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Caritas-Hauptversammlung in Trier: Caritas-Präsident zur Migrationsdebatte

Caritas-Hauptversammlung in Trier: Caritas-Präsident zur Migrationsdebatte

Mit rund einer halben Million Angestellten in Deutschland gilt die Caritas als der größte private Arbeitgeber im Land. Heute und morgen hat die Caritas in Trier ihre Hauptversammlung.

Trier. (slg) Die Arbeitsfelder der Caritas erstrecken sich von Kranken- und Altenpflege über Kinderbetreuung bis zur Arbeit mit Migranten: Themen, bei denen die Caritas auch mit der Bundespolitik in Berührung kommt.

In der vergangenen Woche haben Politiker tagelang über die Rede des Bundespräsidenten Christian Wulff diskutiert. Er hatte gesagt, der Islam gehöre zu Deutschland. Nun fordert Horst Seehofer einen Einwanderungsstopp für Menschen aus bestimmten muslimischen Ländern. Wie sieht die Caritas die Lage der Migranten in Deutschland?

Peter Neher: Das Thema Migration ist für uns ja nichts Neues, weil die Arbeit mit Migranten eine unserer Kernaufgaben ist. Das Problem ist, dass von Seiten der Politik jahrelang ignoriert wurde, dass Deutschland ein Einwandererland ist; die damit verbundenen Schwierigkeiten sind jetzt aber nicht über Nacht zu lösen. Der Bundespräsident beschreibt jetzt lediglich die Realität, wenn er darauf hinweist, dass in unserem Land viele Menschen muslimischen Glaubens leben. Politiker, die nun zwischen erwünschten und nicht erwünschten Migranten unterscheiden wollen, tragen nicht zu einer konstruktiven Debatte bei, sondern unterstützen Vorurteile. Das ist inakzeptabel und für ein gelingendes Zusammenleben nicht förderlich.

Was muss man Ihrer Meinung nach tun, um die Migranten erfolgreicher integrieren zu können?

Neher: Es ist enorm wichtig, dass wir den Kindern frühzeitig die deutsche Sprache vermitteln, in Kindertagesstätten und auch in Schulen. Wir brauchen längere gemeinsame Lernzeiten und trotzdem eine individuelle Förderung. Das kann verhindern, dass sich hier Parallelgesellschaften entwickeln. Doch wir sollten immer im Blick haben, dass es bei zahlreichen Fragen um eine gelingende Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik geht, die keinesfalls auf die Migranten zu beschränken ist.

Denken Sie, dass die Regierung genug investiert?

Neher: Die aktuelle Sparpolitik der Bundesregierung ist zwar grundsätzlich wichtig, denn die Schulden, die durch die weltweite Finanzkrise entstanden sind, sind enorm. Doch rund ein Drittel der einzusparenden Summe wird im sozialen Sektor eingespart. Das Elterngeld wird für Hartz-IV-Empfänger gestrichen, Rentenleistungen für Langzeitarbeitslose ebenfalls. Das sind Menschen, die keine Reserven haben. Das ist inakzeptabel! Sinnvoll hingegen finde ich das Teilhabepaket, das Kindern Zugang zu Sport- und Musikunterricht ermöglichen soll.

Die Leistungen für Hartz-IV-Empfänger sollten Ihrer Meinung nach also über das Finanzielle hinausgehen?

Neher: Wir brauchen neben einem menschenwürdigen Existenzminimum auch Strukturen, die gerade Kinder und Jugendliche fördern. Ein Instrument zu lernen oder durch Nachhilfe die Chance zu bekommen, aufs Gymnasium zu wechseln: Das ist für Kinder wichtig. Die geplanten Leistungen für Bildung und Teilhabe sind wichtige erste Schritte. Was die Gesellschaft in die Förderung von Kindern investiert, trägt später für alle Früchte.

In ihren Einrichtungen arbeitet die Caritas auch häufig mit Zivildienstleistenden. Haben Sie Angst, dass durch die Aussetzung des Wehrdienstes auch Arbeitskräfte im sozialen Sektor fehlen werden?

Neher: Nein, denn die Zivildienstleistenden sind per Gesetz ohnehin arbeitsplatzneutral einzusetzen, das heißt, sie dürfen keinen Arbeitsplatz gefährden. Was wir bedauern, ist, dass es künftig für junge Männer möglicherweise nicht mehr so viele Berührungspunkte mit sozialen Themen gibt. Dadurch hat sich so mancher für eine Ausbildung im sozialen Bereich entschieden.

Glauben Sie wirklich, dass diese Arbeitsplatzneutralität in allen Fällen eingehalten wird?

Neher: Es wird sicherlich den einen oder anderen Fall geben, wo ein Zivildienstleistender nicht im Sinne des Gesetzgebers eingesetzt wird, wobei die Kostenträger aus finanziellen Gründen dann nicht selten gerne weggeschaut haben. Aber deshalb ist es doch gerade gut, dass wir jetzt darüber sprechen. Denkbare Alternativen zum Zivildienst sind beispielsweise das freiwillige soziale Jahr, Minijobs oder auch im Einzelfall sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. Extra Die Caritas: In Deutschland arbeiten rund 507 000 Menschen für die Caritas, in Rheinland-Pfalz 45 694 in Voll- und Teilzeit. Davon sind rund 600 in Trier und im Kreis Trier-Saarburg tätig. 600 junge Männer leisten in der Region ihren Zivildienst in verschiedenen Einrichtungen, beispielsweise in der Pflege und Betreuung. Die Caritas betreibt deutschlandweit Kultur- und Freizeitzentren für Migranten. Darüber hinaus gibt es Erstberatung und ein Projekt zur Sensibilisierung zum Thema "Zwangsheirat". (slg)