Baumunglück: Chef und Mitarbeiter des Grünflächenamts sagen vor Gericht aus

Trier · Die Organisation und internen Zuständigkeiten des Grünflächenamts Trier stehen im Mittelpunkt des Zweiten von drei geplanten Prozesstagen um das tödliche Baumunglück vom November 2012. Mehrere Mitarbeiter, ein Baumkontrolleur und auch der Leiter des Amts treten im Verlauf einer neunstündigen Verhandlung in den Zeugenstand.

Martin Pfeiffer ist ein vereidigter Sachverständiger für Garten- und Landschaftsbau. Er hat im Auftrag der Staatsanwaltschaft die 19 Meter hohe Kastanie untersucht, deren fallender Stamm am 22. November 2012 in der Wilhelm-Rautenstrauch-Straße einen Mann schwer verletzt und eine 70-Jährige Triererin getötet hatte. Am Dienstag sitzt Pfeiffer als Zeuge und Experte vor dem Amtsgericht Trier, das darüber befinden muss, ob dieses Unglück das Resultat der Fahrlässigkeit eines Sachbearbeiters des Grünflächenamts ist. Pfeiffers Aussage ist deutlich: "Die Kollegen in Trier haben Defekte am Baum festgestellt, aber deren Tragweite nicht erkannt. Diesen Baum hätte man schon vor zwei Jahren fällen müssen."

Ein Mitarbeiter des Grünflächenamts hat dem für Zweitkontrollen auffälliger Bäume zuständigen Angeklagten am 23. Juli den schlechten Zustand der Kastanie telefonisch gemeldet - das sagt er am Dienstag aus. "Wir sind dann gemeinsam vor Ort übereingekommen, den Stamm anzubohren, um die Restwandstärke festzustellen." Allerdings nicht sofort, denn das Team hatte das notwenige Gerät nicht dabei. "Wir haben auch keine Priorität gesehen, das sofort zu machen."

Auch der für den Rautenstrauchpark zuständige Baumkontrolleur - die Stadt Trier hat insgesamt zwei - sagt im Zeugenstand aus, er habe sich den Baum am 20. September und 1. Oktober im Rahmen der jährlichen Sichtkontrolle angesehen. Dabei habe er Schäden festgestellt und vermerkt. "Damit war die Sache für mich erledigt", betont er. Von der angekündigten, aber ausstehenden Zweitkontrolle habe er gewusst, "aber ich bin nicht autorisiert, irgendjemandem zu sagen, er solle endlich die Zweitkontrolle machen".

Am Dienstagabend tritt der Chef in den Zeugenstand: Der Leiter des Grünflächenamts sagt aus. "In den vergangenen 40 Jahren gab es keinen Fall wie diesen", betont er. Der Amtsleiter räumt ein, dass der Angeklagte die anstehenden Zweitkontrollen kranker oder verdächtiger Bäume alleine und ohne direkte Führung und Kontrolle der Amtsleitung regeln und organisieren musste. "Zeitvorgaben können zusätzliche Kosten verursachen. Ich habe aber keine Personal- und Finanzhoheit." Nach dem Unfall habe die Verwaltung entschieden, die komplette Baumkontrolle an Fremdfirmen zu übergeben. "Seit dem Unglück sind diese Firmen bundesweit überlastet."

Richter Wolf-Dietrich Strick kündigt nach neun Stunden intensiver Befragungen an, er wolle am morgigen Donnerstag die Plädoyers hören. Es sei möglich, dass dann auch das Urteil fällt.

Der Prozess begann am Dienstag vergangener Woche. Richter Wolf-Dietrich Strick hat bereits den angeklagten Mitarbeiter der Stadtverwaltung gehört. Dieser hat eingeräumt, er habe die Priorität nicht gesehen, den kranken Baum sofort zu untersuchen. Im Zeugenstand saßen auch zwei Schülerinnen, die der fallende Stamm im November 2012 knapp verfehlt hat, und ein Bewohner des vom Baum beschädigten Hauses in der Jakobstraße.
Auch der durch das Unglück schwer verletzte Nebenkläger, ein 59-jähriger Jurist aus Trier, sagte aus: "Ich habe nichts gehört, sondern sah nur, dass etwas über mir erschien." Er erlitt Knochenbrüche und geht heute noch an Krücken. Auch Polizisten und Notärzte, die vor Ort im Einsatz waren, haben ausgesagt.
Mehr zum ThemaProzess um tödliches Baumunglück in Trier wird heute fortgesetzt
Prozess um tödliches Baumunglück gestartet
Trierer Baum vor tödlichem Unfall kontrolliert