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Beschämend und nicht zeitgemäß

Beschämend und nicht zeitgemäß

Viel wird in diesen Tagen von einem menschenwürdigen Umgang mit Flüchtlingen gesprochen. Der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit liegt dabei auf dem Mittelmeer - und auf dem trotz aller ertrunkenen Männer, Frauen und Kinder beschämenden Kompromiss der europäischen Staaten bei der Seenotrettung.

Mit drei bis vier Wochen Verzögerung erreichen Überlebende der waghalsigen Überfahrten aus Afrika auch unsere Region. Wer in die Augen dieser Menschen schaut, wer die panischen Schreie traumatisierter Kinder bei jedem Kontakt mit einer fremden Person hört, der kommt allerdings auch nicht an der Frage vorbei, wie menschenwürdig mit den Flüchtlingen in unserem Land umgegangen wird. Der Blick auf die medizinische Versorgung zeigt, dass wir von einer wirklichen Willkommenskultur noch so weit entfernt sind wie das in Libyen in See gestochene Schlauchboot von der vermeintlich wieder sicheren 30-Meilen-Zone vor der italienischen Küste. Das ist kein Vorwurf an die Akteure in den Aufnahmeeinrichtungen. Ärzte und Betreuer tun hier alles, um die rigiden gesetzlichen Vorgaben mit einer möglichst großzügigen Auslegung zu überwinden. Es liegt schließlich überwiegend im Ermessensspielraum der Ärzte, welche Behandlung sie als Maßnahme gegen akute Beschwerden definieren. So ist die medizinische Versorgung zumindest während der AfA-Wochen sogar außergewöhnlich gut. Fachärzte freuen sich über die Patienten von dort, weil sie - ähnlich wie bei Privatpatienten - direkt abrechnen können. Wie groß ist aber der Absturz, wenn die Asylbewerber ihr Domizil in den Städten und Dörfern bezogen haben! Für jeden Arztbesuch muss dann zunächst das Sozialamt um behördliche Zustimmung gebeten werden. Diese bürokratische und diskriminierende Regelung muss ebenso verschwinden wie das unselige deutsche Asylbewerberleistungsgesetz. Eine Asylgesetzgebung, die auf Abschreckung ausgelegt ist, hat ausgedient. Da ist sogar die Europäische Union weiter, die auf die Umsetzung ihrer Richtlinie in nationales Recht pocht. Rheinland-Pfalz mit seinem liberalen Ansatz für Flüchtlingspolitik marschiert dem Bund zwar deutlich voraus. Gut ist allerdings auch hier noch bei Weitem nicht alles. Die einigermaßen konsequente Behandlung traumatisierter Menschen wartet auf Umsetzung. Diese ist dringend notwendig. Nicht nur, weil Menschen die Gräuel des Krieges verarbeiten müssen. Auch eine nur knapp überlebte Fahrt über das Mittelmeer hinterlässt Spuren - in den Gesichtern und in der Seele. r.neubert@volksfreund.de