Beliebter Panoramaweg in Trier bleibt gesperrt

Kostenpflichtiger Inhalt: Unterschriftensammlung : Beliebter Panoramaweg in Trier bleibt gesperrt

Die Route oberhalb von Olewig bietet eine herrliche Aussicht aufs Tiergartental. Doch der Eigentümer des Grundstücks besteht darauf, dass andere den Weg nicht betreten dürfen. Mehr als 300 Anwohner sind sauer.

Wer vom sogenannten Panoramaweg auf der Höhe des Trierer Tiergartentals den Blick schweifen lässt – über die Weinberge, bis weit über die Talstadt und hinauf nach Mariahof – der tut etwas Illegales. Zumindest aus Sicht von Fritz von Nell, Inhaber des altehrwürdigen Weinguts von Nell. Denn der Weg oberhalb der Wingerte gehört zu den weitläufigen Ländereien des Guts, ist also Privatgelände.

„Wenn meine Mitarbeiter, meine Söhne oder ich in den Weinbergen arbeiten, fahren wir zum Beispiel mit Traktor oder Laubschneider aus dem Weinberg auf diese Fläche, um zu wenden. Ich will nicht, dass dann da jemand rumläuft, der verletzt werden könnte“, sagt von Nell.

Erst neulich habe sich vom Laubschneider ein Messer gelöst und sei dann wie ein Geschoss herausgeflogen. „Diese Gefahr – die für uns mit Haftungsfragen verbunden sein könnte – will ich ausschließen“, sagt der Winzer.

Deshalb hat er den Weg, als der Weinberg im Zuge der Flurbereinigung 2014 von einem Steil- in einen Terrassenhang verwandelt wurde, gesperrt – und die großen Baugitter am Zugang von Olewig seitdem auch nicht wieder entfernt.

Verstoß gegen Naturschutzgesetz? Viele Olewiger, die dort regelmäßig spazieren gegangen, gejoggt sind oder ihre Hunde ausgeführt haben, ärgert das nicht nur. Sie meinen, mit der Sperrung des Wegs verstoße Fritz von Nell gegen Paragraf 59, Absatz 1, des Bundesnaturschutzgesetzes. Laut diesem muss das Betreten von Straßen, Wegen und ungenutzten Grundflächen in der freien Landschaft zum Zweck der Erholung grundsätzlich geduldet werden. Auch, wenn die Flächen in Privateigentum sind. Viele Wanderwege führen zum Beispiel durch private Wälder. Auch Wege zwischen Kornfeldern gehören oft den Bauern – dürfen aber für Spaziergänger nicht gesperrt werden.

Rund 300 Olewiger haben bei einer Unterschriftensammlung die Öffnung des Weges gefordert. Aktuell liegt dem Stadtvorstand eine Petition dazu vor (siehe Info).

Für Fritz von Nell fällt der Panoramaweg nicht unter den Paragrafen des Naturschutzgesetzes. „Das ist gar kein Weg und nie einer gewesen – das ist landwirtschaftliche Nutzfläche, die über Jahre illegal betreten wurde“, sagt von Nell. Um zu verdeutlichen, dass es sich eben nicht um einen Spazierweg handelt, sondern um landwirtschaftliche Nutzfläche, hat der Winzer im Frühjahr dort Hafer ausgesät. Das Korn steht etwa 15 Zentimeter hoch.

„Fritz von Nell fährt weiter regelmäßig mit seinem Traktor über den Weg – und damit den Hafer. Das spricht doch ganz offensichtlich dagegen, dass es sich um eine echte landwirtschaftliche Nutzung handelt und er den Hafer tatsächlich ernten will“, bezweifelt die Olewigerin Helga Schanz.

Vorwurf wird zurückgewiesen Dass die Bepflanzung ein Trick sei, um das Naturschutzgesetz auszuhebeln, weist von Nell zurück: „Die Bepflanzung hat selbstverständlich Sinn:  Ich schütze so die Fläche vor Erosion.“ Tatsächlich hat der Winzer auch zwischen den Reben Pflanzen wie Natternkopf und Königskerze gesetzt, um seine beiden Bienenvölker zu füttern und um das Erdreich zu befestigen, wie er sagt. Der Starkregen, der vor wenigen Wochen in Olewig Überflutungen verursachte, habe dadurch in seinem Terrassenweinberg keine Erde wegschwemmen können.

