"Blutrotes Licht" über Wasserliesch

"Blutrotes Licht" über Wasserliesch

Ein britischer Flieger ist Ende des Zweiten Weltkriegs beschossen worden und abgestürzt. Geschichtsinteressierte haben sich auf Spurensuche begeben und sind fündig geworden. Nun wollen sie eine Gedenkstätte errichten.

Wasserliesch/KOnz Zahlreiche Wasserliescher kauerten in der Nacht zum 13. August 1944 in ihren Kellern. Still saßen sie da und hofften, "dass auch diesmal der Kelch des Todes an ihnen vorbeigehen werde". Draußen dröhnten die Flugzeugmotoren. "Plötzlich war der Himmel in blutrotes Licht getaucht", berichtet der Zeitzeuge Walter Burg. Er hat miterlebt, wie ein britischer Bomber im Luftraum über Könen von Heinz-Wolfgang Schnaufer, einem Nachtjäger-Piloten der deutschen Luftwaffe, angeschossen wurde und Feuer fing. Während einzelne Teile des Flugzeugs schon über Könen auf dem Boden zerschellten, versuchte die siebenköpfige Besatzung, bestehend aus australischen und englischen Soldaten, vergeblich, den Kurs zu halten. Das Flugzeug geriet ins Schlingern und drehte Kreise oberhalb von Wasserliesch. Nachdem das Heck abgerissen war, stürzte die Maschine zu Boden und fraß dabei eine brennende Schneiße durch den Wald.


Der Tag nach dem Absturz Die Feuerwehr löschte den Waldbrand und die Wasserliescher stiegen aus ihren Kellern. Viele wanderten zur Absturzstelle. Burg erinnert sich zurück: "Von der Besatzung fehlte zunächst jede Spur." Doch dann machte er einen grausigen Fund: "Ein Arm mit Hand, abgetrennt vom Ellenbogen, lag neben einer kleinen Vertiefung." Eine alte Frau starrte auf das Wrack und die im Umkreis verstreuten Flugzeugtrümmer und sagte: "Die arm' Jongen."
Auch der damals 21-jährige Anton Metzdorf lief mit seiner Schwester zu den Trümmern beim Rosenberg. "Auf dem Weg dorthin fand ich einen noch gepackten Fallschirm, der wohl aus dem Flugzeug gefallen war", berichtet der Zeitzeuge. Er versteckte den Schirm und schmuggelte ihn in der Nacht heimlich nach Hause, da es verboten war, etwas aus einem feindlichen Flugzeug zu besitzen.
"Die Mutter nähte aus den Stoffteilen dann Hemden und Blusen für die gesamte Familie", so Metzdorf. Doch nicht nur das: "Im Februar 1945 habe ich dann meine Liebste geheiratet. Auch das Brautkleid wurde aus dem Stoff des Fallschirms geschneidert." Fast alle Hochzeitsgäste hätten aus dem Schirmstoff gefertigte Kleider getragen. "Scherzhaft nannten wir die Feier Fallschirmhochzeit."
Nicht nur Metzdorfs Familie habe sich an den Überbleibseln des Bombers des Modells Avro Lancaster bedient: "Ich weiß auch, dass das Spornrad vom Heck des Flugzeugs zerschnitten wurde, um daraus Schuhsohlen für die abgelaufenen Schuhe der Kinder zu machen. Man hatte ja sonst nichts."


Die Spurensuche Anekdoten wie diese wären vermutlich für immer vergessen worden, wenn Geschichtsinteressierte wie Manfred Metzdorf aus Trier oder Rainer Clemens aus Wasserliesch sie nicht stückweise zusammengetragen hätten. Sie wollten der Geschichte um den Flugzeugabsturz auf den Grund gehen, damit auch die heutige Generation davon erfahren kann. Dazu befragten sie zehn Augenzeugen und durchsuchten den Wald nach Relikten des abgestürzten Flugzeugs. Mit Metalldetektoren durchkämmten sie das Waldstück Herrenbüsch und förderten Kabel, Messgeräte und Patronenhülsen zu Tage. "Sie lagen nur wenige Zentimeter unterm Laub", sagt Metzdorf. Vermutlich sind noch weitere Teile unter der Humusschicht begraben. "Wir finden jedes Mal etwas Neues", sagt Clemens. Einmal habe man sogar zwei Granaten entdeckt. "Der Kampfräummitteldienst hat sich dann darum gekümmert."
Angestoßen wurde das Projekt durch einen Brief aus Australien. Geoffrey Dunham, ein Nachfahre des Offiziers Donald William Dunham, der bei dem Absturz ums Leben kam, regte die Recherchen an (der TV berichtete am 10. Januar: "Mann aus Melbourne will mehr über seinen toten Onkel wissen"). Michael Naunheim, Pressesprecher der Konzer Verwaltung, steht mit dem Australier in Kontakt und unterrichtet ihn über die bisherigen Erkenntnisse.


Die Nacht des Absturzes Der Bomber war mit der siebenköpfigen Besatzung am Abend des 12. Augusts 1944 von Upwood in England Richtung Deutschland gestartet. Die sogenannten Pfadfinder sollten die Opel-Werke in Rüsselsheim (Hessen), in denen unter anderem Militärfahrzeuge hergestellt wurden, aus der Luft erspähen und mit Leuchtbomben markieren. "'Christbäume setzen' nannte man das", sagt Metzdorf. Nachfolgende Flieger hatten den Auftrag, die gekennzeichnete Stelle zu bombardieren. Die Mission scheiterte jedoch. Statt der Opel-Werke wurden Scheunen im sechs Kilometer entfernten Königstädten (Hessen) in Brand gesetzt. Auf dem Rückweg geriet der Bomber über Könen in über vier Kilometern Höhe in einen Luftkampf. Heinz-Wolfgang Schnaufer, einer der erfolgreichsten deutschen Piloten, traf die britische Maschine, die daraufhin abstürzte. Die gesamte Besatzung verlor ihr Leben, während Schnaufer über den Köpfen der Wasserliescher nach Luxemburg davonflog.

Die Freizeithistoriker Rainer Clemens (links) und Manfred Metzdorf haben Überreste des 1944 abgestürzten Flugzeugs geborgen. Zur Erinnerung an das Unglück wollen sie eine Gedenktafel aufstellen. TV-Fotos (2): Nathalie Hartl. Foto: (h_ko )


Eine Gedenkstätte für Wasserliesch Inzwischen gibt es konkrete Pläne, die Absturzstelle zu markieren. Eine Gedenktafel und eine Bank sollen an einem Weg beim Rosenberg aufgestellt werden. Ein Termin ist auch schon gefunden: Am Sonntag, 13. August, also exakt 73 Jahre nach dem Unglück, soll die Erinnerungsstätte eingeweiht werden.

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