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Baulich fit für die nächsten 200 Jahre: Wirtshaus und Hotel Zur Glocke wiedereröffnet

Baulich fit für die nächsten 200 Jahre: Wirtshaus und Hotel Zur Glocke wiedereröffnet

Das Wirtshaus und Hotel Zur Glocke ist wieder da. Das Besitzerehepaar hat am Freitag mit 220 geladenen Gästen die Wiedereröffnung gefeiert. Das Traditionshaus in der Glockenstraße 12 war fast vier Jahre lang denkmalgerecht saniert sowie um- und ausgebaut worden.

Das Lob kommt aus berufenem Munde: "Toll, sehr gut, großartig", sagt Michael Berens. Er ist bei der Wiedereröffnung ein ganz besonderer Gast. Berens, der am 16. November 70 wird, ist Kunsthistoriker und früherer Denkmalpfleger des Eifelkreises Bitburg-Prüm. Und er ist in der Glocke aufgewachsen. Seit 1928 war sie im Besitz seiner Familie. Bis Anfang 2011. Da sahen sich er und seine beiden Schwestern endgültig nicht mehr in der Lage, den Sanierungsstau in dem 450 Jahre alten Haus zu bewältigen und boten es zum Verkauf an.

Triers dienstälteste Kneipe

Zur großen allgemeinen Überraschung kauften Trierer die Traditionsimmobilie. Das Unternehmerehepaar Peter und Anne Brommenschenkel versprach zur noch größeren Überraschung, sie als das zu erhalten, was sie war: das dienstälteste Wirtshaus der Stadt - seit 1803. Seit Oktober 2012 lief der Gastrobetrieb gegenüber in der Krim, von den Brommenschenkels eigens gemietetes Ausweichdomizil für die Zeit der Glockensanierung.

Nun ist das Werk soweit vollendet, dass die symbolhaften drei Glocken wieder im angestammten Domizil über dem Tresen hängen. Michael Berens, zweieinhalb Jahre älter als sein 2003 gestorbener Bruder Josef (der legendäre "Glockenjupp"), gerät beim Anblick des runderneuerten Hauses ins Schwärmen. Besonders angetan hat es ihm die Einbeziehung des mehr als 800 Jahre alten Gewölbekellers: Der aufwendig herausgeputzte einstige Abstell- und gelegentliche Partyraum zu Jupps Zeiten sei "ein echter Gewinn für Trier".

Apropos Aufwand: Michael Berens hatte den Sanierungsbedarf einst auf "im hohen sechsstelligen Bereich" beziffert. Tatsächlich dürfte ein Mehrfaches in die Frischzellenkur für die Glocke geflossen sein. So viel, wie die neuen Besitzer und Bauherren - er 61, sie 65 - "zu Lebzeiten wirtschaftlich nicht mehr herausbekommen können", mutmaßt Prälat und Domkapitular Rainer Scherschel, der die Räume segnet. Peter Brommenschenkel hält sich diesbezüglich in seiner Ansprache bedeckt, betont aber, die Glocke sei seiner Frau und ihm "eine Herzenssache".

Diese Einstellung findet OB Wolfram Leibe "einfach klasse. Sie zeugt von großer Verbundenheit zu Trier und den Trierern." Das Stadtoberhaupt kündigt an, die Glocke öfter zu besuchen. Im Januar beispielsweise wolle er eine chinesische Delegation dorthin zum Essen ausführen: "Der Keller wird die Gäste schwer beeindrucken."

Oswald Steines (wird am Sonntag 44), letzter Glockenwirt der Berens-Ära, ist schon schwer beeindruckt angesichts der neuen alten Glocke: "Sehr schön geworden. Faszinierend."

Hans Dieter Friese (56) zeigt sich gar "stolz und froh, dass die Kneipe erhalten geblieben ist und baulich jetzt fit ist für die nächsten 200 Jahre". Tatsächlich ist die Glocke aber mehr als nur Gaststätte. Die Brommenschenkels haben die Obergeschosse in ein Hotel verwandelt. Die ersten zehn Zimmer im Altbau beherbergen bereits Gäste; weitere neun Zimmer kommen bis Mitte 2017 nebenan im Haus Glockenstraße dazu, das die Brommenschenkels 2015 gekauft haben und nun hinter der denkmalgeschützten Fassade völlig neu aufbauen - wie gehabt in Zusammenarbeit mit dem Architekten Rudolf P. Weidert (79).

Ab heute, Samstag, 11.30 Uhr, ist das Wirthaus Zur Glocke ganz offiziell wieder geöffnet.

Gute Nachricht


Drei Beiträge (einschließlich diesem) binnen zehn Tagen zur Glocke im TV. Muss eine Zeitung so viel Bohei machen um eine Kneipeneröffnung? Antwort: muss nicht, sollte aber. Chronistenkür statt -pflicht. Denn die Glocke ist keine x-beliebige Wirtschaft, sondern quasi die Mutter aller existierenden Trierer Gaststätten. Die einzige, die eine mehr als 200-jährige Kontinuität aufzuweisen hat.
Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass sie überhaupt noch existiert. Normalerweise werden aus Altstadt-Gaststätten, bei denen sich die dringend gebotene Modernisierung nicht machen lässt, Läden. Oft Billigläden. Der Glocke ist dieses "Unlösbarer Investitionsstau"-Schicksal erspart geblieben, weil ein Trierer Ehepaar tief in die eigene Tasche greift und sich unbeirrt seiner Herzensangelegenheit widmet. Auch das ist beileibe nicht alltäglich in Zeiten, da Gewinnmaximierung Trumpf und Prestigesache ist. Dennoch wird, vor allem in sozialen Medien, viel kritisiert und gar gegiftet. In die Glocken-Wiederbelebung ist kein Steuergeld geflossen. Wem das Ganze missfällt, muss ja nicht hingehen. Für alle anderen - und das ist die große Mehrheit - ist es eine richtig gute Nachricht: Die Glocke, ein gutes Stück Trier, ist wieder da.
r.morgen@volksfreund.de