Bürgerservice braucht Kapital

Bürgerservice braucht Kapital

Der Trierer Bürgerservice hat seinen Betrieb in den vergangenen 2,5 Jahren komplett umstrukturiert. Jetzt fehlen der gemeinnützigen Gesellschaft, die behinderten Menschen Arbeit gibt, zwei Millionen Euro, um die Betriebssanierung abschließen zu können. Die Stadt will aushelfen - alles andere käme das Rathaus wohl noch teurer zu stehen.

Trier. Etliche der 170 Mitarbeiter, deren Stellen die gemeinnützige Bürgerservice GmbH (siehe Extra) in den vergangenen 2,5 Jahren gestrichen hat, waren lange Jahre dabei gewesen. Entsprechend hoch sind teilweise die Abfindungen, die das Unternehmen zahlen musste. Auch die Schließung unrentabler Betriebsstätten hat erstmal Geld gekostet: Teilweise liefen Miet- und Leasingverträge weiter, teilweise mussten Gebäude zurückgebaut werden.
Auslöser für die Umstrukturierung waren die Sparbeschlüsse der schwarz-gelben Bundesregierung im Jahr 2010 gewesen. Bis dato erhielt der Bürgerservice 340 Euro pro sogenanntem Ein-Euro-Jobber, den er beschäftigte. Die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen kürzte diese Unterstützung kurzfristig auf 150 Euro. Ein wichtiges Geschäftsfeld des Bürgerservice, der in Spitzenzeiten 500 Ein-Euro-Jobber beschäftigte, fiel weg.
Bürgerservice-Geschäftsführer Horst Schneider erklärt: "Wir mussten unser Unternehmen komplett umstrukturieren, und das hat uns viele Millionen Euro gekostet."
Geschlossen wurden in den vergangenen beiden Jahren unter anderem die Geschäftsstellen in Bitburg, Saarburg und Wittlich, die Fahrradwerkstatt in Trier-West, die offene Werkstatt in der Monaiser Straße und die Textilwerkstatt in der Kaiserstraße. Übrig geblieben sind nur die Betriebszweige, die sich selbst tragen können. Dazu gehören zum einen die Qualifizierungsangebote für schwerbehindert oder langfristig arbeitslose Jugendliche sowie der gesamte Handwerks- und Dienstleistungsbereich mit Schreinerei, Abfall-Recycling, Gebäudereinigung sowie der Planung und dem Bau von Photovoltaikanlagen.Umstrukturierung abgeschlossen


Mittlerweile seien alle notwendigen Umstrukturierungen so gut wie abgeschlossen, sagt Geschäftsführer Schneider. "Um alles abzuwickeln zu können und dabei liquide zu bleiben, fehlen uns jetzt allerdings leider bis zu zwei Millionen Euro."
Die Prognose sei allerdings positiv: Wirtschaftsprüfer haben den Bürgerservice umfassend analysiert und Geschäftspläne für die nächsten beiden Jahre aufgestellt. Schon 2015 kann das Unternehmen demnach wieder schwarze Zahlen schreiben.
Offenbar ist auch die Stadt, die 49 Prozent des Unternehmens hält, von der Zukunftsfähigkeit des Betriebs und den Prognosen der Gutachter überzeugt. Die fehlenden zwei Millionen Euro sollen aus zurückgestellten Haushaltsmitteln zugeschossen werden. In seiner Sitzung am Donnerstag soll der Stadtrat dem zustimmen.
Beschließt der Stadtrat die Finanzspritze, wäre es das erste Mal in der 21-jährigen Unternehmensgeschichte, dass der Bürgerservice einen Zuschuss der öffentlichen Hand zum laufenden Betrieb erhält. Ginge das Unternehmen pleite, käme das die Stadt allerdings noch teurer: Mit drei Millionen Euro Bürgschaft wäre die Stadt bei einer Insolvenz in der Pflicht.Meinung

Wichtige öffentliche Aufgabe
Zwei Millionen Euro Unterstützung, und das kurzfristig: Was der Stadtrat da beschließen soll, macht skeptisch. Zwei Millionen Euro sind kein Pappenstil, und dass das Geld offenbar so dringend benötigt wird, weckt nicht gerade Vertrauen in die Angelegenheit. Blickt man hinter die Kulissen, relativieren sich die Dinge: Dass der Bürgerservice die Finanzspritze "kurzfristig" benötigt, hängt nicht etwa damit zusammen, dass er den Überblick über seine Lage verloren hat und nun überstürzter Handlungsbedarf besteht. Viel mehr läuft die Sanierung seit fast drei Jahren kontinuierlich und nahezu geräuschlos. Die Gutachter, die die Zukunftsfähigkeit des Betriebs untersucht haben, haben ihren Bericht allerdings offenbar erst kürzlich abgeschlossen. Bis zuletzt sollten alle Möglichkeiten, wie mit dem Unternehmen am besten umgegangen wird, geprüft werden. Das weckt Hoffnung, dass die richtige Lösung gefunden wurde. Auch die Summe von zwei Millionen relativiert sich angesichts der satten 26 Millionen Euro Umsatz, die der Bürgerservice 2013 gemacht hat. Fest steht, dass das Unternehmen eine wichtige öffentliche Aufgabe übernimmt bei der Fürsorge für die, die es im Leben nicht so einfach haben und die sonst vielleicht auf der Straße stünden. Ginge der Bürgerservice pleite, müsste die Stadt nicht nur mit drei Millionen Euro bürgen, sondern sich auch um diese Leute kümmern - was sicher ebenfalls teurer wäre als die Zwei-Millionen-Euro-Spritze. c.wolff@volksfreund.deExtra

Die gemeinnützige Trierer Bürgerservice GmbH beschäftigt und qualifiziert seit 21 Jahren Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat der Bürgerservice rund 15 000 Menschen mit Behinderung oder nach langfristiger Arbeitslosigkeit beschäftigt, qualifiziert und teilweise in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Nach der Entlassungswelle der vergangenen 2,5 Jahren arbeiten beim Bürgerservice weiterhin 218 festangestellte Mitarbeiter, davon 70 mit schwerer Behinderung. Hauptgesellschafter des Bürgerservice ist der Verein Trierer Initiative für Arbeitslose (Tina) mit 51 Prozent, die Stadt Trier hält die übrigen 49 Prozent der Unternehmensanteile. Im vergangenen Jahr hat der Bürgerservice einen Umsatz von 26 Millionen Euro in seinen zwei Sparten - Qualifizierung für den Arbeitsmarkt und Handwerk/Dienstleistung - gemacht.

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