Blind die Stadt begreifen
Trier · Wie können Menschen, die blind oder sehbehindert sind, die Größe oder Schönheit von Porta Nigra, Hauptmarkt und anderer Trierer Sehenswürdigkeiten begreifen? Die Bezirksgruppe Rheinland-Saar des deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) war am Wochenende in Trier und Umgebung unterwegs.
Trier. Ein schöner Herbstmorgen in der Stadt, wie geschaffen für eine Führung durch Deutschlands älteste Stadt. Gleich mehrere Gruppen teilen sich den Porta- Nigra-Vorplatz.
"Interessant, wie stufenförmig die Porta aufgebaut ist", sagt der Düsseldorfer Günter Stiebeling in Richtung Römertor. Die Beschreibung der Porta Nigra durch einen von Geburt an blinden Menschen überrascht kurzzeitig, erklärt sich dann aber schnell.
Mit Karten, auf denen das Römertor wie eine Art Relief abgebildet ist, können die Teilnehmer das Römertor ertasten.
Sachte fahren die Finger über die Linien und zeichnen im Kopf ein Bild. "Ein ganz massives Gemäuer", bestätigt Rainer Spring aus Erfurt, ebenfalls sein ganzes Leben lang blind. Wie selbstverständlich findet er mit seinem Taststock den Weg über Stufen und beschreibt mit Hilfe der Akkustik den Tordurchgang, als ob er ihn sehen könnte.
Das Beschreiten der Porta in ihrer ganzen Breite eröffnet der Gruppe die Dimension des Gebäudes, und das Erfühlen von Löchern im Mauerwerk zeigt, wo früher mal Eisenklammern steckten. "So ein reichhaltiges Angebot für Blinde erleben wir selten in dieser Intensität", lobt Stiebeling, bevor sich die Gruppe auf den Weg zum Hauptmarkt macht. Wer nicht in Begleitung ist, bewegt sich wie Rainer Spring völlig selbstständig mit seinem Taststock durch die fremde Stadt. "Es ist wichtig, beweisen zu dürfen, was man als Blinder kann", sagt er später und meint damit auch die Berufsmöglichkeiten. "Fledermausorientierung" nennt der Erfurter Behördenleiter das konzentrierte Gehen, bei dem die Umgebungsgeräusche den Weg weisen, und schmunzelt, als sein Stock eine weitere Trierer Besonderheit ertastet: "bautechnische Mängel!" - die groben Fugen im Straßenpflaster.
Dreikönigshaus, Marktkreuz, Steipe: Wo nicht an Modellen oder Reliefs gefühlt oder über die Ohren die Stadt aufgenommen werden kann, erklärt Stadtführerin Helga Reising, wie Gebäude oder Bauwerke aussehen. "Trier war eine der ersten Städte, die Stadtführungen für Blinde angeboten haben", weiß die langjährige Stadtführerin, beladen mit Reliefs aller wichtigen Gebäude Triers.
Auch Stiebeling ist voll des Lobes: "Das ist sehr, sehr vorbildlich!" Und weiter geht es auf den Weg durch die Stadt. Der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e.V. (DVBS) ist eine Selbsthilfeorganisation von blinden und sehbehinderten Menschen, die trotz ihrer Behinderung selbstbestimmt leben und beruflichen Erfolg haben wollen. Die Bezirksgruppe Rheinland-Saar besuchte Trier, die Trierische Tonpost und das Ruwertal.