1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Bettlerbanden in Trier: Das kriminelle Geschäft mit dem Mitleid

Bettlerbanden in Trier: Das kriminelle Geschäft mit dem Mitleid

Die Stadt Trier hat organisiertes Betteln 2005 verboten. Dennoch sieht man sie täglich in der Innenstadt: Menschen mit Pappbechern, die auf dem kalten Boden knien oder sitzen und von kriminellen Banden zum Betteln gezwungen werden. Das Ordnungsamt kann nicht viel dagegen tun.

Das Alter des Mannes ist unmöglich zu schätzen, er könnte 40 oder auch 60 Jahre alt sein. In demütiger Haltung kauert er am Rand der Simeonstraße, hält vorbeieilenden Passanten einen Pappbecher entgegen und begrüßt sie mit einem unverständlichen Murmeln. Seine Botschaft ist dagegen klar und deutlich. Ich bin am Ende, bitte helft mir.
Diese mit hoher Wahrscheinlichkeit wahre Botschaft wird von organisierter Kriminalität pervertiert. Der Mann bettelt nicht aus eigenem Antrieb, sondern wird täglich nach Trier gebracht und zusammen mit anderen Opfern in einem Schichtsystem auf die Straßen geschickt. "Die in Osteuropa und Russland sitzenden Banden locken arme Menschen unter fadenscheinigen Versprechungen nach Deutschland", sagt ein Ermittler, der sich in der Szene auskennt. "Wenn sie ihre Quoten nicht erfüllen, droht man ihnen mit Folgen für ihre Familie oder direkt für sie selbst."

Die Behörden kennen das Problem seit Jahren. Auch die Stadtverwaltung Trier weiß genau, was sich in ihrer Innenstadt abspielt. Aber sie kann kaum etwas dagegen tun. "Mit den wenigen Mitarbeitern des kommunalen Vollzugsdienstes können wir im Kampf gegen organisiertes Betteln keine Erfolge erzielen", sagt Ralf Frühauf vom städtischen Presseamt.

Koblenz hat 21 kommunale Vollzugsbeamte, Mainz sogar 32. Trier hat nur acht. Deren Aufgabenspektrum ist gewaltig, die Verdrängung des organisierten Bettelns ist für sie nur eine Pflicht unter vielen. Die Beamten kontrollieren die Innenstadt laut Mitteilung des Presseamts täglich mindestens zweimal. Doch damit erreichen sie nicht viel, erklärt Ralf Frühauf. "Wenn die Bettler die Fahrzeuge des kommunalen Vollzugsdienstes sehen, begeben sie sich in angrenzende Seitenstraßen oder Kaufhäuser." Auch wenn die Kontrolleure zu Fuß unterwegs sind oder sogar in Zivil vor Ort erscheinen, erkennen die Bettler die Lage schon von weitem und verschwinden. "Die Gesichter der Mitarbeiter des kommunalen Vollzugsdienstes scheinen verbrannt zu sein", sagt der Pressesprecher.

Grundsätzlich ist Betteln im Stadtgebiet erlaubt. Obdachlose, die ihren Tagesbedarf auf diese Weise decken, verstoßen nicht gegen das Gesetz. Organisiertes Betteln ist dagegen seit 2005 verboten. Damals gestand eine Bettlerin der Mitarbeiterin eines Innenstadtgeschäfts, dass sie gezwungen wird, täglich auf der Straße zu sitzen.
Die Stadt Trier erließ damals die bis heute geltende Allgemeinverfügung, die das organisierte Betteln verbietet und es den Ordnungskräften ermöglicht, gegen Personen vorzugehen, die gegen dieses Verbot verstoßen. Doch auch wenn die Beamten einen Bettler ertappen, können sie in den meisten Fällen lediglich einen Platzverweis aussprechen. Kaum sind die Ordnungshüter außer Sicht, kommen die Bettler zurück. Gehen die Beamten massiver vor und nehmen ihnen die Einnahmen weg, droht eine Eskalation. "Das führt zu Unmutsäußerungen und Unverständnis von Passanten", erklärt Frühauf. Sein Fazit: "Es ist ein schier unmögliches Unterfangen, dieses Problem abzustellen."Meinung

Die Drahtzieher sind unangreifbar
Die Macher und Drahtzieher sind weit weg und unerreichbar für das deutsche Strafrecht. Die Organisatoren und Schichtplaner vor Ort sind kleine Fische und leicht ersetzbar, wenn man sie schnappt. Die Täter, die auf den Straßen der Innenstädte um Centmünzen betteln, sind in Wahrheit die Opfer. Das System des organisierten Bettelns ist eine klassische Erscheinungsform der professionellen Kriminalität. Das erbettelte Geld müssen die Männer und Frauen auf den Straßen an ihre Hintermänner abgeben, ihnen selbst bleibt nichts außer der Gewissheit, dass ihnen und ihren Familien Schlimmes droht, wenn sie auspacken. Eine Situation, die natürlich Mitleid und Verständnis hervorruft. Doch jeder, der den Bettlern ein paar Münzen gibt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er Gangster und ihr System unterstützt. j.pistorius@volksfreund.de