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Daniel Botmann vom Zentralrat der Juden spricht in Trier über Migration

Chance für die Gesellschaft : Integration von Einwanderern - „Wir brauchen Spielregeln und Angebote“

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, hat in Trier aufgerufen, Migranten mit den Spielregeln der deutschen Gesellschaft vertrauter zu machen. Und ihnen ein soziales Netz dazu zu bieten. Die Integration jüdischer Zuwanderer sei ein Erfolgsmodell.

So provokant der Titel des Abends auch klingt – „Zuwanderung heute: Der Untergang des Abendlandes oder Chance für unsere Gesellschaft“ – wer schrille Töne hören will, ist am Dienstag im Kasino am Kornmarkt völlig fehl am Platz. Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht auf Einladung der Trierer CDU ruhig und sachlich darüber, was bei der Integration von Einwanderern aus seiner Sicht anders laufen sollte.

Im Publikum sitzen neben Parteivertretern und Mitgliedern der etwa 470-köpfigen jüdischen Gemeinde Triers auch Botmanns Eltern – denn aufgewachsen ist der 1984 in Tel Aviv geborene Wahl-Berliner in Trier, wo er nach dem Abitur am Auguste-Viktoria-Gymnasium Jura und Volkswirtschaftslehre studierte.

Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 habe zu einer Willkommenskultur geführt, die man sich nicht hätte vorstellen können. Sie habe aber auch Ängste geschürt. Auch in der jüdischen Gemeinschaft, die ohnehin in einem dauerhaften Zustand latenter Bedrohung lebe. „Diese Sorgen müssen ernst genommen werden“, fordert Botmann. „Sorgen sind das eine. Die Rufe aus der Wirtschaft nach Fachkräften das andere.“   Mehr als eine Million Stellen seien unbesetzt, obwohl so viele Menschen arbeiteten wie noch nie. Der ehemalige Rechtsanwalt verweist auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die zeigt, dass bis 2060 jährlich 260 000 Menschen nach Deutschland einwandern müssen, um den Arbeitskräftebedarf zu decken: 114 000 aus Ländern der EU. 146 000 aus Drittländern. Nur zur Erinnerung: Die Koalition sei beinahe an einer Einwanderungs-Obergrenze von 200 000 zerbrochen.

„Darüber müssen wir reden. Wie schaffen wir es, die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt und die friedliche Koexistenz auch funktionieren?“ Beim Blick zurück fallen Botmann so einige Beispiele dafür ein, dass die Politik geschlafen habe. Da wären die Gastarbeiter, die in Scharen ins Land gelockt wurden. In der Annahme, sie würden eines Tages schon wieder gehen, habe man versäumt, sie zu integrieren. Auch habe die Politik es lange Zeit nicht geschafft, das Potenzial, das viele Migranten mit sich bringen, richtig zu nutzen. 70 Prozent der jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion seien Akademiker. Ingenieure hätten – bevor das Berufsanerkennungsgesetz 2012 verabschiedet wurde – in 1-Euro-Jobs Unkraut gejätet, Fachärzte als Pfleger gearbeitet. Zwar habe sich seitdem vieles verbessert, doch ist Botmann überzeugt, dass das menschliche Potenzial immer noch zu häufig nicht richtig erkannt und genutzt werde. Da könne man von Ländern wie den USA einiges lernen.

Auch bei der Integration sieht der Chef des Zentralrats Nachholbedarf. Man müsse den Menschen klarmachen, was ein Rechtsstaat ist, wie Demokratie funktioniert und nach welchen Spielregeln Menschen in Deutschland leben. 100 Stunden Integrationskurs seien da bei weitem nicht genug. Über Antisemitismus oder Israel werde in den Kursen nicht genug gesprochen. Das sei aber gerade bei Flüchtlingen, die aus Ländern kommen, in denen Judenhass gesellschaftlich akzeptiert werde, extrem wichtig. „Wir müssen dieses Thema ansprechen. Genau wie die Rechte der Frauen in einer Familie oder die Rechte Homosexueller.“ Und zwar nicht irgendwann, sondern sofort. „Jemand, der gerade erst angekommen ist, ist viel offener für Input!“

Als positives Beispiel für Integration führt Botmann die rund 200 000 Juden an, die nach 1990 aus der ehemaligen Sowjetunion einwanderten. Damals hätten sich die 25 000 bis 30 000 deutschen Juden Menschen mit einer völlig anderen Kultur und einer anderen Sprache gegenübergesehen. Selbst der Glaube sei nicht der gleiche gewesen, da davon in der Sowjetunion oft nicht viel übrig blieb. Damals habe man ein soziales Netz gebaut.„Die jüdische Gemeinschaft Frankfurt hat 20 Sozialarbeiter eingestellt. Das muss man sich mal vorstellen!“ Die Kriminalitätsrate unter diesen Einwanderern sei extrem gering gewesen. „Nicht, weil sie bessere Menschen waren, sondern weil sie in die Gemeinschaft aufgenommen wurden.“

„Schaffen wir es als Gesellschaft, ein soziales Netzwerk aufzubauen und die Menschen aus der Perspektivlosigkeit herauszuholen?“ Nicht jeder sei integrierbar und nicht jeder wolle integriert werden. „Aber wir müssen die Voraussetzungen schaffen, dass jeder, der sich eingliedern möchte, auch die Chance bekommt“. Und es wird deutlich, dass Botmann da  Nachholbedarf sieht. Er schlägt vor, den lebenskundlichen Unterricht, den es in jeder Bundeswehrkaserne gebe, zum Integrationsmotor zu machen. „Wir brauchen Spielregeln und Angebote, die von uns – den Demokraten – definiert werden.“ Insbesondere Bildung in Fragen der Demokratie sei essenziell.

Ob Frauen mit Kopftuch oder Männer mit Kippa – Daniel Botmann vom Zentralrat der Juden hat in Trier gefordert, mehr Zeit und Energie in die Integration von Zuwanderern zu stecken. Sie frühzeitig mit den Regeln des demokratischen Rechtsstaats vertraut zu machen. Und ihnen ein soziales Netz zu bieten. „Das ist eine Investition in die Zukunft“, glaubt er. Foto: dpa/Bernd Thissen
ARCHIV - 10.06.2014, Hessen, Frankfurt/Main: Ein Mann trägt eine Kippa mit eingearbeiteten israelischen und deutschen Fahnen. (zu dpa «Juden wollen Verein in der AfD gründen » vom 25.09.2018) Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Frank Rumpenhorst
Integrationskurse sollen Ausländer mit Deutschland vertraut machen. Der Sprachkurs umfasst in der Regel 600 Unterrichtsstunden, der Orientierungskurs, der Kenntnisse der deutschen Geschichte, Gesellschaft und Kultur vermittelt, 100 Stunden. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Denn Demokratie sei die beste Rechtsform, die dieses Land jemals gehabt habe.