schon mal überlegt wird, ob Mutter und Kind einen Tag früher als üblich nach Hause gehen können, komme aber vor, räumt der Mediziner ein. "Manche Mütter sind so schnell wieder fit und kommen problemlos mit der Versorgung ihres Babys zurecht, dass es verantwortbar ist, sie früher nach Hause gehen zu lassen."Dass die Geburten im Mutterhaus Mitte sich innerhalb eines guten Jahrzehnts verdoppelt haben, liegt daran, dass immer mehr Geburtsstationen im Umland schließen - in den vergangenen Jahren zum Beispiel in Hermeskeil, Prüm, Saarburg und Gerolstein. Zum 1. November 2015 hatte auch das ehemalige Elisabeth-Krankenhaus in der Trierer City seine Babystation aufgegeben. Immerhin 491 Babys waren dort 2014 noch zur Welt gekommen.Das Elisabeth-Krankenhaus gehörte damals zusammen mit dem Ehranger Krankenhaus - das ebenfalls eine Babystation hat - zum Ökumenischen Verbundkrankenhaus. Mit Schließung der Geburtshilfe am Elisabeth-Krankenhaus wechselten Holger Kühlwein und Christoph Apel, die dort als Konsiliarärzte beschäftigt waren, an die Geburtsstation in Ehrang. Die beiden niedergelassenen Gynäkologen teilten sich dort eine Chefarztstelle. Wenige Monate später übernahm das Klinikum Mutterhaus das Elisabeth-Krankenhaus und das Ehranger Krankenhaus - und kündigte den frischgebackenen Chefärzten prompt zum 30. Mai. "Wir hatten am Mutterhaus schon einen Chefarzt der Gynäkologie, es war klar, dass wir keine weiteren Chefärzte benötigen", erklärt Jörg Mehr, Geschäftsführer des Mutterhaus. "Wir hatten Herrn Apel und Herrn Kühlwein allerdings angeboten, als Belegärzte weiter mit uns zusammenzuarbeiten." Auf das Angebot habe er sich nicht einlassen können, sagt Kühlwein. "Wir sollten für ein halbes Jahr entlassen werden und dann als Belegärzte wieder anfangen - mit befristeten Einjahresverträgen." Dass auch auf mehrere Standorte verteilte Kliniken ihre Abteilungen nur von einem Chefarzt leiten lassen, sei durchaus üblich, betont Dr. Christian Sprenger, medizinischer Leiter des Mutterhauses. Chefarzt Dr. Wolfgang Günther zeichnet damit nicht nur für die 1800 Geburten am Mutterhaus Mitte verantwortlich, sondern auch für die rund 900 jährlichen Geburten am Standort Ehrang sowie die gynäkologischen Abteilungen an beiden Standorten. Am Standort Mitte stehen ihm acht Oberärzte zur Seite, in Ehrang drei."Dass uns in der Probezeit gekündigt wird, damit hätten wir nicht gerechnet", sagt Ex-Chefarzt Holger Kühlwein. Immerhin habe die Praxis Apel/Kühlwein zuvor rund 18 Jahre lang mit dem Elisabeth-Krankenhaus zusammengearbeitet und die Geburtenzahlen stiegen stetig. Bei der Auflösung der Arbeitsverträge beließ die Klinik es zudem nicht: Kürzlich kündigte das Mutterhaus den Gynäkologen Apel und Kühlwein deren Praxisräume im Ärztehaus, das zum Gebäude des ehemaligen Elisabeth-Krankenhaus gehört. "Die Kündigung kam schriftlich, ein Zweizeiler, binnen sechs Monaten sollten wir die Praxis räumen. Und das nach 18 Jahren Zusammenarbeit", sagt Kühlwein. In der rund 300 Quadratmeter großen Praxis betreuen Apel und Kühlwein zusammen mit drei angestellten Ärzten und 12 Praxishelferinnen rund 2500 Frauen aus Trier und Umgebung. Praxis und Ärzte genießen einen guten Ruf. "Wohin wir umziehen können, wissen wir noch nicht", sagt Kühlwein. Grund für die Kündigung sei, dass das Mutterhaus die Räume für die Erweiterung der Abteilung Innere Medizin benötige. "Wir wollen dort Therapie- und Schulungsräume einrichten", sagt Klinik-Geschäftsführer Mehr. Anderen Mietern in dem vierstöckigen Ärztehaus sei nicht gekündigt worden. "Unser Platzbedarf ist mit den 300 Quadratmetern der Praxis von Apel und Kühlwein gedeckt", sagt Mehr.KommentarMeinung

Große VerunsicherungKein Abbau der medizinischen Versorgung, schwarze Zahlen bis 2015: Die Versprechen waren groß, als der Krankenhausträger Agaplesion 2010 das Elisabeth-Krankenhaus und das Ehranger Krankenhaus zur Verbundklinik fusionierte. Stattdessen stieg das Defizit trotz Personalabbau, trotz der Schließung und Zusammenlegung von Abteilungen an. Kein Wunder, dass das Misstrauen nun groß ist. Dem Mutterhaus bleibt allerdings nichts anderes übrig, als Strukturen zu ändern, effizienter zu machen und somit Geld einzusparen. Die Gynäkologen Apel und Kühlwein trifft das kühle Kalkulieren der Klinik hart. Im Wirtschaftsbetrieb Krankenhaus gilt außerdem: Je höher die "Fallzahlen", desto wirtschaftlicher die Abteilung. Mit 1800 Geburten pro Jahr scheint das Mutterhaus Mitte momentan zeitweise an seine Kapazitätsgrenzen zu stoßen. In Ehrang geht es ruhiger zu. Trotz geringerer Fallzahlen verspricht das Mutterhaus, die dortige Babystation langfristig zu erhalten. Diese Zusage darf auch nach der Pensionierung von Chefarzt Günther nicht zurückgenommen werden. In einer großen Stadt wie Trier, mit einem noch größeren Einzugsgebiet, darf Müttern nicht nur eine einzige Großklinik bleiben, um Babys zur Welt zu bringen. c.wolff@volksfreund.de

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