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Comedy goes West in der Kurfürst-Balduin-Realschule Trier

Comedy : Wer schlecht sieht, der kann auch nicht gut hören?

Ganz Trier-West liegt am frühen Abend bereits im Dämmerschlaf. Ganz Trier-West? Nein, denn in einem kleinen Raum bei der Kuba – Kurfürst-Balduin-Realschule plus – gibt es Licht und Lachen. „Comedy goes West“, veranstaltet vom Kultur Raum Trier, geht in die sechste Runde. Dies ganz modern, nämlich hybrid: jeweils kostenfrei vor Ort oder vom heimischen Sofa aus online. Das Programm ist hochkarätig: Heute lässt der gefeierte Kölner Comedian Timur Turga die Zuschauer an seinen alltäglichen, tragikomischen Situationen teilhaben.

Wer ein erfolgreicher Comedian sein will, der sollte am besten nicht zimperlich sein. Er gleicht einer Art „Seelen-Stripper“ – er lacht gemeinsam mit dem Publikum im Wesentlichen über eine Person, nämlich sich über selbst, über die eigenen Schwächen und Missgeschicke. „In der Stand-up-Comedy sind Konflikte im eigenen Umfeld typisches Thema“, resümiert Wikipedia. Das Faszinierende daran ist – neben der Tatsache, dass Lachen gesund ist und Schadenfreude angeblich die schönste ist –, dass man ganz den Blick des Comedians auf die Welt einnehmen kann.

In diesem Fall allerdings ist es eher der Nicht-Blick, denn Timur Turga ist seit seinem 16. Lebensjahr zügig und unaufhaltsam erblindet. Mittlerweile ist der junge Kölner mit den Dreadlocks und den doch ausdrucksvollen dunklen Augen Mitte 20 und sieht auf beiden Seiten nur noch rund fünf Prozent. Routiniert handhabt er seinen Blindenstock und berichtet ganz locker von seinem Beruf als Kinderpfleger, den er aufgeben musste: „Ich hab einen Ausflug mit den Kindern gemacht und kam mit einer Gruppe chinesischer Touristen zurück.“ Erfreulicherweise läuft die neue Berufswahl gut: Im vergangenen Jahr war er zweiter Sieger des Master Comedy Slams.

Mit Timur Turga zusammen steht das Publikum in der Kurfürst-Balduin-Realschule plus am Fahrkarten­automaten und nervt die Schlange hinter sich unendlich, versucht im Kino den richtigen Saal zu finden, amüsiert sich über die schräge Audio­deskription oder lässt sich immer mal wieder von energischen Helfern kid­nappen, so dass der Sehbehinterte schneller auf dem falschen Bahnsteig landet. Und warum reden die eigentlich immer so laut mit ihm? An den Ohren hat er doch nichts.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Auf der Damentoilette wird er vor der entrüsteten Besucherin zu Conchita Wurst. In der Kneipe versteht er den Vorschlag einer jungen Frau – „Willst du bei mir übernachten?“ – als Einladung zur Pyjama-Party und fragt deren Mitbewohnerin prompt, ob sie mit­machen will.

Ganz ohne optische Hilfsmittel stolpert Timur Turga – „Ich bin ein Meister der Überleitung“ – von einer Anekdote zur nächsten. Einzig der Summer in der Hosen­tasche teilt ihm mit, dass bereits eine knappe Stunde vergangen ist. Die von den begeisterten Zuschauern verlangte Zugabe („die seltsamste, die ich je gemacht habe“) macht die Stunde mehr als voll.

Man hätte „Comedy goes West“ noch mehr Zuschauer gewünscht, vor Ort und online waren es rund zwei Dutzend. „Ich habe ja als Studentin einige Jahre in Trier-West gewohnt“, berichtet Kerstin Rubas von Kultur Raum Trier, die den Abend gemeinsam mit Peter Stablo veranstaltet hat. „Die Leute sind hart, aber herzlich und direkt“, erinnert sie sich. „Daher hatten wir die Idee, dass wir auch mal was in Trier-West veranstalten wollen, damit die Leute nicht immer rüberkommen müssen auf die andere Mosel­seite.“