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Damit der Start ins Leben gelingt

Trier. Das Trierer Annastift, eine Mutter-Kind-Einrichtung des Sozialdienstes Katholischer Frauen (SKF), wurde 1913 als Anlaufstelle für Mädchen gegründet, die ungewollt schwanger geworden waren. Genau hundert Jahre später finden dort vor allem psychisch kranke und minderjährige Mütter Zuflucht und Unterstützung. Katja Bernardy

Trier. Wenn Tabea sagt, dass sie nach Hause geht, dann geht sie in die Krahnenstraße in Trier - ins Annastift. Seit Juli 2012 lebt sie in einem Apartment in der Mutter-Kind-Einrichtung. Die 19-Jährige ist zierlich und blass, ihre Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden. Man würde sie in einer Klasse vermuten, die bald Mittlere Reife macht.
Doch die Schulzeit liegt hinter Tabea. Sie steht morgens meist um 6.30 Uhr auf, weil ihr zwei Jahre alter Sohn es fordert. "Ich mache ihm dann eine frische Windel und wir frühstücken", erzählt die junge Frau, die als Teenager Mutter wurde.
Alleine würde sie es nicht schaffen, für sich und das Kind zu sorgen. "Es ist gut zu wissen, dass einer da ist, der einem hilft", sagt Tabea. Von ihrer Familie kenne sie so was nicht, schiebt sie gleich hinterher. Sie träume davon, Floristin zu werden und mit ihrem Ehemann, der bei seinen Eltern lebt, eine eigene Wohnung zu finden. Und sie hofft, dass ihr Sohn künftig weniger krank ist. Seine häufigen Infekte bereiten ihr Sorgen. Wenn der Kleine hustet oder Fieber hat, ist sie froh, dass sie eine der 45 Mitarbeiterinnen des Annastifts ansprechen kann.
So wie Tabea heute in der Einrichtung des SKF unterstützt wird, haben schon Frauen vor 100 Jahren dort Zuflucht gefunden. Mit der Entstehung des katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder 1903 begann auch die Geschichte des Annastifts: Laut Chronik bemerkte die Vereinsgründerin, Mutter Gertrud (Josefine Gräfin zu Schaffgotsch), bald das Fehlen eines Zufluchtshauses für junge Frauen in Trier. 1913 wurde das katholische Zufluchtshaus St. Annastift in der Krahnenstraße gegründet.
Bischof unterstützt Vorhaben


Der damalige Trierer Bischof Michael Felix Korum unterstützte die Idee. In einem seiner Briefe von 1912 heißt es: "Insbesondere soll das Haus gefallenen Mädchen, die ihrer Niederkunft entgegensehen, vor und nach der Geburt ein Heim bieten, wo sie in schweren, oft zur Verzweiflung führenden Stunden Halt und die Rückkehr zu einem ordentlich sittlichen Leben finden können."
Das Annastift steht an seinem 100. Geburtstag vor einem weiteren großen historischen Schritt: Ein Neubau der Mutter-Kind-Einrichtung ist in Planung.
SKF-Geschäftsführerin Christine Imping-Schaffrath, die in der Tradition vieler mutiger und engagierter Frauen steht, weiß aus der Historie, dass das Vorhaben nicht von allen gern gesehen wurde. "Alleinerziehende hat es zur damaligen Zeit nicht gegeben", sagt sie.
Doch die taffen Frauen verfolgten schnurstracks und unbeirrt ihr Ziel: Die Eintragung der Firma "Katholisches Zufluchtshaus GmbH" wurde beim zweiten Anlauf bewilligt. Der Trierer Fürsorgeverein schaffte es sogar, über informelle Wege an der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt vorbeizuarbeiten.
Vieles hat sich seit der Gründung vor 100 Jahren verändert: etwa die Nöte der hilfesuchenden Frauen und das Image des Annastifts. "Alleinerziehend zu sein, ist heute ein gesellschaftlich anerkanntes Familienmodell", sagt Regina Bergmann, Abteilungsleiterin Kinder- und Jugendhilfe. Hundert Jahre nach der Gründung haben Frauen andere Schwierigkeiten: Psychisch- und suchtkranke sowie minderjährige Mütter werden aufgefangen.
Die Aufenthalte werden über die jeweils zuständigen Jugendämter sowie über Spenden finanziert. Auch das Vorurteil "Wenn du dahin gehst, wird dir dein Kind weggenommen", sei weitestgehend ausgeräumt, sagt Bergmann. Denn in erster Linie wird nach einem gemeinsamen Weg für Mutter und Kind gesucht.
Ziel ist es, Fähigkeiten zu erlernen, um "draußen" ein selbstständiges Leben mit den Kindern führen zu können. Die meisten jungen Frauen lernen beispielsweise, Frustrationen besser auszuhalten, regelmäßig mit den Kindern zu essen, geduldiger zu werden und eigene Bedürfnisse auch mal hintenanzustellen. "Sie reifen nach", sagt Abteilungsleiterin Bergmann. So wie Tabea. "Hier werde ich vorbereitet auf das große Leben draußen", sagt sie. Auf das Leben, das ihre Familie ihr nicht gezeigt hat.
Extra

Aktuelle Zahlen aus dem Jahresbericht 2011: Es gab 117 Neuanfragen aus dem gesamten Bundesgebiet. 29 Mütter und 29 Kinder wurden neu aufgenommen. Davon waren acht Frauen psychisch krank, 15 minderjährig und 18 sozial benachteiligt. Insgesamt wurden 88 Menschen betreut. Die jüngste betreute Frau war 15, die älteste 42 Jahre alt. Das Durchschnittsalter der Frauen: 22 Jahre. kat