„Stehen vor dem Nichts!“ Klüsserather sammeln Spenden für entfernte Verwandte und Freunde in Brasilien

Klüsserath/Winterschneiss · Südbrasilien erlebt die schlimmste Hochwasserkatastrophe seit 200 Jahren. Nun wollen die Klüsserather Spenden für ihre Partnerstadt dort sammeln und helfen. Wie sie das tun, welche Menschen hinter der Aktion stehen und wohin das Geld gehen soll.

Südbrasilien erlebt derzeit die schlimmste Hochwasserkatastrophe seit 200 Jahren. Überflutete Häuser, zerstörte Straßen und Brücken, ruinierte Existenzen – auf einer Fläche in der Größenordnung so groß wie die Bundesrepublik.

Südbrasilien erlebt derzeit die schlimmste Hochwasserkatastrophe seit 200 Jahren. Überflutete Häuser, zerstörte Straßen und Brücken, ruinierte Existenzen – auf einer Fläche in der Größenordnung so groß wie die Bundesrepublik.

Foto: Hedi Gattermann/Edition Bom Principio

So dramatisch hat es den Bundesstaat Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens noch nie getroffen: Innerhalb von zehn Tagen wurde er von zwei noch nie da gewesenen Stark- und Dauerregenereignissen, verbunden mit schweren Hochwassern, heimgesucht. Ganze Berge rutschten, Häuser und Menschen wurden mitgerissen, große Brücken weggespült, Straßen unbefahrbar.

Tausende Menschen haben nicht nur ihre Häuser, sondern ihr ganzes Hab und Gut verloren. Die Landwirtschaft ist stark verwüstet, der Verlust an Rindern, Schafen, Schweinen, Hühner und Haustieren unvorstellbar groß. Und es sind leider auch Menschenleben zu beklagen. Wichtiges Kulturgut ist für immer verloren gegangen (Archive, Bibliotheken, Museen), Familien stehen vor den Trümmern ihres Lebens, Unternehmen vor dem finanziellen Ruin.

Statt in diesem Jahr Jubiläum zu feiern – geplant waren viele Veranstaltungen zu 200 Jahre deutsche Einwanderung nach Brasilien (siehe Info I) – kämpfen die Menschen um ihre pure Existenz. Verzweifelte Nachrichten aus Brasilien erreichen den Klüsserather Ortsbürgermeister Norbert Friedrich täglich. „Es ist wirklich schlimm, sie sind in so großer Not wie noch nie.“

Aus der kommunalen Partnerschaft von Klüsserath mit Winterschneiss sind viele persönliche Freundschaften und Verbindungen entstanden. „Seit 2009 waren schon fast 500 Besucher aus Brasilien in Klüsserath, es gibt einen intensiven privaten Austausch und Kontakte innerhalb der Vereine“, berichtet Ortsbürgermeister Norbert Friedrich. Und auch umgekehrt, seien Klüsserather bei zahlreichen Besuchen in Bom Princípio stets mit offenen Armen empfangen worden und hätten dort eine beispiellose Gastfreundschaft erlebt.

Er ist schockiert: „Sie stehen vor dem Nichts! Nun ist es an uns, unseren Freunden und entfernten Verwandten etwas zurückzugeben.“ Sein dringender Appell daher an die Menschen aus der Region: „Bitte helft mit, dass unsere Brüder und Schwestern in Brasilien wieder auf die Beine kommen. Jede noch so kleine Spende hilft.“ Er betont dabei: „Wir wissen auch um das Schicksal der Hochwassergeschädigten in unserer Region und das soll auch nicht in Abrede gestellt werden. Wir fühlen uns in diesem Fall besonders betroffen, weil wir so eine enge und intensive Partnerschaft haben und jetzt etwas zurückgeben möchten.“

Der Spendenaufruf ist initiiert von den Brasilienfreunden Klüsserath unter der Leitung von Norbert Friedrich mit Unterstützung der Ortsgemeinde und der Verbandsgemeinde Schweich (siehe Info II). Das Geld soll direkt den am stärksten betroffenen Menschen vor Ort helfen. „In Brasilien gehen keine Spenden an Kommunen – das ist verboten. Erlaubt ist, dass diese an anerkannte gemeinnützige Einrichtungen gehen“, versichert Friedrich. „In Zusammenarbeit mit unseren Freunden vor Ort ist sichergestellt, dass die Spenden ohne Umwege direkt bei den Geschädigten in Winterschneiss ankommen.“

Hedi Gattermann aus Bom Princípio, die die Spendenaktion von brasilianischer Seite aus betreut, bestätigt, dass die Spenden unmittelbar an Menschen gingen, die alles verloren hätten, deren Existenz zerstört sei. Aus den Spendenmitteln sollten grundlegende Dinge besorgt werden, die sie zum Wiederaufbau bräuchten – so beispielsweise Arbeitsgeräte für kleine Familienbetriebe mit Rinder-, Schweine- und Hühnerzucht, Erdbeer-, Obst- und Gemüseplantagen.

„Wir haben bereits Lastwagen voller Kleidung, Wasser und Möbel erhalten, aber wir brauchen nun Mittel und Geräte, um die verschmutzte Erde wieder aufzuarbeiten und zu reinigen. Oder Holz, um die Produktionsanlagen für die Tierzucht wiederaufzubauen. Wir werden kein Geld aushändigen, sondern schauen, was dringend gebraucht wird, das besorgen und weitergeben.“

Es sei unmöglich, die Verluste im Land abzuschätzen, aber aus dem, was bereits sichtbar sei, handele es sich um Milliarden und Abermilliarden. „Allein die landwirtschaftliche Produktion wird über zehn Jahre brauchen, um wieder zur Normalität zurückzukehren. Ich hoffe, wir werden es überwinden, aber wir werden nie mehr die Gleichen sein.“

Bürgermeister Fabio Persch aus Bom Princípio dankt bereits jetzt allen Spendern. „Angesichts der unbeschreiblichen Tragödie, die über unser Land und Bom Princípio hereingebrochen ist, sind wir für jeden Beitrag dankbar, den unsere Partner in einer so schwierigen Zeit leisten.