1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Katholische Kirche: Bistum Trier will homosexuelle Eheleute in den eigenen Reihen nicht mehr bestrafen

Katholische Kirche : Bistum Trier will homosexuelle Eheleute in den eigenen Reihen nicht mehr bestrafen

Wiederverheiratete und homosexuelle Eheleute in Reihe des Bistums Trier müssen künftig nicht mehr um ihren Job fürchten. Der oberste Verwaltungschef hat die eigentlich vorgesehenen Sanktionen ausgesetzt.

Im Mai 2003 machte der damalige Trierer Bischof Reinhard Marx kurzen Prozess: Als Marx davon erfuhr, dass eine Trierer Gymnasiallehrerin sich offen zu ihrer Homosexualität bekannte, entzog Marx ihr kurzerhand die Lehrerlaubnis für den Religionsunterricht (Missio Canonica). Kollegen hatten der Pädagogin zuvor noch abgeraten, sich offen zu ihrer eingetragenen Lebenspartnerschaft mit einer Frau zu bekennen. Doch die damals 33-Jährige winkte ab. „Für mich ist Transparenz etwas Selbstverständliches. Andernfalls wäre ich doch zur Lüge gezwungen worden“, schildert die Lehrerin ihre Beweggründe.

Die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe organisierten seinerzeit noch eine Unterschriftensammlung für die beliebte Pädagogin. Doch an der Entscheidung des Trierer Bischofs änderte sich nichts. Jeder Religionslehrer sei dazu verpflichtet, „in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche zu unterrichten und katholische Grundsätze in der persönlichen Lebensführung zu beachten“, teilte ein Sprecher von Reinhard Marx seinerzeit mit. Da eingetragene Lebenspartnerschaften von Homosexuellen dazu im Widerspruch stünden, könnten die Betroffenen keinen Religionsunterricht mehr erteilen.

Sanktionen für homosexuelle Arbeitnehmer und solche in zweiter Eher ausgesetzt

Immerhin knapp zwei Jahrzehnte später hat sich die katholische Kirche im Bistum Trier von dieser Praxis verabschiedet. In einem diese Woche an alle Mitarbeitenden des Bistums verschickten Brief hat Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg alle arbeitsrechtlichen Sanktionen bei Fragen persönlicher Lebensführung ausgesetzt. Das bedeutet beispielsweise, dass schwule oder lesbische Eheleute in Diensten des Bistums künftig keine Konsequenzen mehr zu befürchten haben. Auch Geschiedenen, die einen neuen Partner heiraten, drohen keine Sanktionen mehr.

Es betrifft aber auch sogenannte pastorale Mitarbeitende oder Mitarbeitende mit einer kirchlichen Lehrbeauftragung, wie sie einst von Reinhard Marx der homosexuellen Gymnasiallehrerin entzogen wurde. Ab sofort wäre das nicht mehr möglich. Denn der Generalvikar hat – selbstverständlich „nach Rücksprache und in Übereinstimmung mit dem Bischof“ – die entsprechenden Regeln der kirchlichen Grundordnung ausgesetzt. „Ich möchte auf diese Weise einen Beitrag dazu leisten, dass Sie als unsere Mitarbeitenden unsere Kirche als einen angstfreien Raum erleben“, heißt es in dem unserer Redaktion vorliegenden, zwei Seiten langen Brief wörtlich. Die Mitarbeitenden sollten die Gewissheit haben, dass ihre Lehrerlaubnis und ihr Arbeitsplatz nicht von ihrer sexuellen Orientierung und ihrem privaten Beziehungsstatus abhingen, so der Generalvikar.

Überarbeitung des kirchlichen Arbeitsrechts bis zum Sommer

Die Ankündigung des „GV“, wie der Generalvikar bistumsintern nur genannt wird, kam nicht überraschend. Erst vor wenigen Tagen hatten sich bundesweit elf Generalvikare in einem gemeinsamen Schreiben für einen sofortigen Verzicht auf arbeitsrechtliche Konsequenzen für queere Mitarbeitende ausgesprochen. Zudem solle die Überarbeitung des neuen kirchlichen Arbeitsrechts bis zum Sommer abgeschlossen sein, heißt es in dem Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Limburger Bischof und ehemaligen Trierer Generalvikar Georg Bätzing.

In ihrem Aufruf bitten die Generalvikare die deutschen Bischöfe darum, „kurzfristig eine Änderung des Kirchlichen Arbeitsrechtes herbeizuführen und auf alle Bezüge auf die persönliche Lebensführung in der derzeit geltenden Grundordnung“ zu verzichten. Die Grundordnung ist arbeitsrechtlich die Basis für die rund Dreiviertelmillion Menschen, die bei der katholischen Kirche oder der Caritas beschäftigt sind. Immer wieder zu Streit führen die dort erwähnten „Verstöße gegen Loyalitätsobliegenheiten“, weil damit etwa für Menschen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Sanktionen bis hin zu Kündigungen begründet werden können.

Keine Kündigung aus diesem Grund seit 2005

Nach Angaben von Bischofssprecherin Judith Rupp hat das Bistum allerdings „seit mindestens 2005“ keine Kündigungen mehr aus diesem Grund ausgesprochen. Ob es in diesem Zeitraum Sanktionen gab, war zunächst unklar. Rupp schränkte ein, dass sich ihre Aussage nur auf den Geltungsbereich des Bistums beziehe, nicht auf andere Rechtsträger wie Caritas oder Kirchengemeinden.

Eine Debatte über das kirchliche Arbeitsrecht hatte im Januar die Initiative #OutInChurch ausgelöst, bei der sich 125 Kirchenmitarbeitende öffentlich als queer zu erkennen gaben. Das englische Wort „queer“ ist ein Sammelbegriff für sexuelle Minderheiten, unter denen Homosexuelle die größte Gruppe darstellen.

In einer ersten Reaktion begrüßte der Trierer Priester Ralf Schmitz die Selbstverpflichtung des Bistums.  Sie schaffe Klarheit und Sicherheit. Mit OutInChurch sei echte Bewegung in ein Thema gekommen, das viele kirchliche Mitarbeitenden schon seit Jahrzehnten quäle. Der Hausobere des Trierer Brüderkrankenhauses, Markus Leineweber, spricht von einem „dringend notwendigen“ Schritt. Die Einrichtungen der Barmherzigen Brüder fühlten sich durch das Statement der Generalvikare bestätigt: „ein Weg, der schon seit vielen Jahren Vielfalt innerhalb unserer Dienstgemeinschaft zulässt“, so Leineweber.

Alex Rollinger, Geschäftsführer des Queeren Trierer Zentrums Schmit-z, sagte, nun könnten queere Mitarbeiter*innen im Bistum hoffentlich ruhiger schlafen.  Traurig sei es für all jene, „die in der Vergangenheit wegen Kündigungen oder auch nur wegen der Angst vor einem Outing gezwungen waren, eine neue Ausbildung oder Arbeit zu suchen“, so Rollinger.

Vincent Maron vom Trierer Arbeitskreis ‚Sexuelle und geschlechtliche Identität in der Pastoral‘ bezeichnet die Selbstverpflichtung des Bistums als  „Schritt in die richtige Richtung“, der zeige,  dass das Bistum die Forderungen von OutInChurch ernst nehme. 

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hatte sich skeptisch über den Brief der elf Generalvikare geäußert. Er sehe „die Gefahr, dass vorschnell Forderungen aufgestellt werden, die einer gründlicheren Reflexion bedürfen“. Stattdessen sei eine sorgfältige Überarbeitung des kirchlichen Arbeitsrechts notwendig.