Däddschen

Kinder spielen heute nicht mehr auf der Straße. Erstens ist es viel zu gefährlich, zweitens sind überhaupt viel weniger Kinder da als früher, und drittens beschäftigen sich die Kinder, die noch da sind, drinnen mit ihrem Computerspielzeug.


Die Straße als großen Spielplatz, auf dem sich Kinder gemeinsam austoben können, gibt es nur noch in der Erinnerung der Alten. Und die vielen einfachen und fantasievollen Spiele von damals, von denen ich hier nur drei in Erinnerung rufe, sind auch fast vergessen.
Ein Spiel mit dem Namen Plömm zum Beispiel. Jungen spielten das. Mehr als ein "Fahrtenmesser" und ein Quadratmeter festgetretener Erde waren dazu nicht nötig. Das Messer musste in einer bestimmten Reihenfolge aus verschiedenen Lagen und Höhen, teils mit Überschlägen, im Boden zum Stecken gebracht werden. Dessen Messer nicht stecken blieb, musste wieder von vorne beginnen.
Mädchen konnten artistisch mit einem oder mehreren kleinen Bällen spielen, die sie nach ganz bestimmen Regeln, die sich im Schwierigkeitsgrad steigerten, gegen eine Wand werfen und dann gleich wieder auffangen mussten. Das Spiel hieß Proob (Probe).
Ein geschlechterübergreifender Spaß war das Spiel mit Kliggern oder Mürbeln (Murmeln).
Die einfachsten dieser Kügelchen hießen Leemärsch und bestanden, wie der Name es sagt, aus gebrannten Lehm. Dann gab es Kligger aus Glas, und heiß begehrt waren solche aus Metall. Letztere stammten meist aus Kugellagern zerstörter Maschinen. Metallmurmeln (Eisekligger) standen als Tauschobjekte hoch im Kurs.
So ausgerüstet kann das Kliggerspill beginnen. Mit dem Schuhabsatz wird ein Käulschen (Grübchen) in weichen Grund gedreht und aus einer bestimmten Entfernung versuchen die Spieler, ihre Kligger mit dem gekrümmten Zeigefinger in das Käulschen zu schubsen. Das klappt nicht sofort, und so liegen vor dem Käulschen meist mehrere Kligger in Wartestellung. Wenn dann bei einem weiteren Einlochversuch ein fremder Kligger gedäddscht (touchiert) wird, ist dieser raus aus dem Spiel und geht in den Besitz des Treffenden über. Wer am Ende die meisten Kligger ins Käulschen gebracht hat, hat den gesamten Inhalt des Käulschens gewonnen.
Ich habe die ernsthafte Vermutung, dass die Erfinder des Golf- und auch des Billardspiels als Kinder Kligger gespielt haben. Die wesentlichen Elemente dieser Spiele, das Einlochen und die Karambolage, konnten sie jedenfalls schon mal übernehmen.
Horst Schmitt ist Autor des Trierer Wörterbuchs, das im Trier-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich ist. Gemeinsam mit Josef Marx hat er über 10 000 Stichwörter in Hochdeutsch-Trierisch und Trierisch-Hochdeutsch zusammengetragen. Die beiden Autoren erläutern in unserer Kolumne "Trierisch balaawern" wöchentlich Besonderheiten der Trierer Mundart.