Bankschalter mit Panoramablick

Bankschalter mit Panoramablick

BESSLICH/BUTZWEILER. Hier stirbt ein Mensch, dort ein Hund, und der Sohn wohnt jetzt bei der Freundin in Trier – Ernst Schneider weiß, was die Menschen auf dem Dorf bewegt. Seit 20 Jahren fährt er mit einer mobilen Sparkassenfiliale durch die Region. Einmal hat er den TV mitgenommen.

8.15 Uhr. Nebel wabert um die Porta Nigra. Weiß und schwer hüllt er das ganze Moseltal ein. Doch die Reise führt ins Licht. Unmittelbar unter dem Beifahrersitz des Sparkassen-Busses, einem Modell aus dem Jahr 1987, scheint sich der Dieselmotor zu befinden. Er tuckert und ruckelt und erinnert an früher, als alles noch nicht so glatt lief.Kampf mit 15 Stundenkilometern

An seinem Steuer sitzt Ernst Schneider. Seit 20 Jahren schon fährt er mit der mobilen Bankfiliale über die Dörfer, jeden Tag der Woche eine andere Route. Am Vortag war er im Hunsrück. Nun führt die Reise über Beßlich, Butzweiler und Newel nach Sirzenich. An der Abfahrt Aach blinkt er und verlässt die "Bitburger" - und den Nebel. Gleißende Morgensonne liegt über den Feldern. Mit 15 Kilometern in der Stunde erkämpft sich der Siebentonner den steilen Berg Richtung Beßlich. Dort hält er an der Bushaltestelle. Links neben dem Fahrersitz befinden sich über dem Fenster einige Knöpfe. Schneider betätigt einen davon. Im Außenspiegel ist zu sehen, wie die Trittbretter vor den beiden Türen des Busses ausgefahren werden. "Manche Leute sind ein bisschen empfindlich, wenn es wackelt. Deshalb habe ich noch diese Knöpfe", erklärt er und drückt. Ein lang gezogenes Quietschen ertönt, und je länger es anhält, um so mehr neigt sich der Bus zur Seite - zu Demonstrationszwecken. Schneider fährt Hydraulikstützen aus. Eine Türe führt vom Fahrerhaus in die kleine Bankfiliale. Sie bietet ihren Kunden nahezu den gleichen Service wie alle übrigen Filialen auch. Der braun-dunkelbraun gescheckte Teppich, der an den Kanten leicht zerschlissene Bürostuhl und die künstliche Holzmaserung des Schreibtischs erinnern wie das heimelige Motortuckern an andere Zeiten.Amtssprache Platt

Die ersten Kunden kommen - heben Geld ab, zahlen Geld ein, holen ihre Kontoauszüge. Die meisten sind im Rentenalter. "Das sind alles sehr nette Leute", sagt Ernst Schneider. Er kennt sie seit Jahren. Und sie kennen ihn. Und das merkt man auch. "Geht Ihr noch an de Kersch", fragt er später eine alte Dame in Butzweiler. Seine Amtssprache ist Platt. Während die Glocken läuten, erklimmen weitere Kunden den Bus. Er schwankt wie ein vertäutes Schiff - offensichtlich waren die Stützen diesmal nicht ausgefahren. "Wat ass mat em Hund", fragt Schneider eine der nächsten Kundinnen. Der Hund sei gestorben, sagt die Frau. "Der war ja schon so alt." Das Letzte, was sie ihm vor dem Einschläfern zu fressen gegeben habe, sei ein Schokoladen-Osterhase gewesen - aber nicht nur ein Ohr wie sonst. "Das mochte er so gerne", sagt sie und lächelt bei der Erinnerung, bevor sie mit ihrem zusammengefalteten Gehstock winkend den Bus verlässt. Hinter der Glastüre wartet bereits ein älterer Mann mit seinem Enkel. Auch ihre Namen kennt Schneider. Wie es denn der Oma gehe, will er wissen. Die liege erkältet im Bett, sagt der Mann. "Die Vogelgrippe", ruft der vielleicht fünfjährige Junge, bevor er wie alle anderen lachen muss. Ob er denn ein Knax-Heftchen wolle. Klar will er. Alle Kinder wollen Knax-Heftchen. Das war schon so, als der Bus noch jung war.Schwätzchen vor schusssicherem Glas

Hier stirbt ein Hund, dort ein Mensch, der Sohn zieht in eine fremde Stadt, und der Knöchel, der damals beim Sturz vom Zwetschgenbaum zerbrach, will immer noch nicht richtig heilen. Auf vier Quadratmetern hinter seinem schusssicheren Glas stehend, erfährt Schneider, was die Menschen bewegt. Und manches bewegt auch ihn. "Der Tod. Das geht nicht so leicht an einem vorüber, wenn man die Leute seit Jahren kennt", sagt Schneider. Er kommt selbst vom Dorf - aus Ensch an der Mosel. Und bedauert es, dass in den meisten Orten die Tante-Emma-Läden und Wirtschaften zugemacht haben - wichtige Mittelpunkte eines intakten Dorflebens. Die kann auch eine rollende Sparkasse nicht ersetzen. Dennoch, der Blick durch die mit weißen Querstreifen überzogenen Sicherheitsfenster zeigt immerhin: Wo Schneider mit seinem roten Bus auftaucht, nimmt man sich Zeit für ein Schwätzchen. Mit ihm - und mit den anderen, die zur Sparkassen-Haltestelle gekommen sind. In Butzweiler und andernorts.