Auch der Olewiger Herbert Jakobs glaubt dieser Argumentation nicht. Der Panoramaweg sei „seit dem 15. Jahrhundert ununterbrochen von jedermann genutzt worden“, betont Jakobs. Dass von Nell nun durch die Getreideaussaat behaupte, es handele sich um landwirtschaftliche Nutzfläche, sei „ein Szenario, das er vortäuscht, um seine Eigentümerposition skrupel- und rücksichtslos durchzusetzen“.

Um deutlich zu machen, dass der Weg gesperrt ist, hat von Nell zusätzlich zu den großen Bauzäunen am Zugang zum Panoramaweg von der Caspar-Olewian-Straße aus kürzlich eine Barriere aus Strohballen errichtet. Von einer „willkürlichen und schikanösen Vortäuschung“ einer landwirtschaftlichen Nutzung spricht Jakobs auch hier.

Zumindest einige Bürger lassen sich von den Absperrungen und der Einsaat allerdings ohnehin nicht abschrecken: Ein schmaler Trampelpfad führt an Gittern und Strohbällen vorbei auf den Haferweg.

Am Mittwoch war von Nell bei der Polizei. Unbekannte haben zwei Schlösser, mit denen er die Absperrgitter verriegelt hatte, aufgebrochen. Die Anzeige gegen unbekannt läuft, sagt er.

Die Fronten sind also verhärtet. Dazwischen steht die Trierer Stadtverwaltung. Die im Rathaus angesiedelte Untere Naturschutzbehörde ist seit längerem in der Sache aktiv. „Wir haben zahllose Gespräche geführt und aufgrund der Beschwerden der Spaziergänger zahlreiche Ortstermine gemacht“, teilt das städtische Presseamt mit. Denn grundsätzlich müsse von Nell gemäß Naturschutzgesetz den Weg der Allgemeinheit zugänglich machen. 2018 hatte die Verwaltung daher auch ein Verfahren gegen von Nell angestrengt. Doch bevor die Sache ernst wurde, habe sich eine „einvernehmliche Lösung abgezeichnet“, teilt die Stadtverwaltung mit, ohne ins Detail zu gehen. Dem Vernehmen nach hatte von Nell damals die Bauzäune kurzzeitig um einen schmalen Zugang geöffnet – eine Sperrung habe man ihm damit nicht mehr rechtssicher vorwerfen können, heißt es.

Betretungsrecht eingeschränkt Mittlerweile sind die Baugitter wieder zu, und von Nell macht keinen Hehl daraus, dass das Gelände gesperrt ist. Dagegen vorgehen will die Stadt allerdings nicht mehr: Nutze ein Eigentümer einen Weg, um zum Beispiel Strohballen zu lagern oder Gras, Getreide oder Blumen auszusäen, sei das durch das Naturschutzgesetz grundsätzlich gewährte Betretungsrecht eingeschränkt, erläutert die Stadtverwaltung. „Zurzeit sehen wir daher keine Möglichkeiten, hier weiter vorzugehen“, teilt Rathauspressesprecher Michael Schmitz mit. Zum Ende der Vegetationsperiode – also wenn der Hafer geerntet oder verwelkt ist – soll die Sache allerdings nochmals überprüft werden. „Je nach Ergebnis kann dann umgehend eine Anordnung erlassen werden“, heißt es in einem Schreiben aus der Stadtverwaltung.

Zunächst will der zuständige Umweltdezernent Andreas Ludwig es allerdings noch einmal auf die sanfte Art versuchen. Der Beigeordnete werde „noch einmal ein Gesprächsangebot an alle Beteiligten machen – um zu sehen, ob sich nicht doch noch ein Lösungs-Weg (im wahrsten Sinne des Wortes) finden lässt“, teilt das Presseamt mit.

Mehr von Volksfreund