Kurzgeschichte Der Pitter und die Holzdiebe

Korlingen · Autor Bernhard Hoff­mann aus Korlingen (Landkreis Trier-Saarburg) erzählt eine neue Geschichte vom Pitter aus dem späten 18. Jahr­­hundert. Diesmal geht es um Brennholz.

Soldaten schlagen Holz im Korlinger Wald – die Dorf­bewohner sind empört.

Soldaten schlagen Holz im Korlinger Wald – die Dorf­bewohner sind empört.

Foto: Christina Bublitz

Oh, was für ein furchtbar kalter Winter das war. Da brannte das Feuer im Herd der Küche den ganzen Tag, damit man sich hin und wieder aufwärmen konnte. Und besser ging es auch nicht den französischen Besatzern in Trier. Da hatten zwar die Offiziere in den feinen Kaufmannshäusern oder bei den reichen Ratsherren ein warmes Unterkommen. Aber Bürger und Bauern froren – und damit auch die bei ihnen einquartierten Soldaten im Jahr 1795. Die mussten in den Küchen hocken, verqualmten alles und fühlten sehr deutlich, wie willkommen sie waren, jetzt wo Brot und Holz Mangelware waren. Ja, das Brot auch, denn es fehlten Mehl und Fleisch für so viele Münder. Dabei hatten im Sommer noch alle Hurra geschrien, als die Franzosen sie „befreiten“. Na ja, in der Not ist sich jeder selbst der Nächste.

Da zogen also die hungernden und frierenden Soldaten in kleinen Rotten mit Handkarren in die umliegenden Dörfer und requirierten Lebensmittel und Holz für ihre kalten Stuben. Was sollten sie machen, von ihrem mageren Sold konnten sie kaum etwas kaufen. Auch beim Pitter holten sie Schinken, Kartoffeln und Holz. Aber dann war das zu Ende: Die Reste brauchten die Bauern in diesem harten Winter für sich selbst. Also versteckte man alles. Lange Gesichter, lautes Geschimpfe. Gestohlen wurde nachts, die Korlinger waren auf der Hut.

Und so hören sie auch eines Morgens die Axtschläge im Wald an der „Naumetter Kupp“, als sie selbst an der Waldracher Straße Brennholz holen. Schnell hinauf ... wer schlägt da Holz? Wer schon – die Franzosen: Sechs Männer in Uniform fällen mit Äxten Bäume. Zwei liegen schon da, zwei werden schon zersägt. Unsere Korlinger sind außer sich, stürzen sich auf die Soldaten, entreißen ihnen die Äxte. Ein Gerangel, ein Schreien, deutsch, französisch – und dann: ein Schuss. Da sind alle erst mal still. Der ging zwar in die Luft, aber jetzt zielt der Schütze auf den Pitter und geht langsam auf ihn zu. „Trop humide – sêcher“, erklärt der Pitter furchtlos, „viel zu nass, das Holz muss trocknen.“ – „Weg, weg!“, bedeutet ihm der Soldat mit der vorgehaltenen Pistole. Was sollten die Einwohner da machen? Mit hängenden Köpfen schleichen sie davon – und hören schon nach wenigen Metern wieder die gleich­mäßigen Axtschläge.

Wut hatten sie im Bauch. Wie lange so ein Baum brauchte, bis man ihn schlagen konnte, wussten die das nicht? Aber denen war das egal, die dachten nur ans Hier und Jetzt. Eine Beschwerde bei der Militär­verwaltung in Trier würde nichts nutzen. Die hatte das und alle Plünderungen zwar verboten, schaute aber auch nicht so genau hin – zumal es um die Zufriedenheit ihrer Soldaten ging. Und die Deutschen sollten dankbar sein gegenüber ihren Befreiern.

Aber weiter dulden konnte man das nicht, schließlich gab es immer wieder Winter, und für die Küche brauchte man das ganze Jahr über Holz. Die Katharina schäumte vor Wut: „Ihr hättet sie verjagen müssen, ihr wart doch viel mehr!“ – „Mit einer Kugel im Kopf verjagt es sich schlecht“, erwiderte der Pitter verärgert. „Die hätten doch nicht wirklich auf euch geschossen“, schimpfte sie weiter. „Auf dich vielleicht nicht, aber… aber…“ Blitzartig stand das Bild vor ihm: Alle, Frauen, Kinder, Männer müssten sich ihnen entgegenstellen, 30 Männer und Jungen, 40 Frauen und Mädchen und all die Kinder, das wäre wie eine mächtige Mauer!

So sollte es also sein. Zuerst hatten die Korlinger Angst. Soldaten, Degen, Gewehre, zimperlich sollten sie nicht sein, hatte man so gehört. In Trier wäre es drunter und drüber gegangen. Aber der Pitter erklärte ihnen, dass es nur schlimmer werden würde mit immer mehr Diebstahl und sie schließlich keinen Wald mehr hätten und keinen Ofen und keinen Herd mehr beheizen könnten. Oh, was für ein furchtbar kalter Winter das war … Also sahen es alle ein, gemeinsam, miteinander, füreinander! Die Kinder stellten sie in die erste Reihe, die kleinsten nach vorne. Da blutete den Müttern das Herz, aber sie standen ja dicht dahinter und hielten die Hände auf die kleinen bemützten Köpfe. In der dritten Reihe dann die Männer, das war ein gewaltiges Bild, könnt ihr mir glauben. Und eines, das zu Herzen ging. Aber man brauchte kein Hasen­herz zu haben, um die Situation als bedrohlich und arg gefährlich zu empfinden. Da war kein Unterschied zwischen Frauen, Männern und Kindern, die Beine zitterten, am Hals pochten die Adern, Schweiß brach aus trotz der großen Kälte.

Und jetzt kamen sie auch schon, die sechs Frevler mit ihren Hand­karren, lachend und schwatzend – und dann stehen sie vor der Menschenmauer und schauen finster auf die Korlinger. Und dann zücken sie im ersten Ärger die Degen und Pistolen. Aber was sollten sie machen, da standen 100 Menschen und blickten ihnen in die Augen …

Und jetzt wird’s auf einmal unheimlich, ob ihr’s glaubt oder nicht. Denn da singt ein Kind, der Pit ist es, leise das Lied vom „Frère Jacques“. Das passt jetzt so gar nicht hierher, aber es ist das einzige französische Lied, das sie in der Schule gelernt haben. Und dann fallen die hellen Stimmen anderer Kinder ein, und es werden immer mehr. Und dann singen die Frauen mit, und zuletzt brummen die Männer schief und falsch:

„Frère Jacques, frère Jacques,

Dormez-vous? Dormez-vous?

Sonnez les matines, sonnez les ­­matines!

Ding, dong, dong – ding, dong, dong.“

Atemlose Stille herrscht danach, ein kleines Kind weint, eines schluchzt, die Mauer wackelt. „Rétirez!“, brüllt der Anführer, die Degen und Pistolen verschwinden – und die Soldaten auch. Es sind Soldaten, ja. Aber seit wann schießen französische Soldaten auf Frauen und Kinder? Die Revolution ist vorbei. Tatsächlich kamen nie wieder Holzdiebe aus Trier.