Burkina Faso statt Bankschalter

Burkina Faso statt Bankschalter

TRIER. Sie hat sich ein Jahr fernab von Bankschalter und Computer gegönnt. Doch was sie in diesen 365 Tagen ihrer Freistellung leistete, war harte Arbeit. Stephanie Ursulet zog es in die Sahelzone, genauer gesagt nach Burkina Faso, wo sie Entwicklungshilfe leistete. Dank ihres Engagements können die Kinder von Gorom-Gorom überleben und sogar in die Schule gehen.

"Mama, ich hab gerade eine weiße Frau auf einem Motorrad gesehen!" "Du spinnst". Noch heute muss Stephanie Ursulet lachen, wenn sie sich an den kurzen Dialog zwischen Mutter und Tochter erinnert. Es kommt eben nicht alle Tage vor, dass sich eine weiße Frau, zudem noch alleine, in die Sahelzone begibt. Stephanie Ursulet hat es getan. "Irgendwas muss ich machen, das kann doch nicht alles sein", sinnierte sie. Dabei hatte es die junge Frau wirklich gut getroffen: einen Job in einem Luxemburger Geldinstitut schmeißt man nicht mal eben so hin. Brauchte sie auch gar nicht, denn es war ihr Arbeitgeber, der ihr die befristete Freistellung ermöglichte (Projekt:"travailler autrement" - "anders arbeiten"). Nach einer unerwartet beschwerlichen Suche nach einer Organisation, für die sie kostenlos arbeiten konnte, bestieg sie schließlich am 24. November 2004 das Flugzeug in Richtung Burkina Faso. Der Sommer 2004 war hart im Sahel: Erst verdorrte die Ernte, und dann überfiel eine Heuschreckenplage die restlichen Pflanzenbestände. Damals lautete der Plan ihrer französischen Organisation, dass sie Kindern Nachhilfe-Unterricht geben solle. Vor Ort in Gorom-Gorom (Hauptstadt der Provinz Oudalan) kam es anders. In Klassen, die teilweise mit 120 Schülern völlig überfüllt waren, war den Umständen angemessenes Handeln gefragt. Eine Qualifikation, die die 30-Jährige sofort bewies. Trotz mangelnder Unterstützung schaffte sie es, ein eigenes Projekt ins Leben zu rufen, das es den Kindern überhaupt einmal ermöglichte, in die Schule zu gehen. Sie vermittelte Patenkinder, zunächst an Bekannte und Verwandte, später auch im weiteren Umfeld. Aus den anfänglichen sechs sind mittlerweile an die 140 Schulkinder geworden, die oft abends unter den Straßenlaternen sitzen und lernen, weil sie zuhause keinen Strom haben. Nebenbei verteilte Ursulet Hilfsgüter, vor allem Hirse, um dem grassierenden Hunger etwas Einhalt gebieten zu können. Trotz aller Armut sind die Menschen zufrieden, berichtet Ursulet: "Es ist unglaublich, wie die Augen der Kinder strahlen, wenn du ihnen ein Bonbon gibst." Und auch in der Schule "ticken" sie anders als deutsche Kinder: "Sie tun wirklich alles, um in die Schule gehen zu können und sind todtraurig, wenn es am Fehlen von Materialien wie Heften scheitert", erzählt die junge Frau, während sie Yuri, ihr Mitbringsel aus Afrika streichelt. Der junge Windhund war ihr ständiger Begleiter in Gorom-Gorom und schnell stadtbekannt unter den rund 12 000 Einwohnern. Nicht nur das Klima (oft über 48 Grad im Schatten), auch die Mentalität der Menschen sei verschieden, erzählt Ursulet. "Du lernst dort sehr schnell Leute fürs Leben kennen, man begegnet sich direkt viel intensiver." Oberflächlichkeit kennen die Burkinabé nicht. Wie intensiv Stephanie Ursulet dieses eine Jahr in Burkina Faso erlebt hat, hört man noch heute aus ihren Erzählungen heraus. Detailliert erinnert sie sich, blendet auch schreckliche Erfahrungen nicht aus. "Ich habe noch nie so viel geweint wie in diesem einen Jahr", gibt sie zu. Und dennoch hat es sie stark gemacht. Die Liebe zu dem Land und seinen Bewohnern war so stark, dass sie im Mai dieses Jahres wieder dort war. "Es sagen viele, dass sie zurückkehren, aber die wenigsten tun es wirklich." Sie hat Wort gehalten. So fuhr sie wieder als weiblicher "Djinn" (Geist, an dessen Existenz die Burkinabé glauben) durch die Straßen von Gorom-Gorom, brachte Kinderaugen zum Strahlen und bestärkte Mütter in ihrem Glauben an die Geister.

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