Das Ende eines Traditionsgasthauses: Krokodil öffnet heute zum letzten Mal - Blick in die bewegte Kneipengeschichte

Trier · Heute Abend noch, und dann ist nach rund 100 Jahren Schluss mit dem Krokodil. Die Traditionsgaststätte am Nikolaus-Koch-Platz macht dicht. Das Ende einer Ära - und möglicherweise der Beginn einer neuen: Mitte November eröffnet im denkmalgeschützten Caspary-Haus ein Irish Pub.

Legendäre Trierer Gastwirtin: Agnes Stoelben (92). Das Krokodil war ihre letzte Station als Wirtin. In allen Gaststätten seit den 1950er Jahren mit dabei: Bilder wie das des Zechers, die ihr Mann Toni Stoelben (1917-1975) eigens hatte malen lassen und auch auf einer Krokodil-Postkarte verewigt wurden. Schwarz-Weiß-Foto: das Krokodil in den 1920er Jahren. TV-Fotos (2): Roland Morgen; historisches Foto: Stadtarchiv Trier

Trier. Woher der Name Krokodil kommt, weiß keiner mehr genau. Die weit verbreitete Mär, dass einst ein riesiges Plüsch-Kroko quasi als Wappentier über dem Tresen hing, stimmt jedenfalls nicht. Sie hat aber einen wahren Kern. "Das war ein ausgestopftes waschechtes Krokodil", weiß Günther Schäfer. Der 79-Jährige stammt aus der Metzelstraße gleich um die Ecke. Als kleiner Junge habe er das präparierte Reptil "einmal anfassen dürfen". Ein Erlebnis, an das er sich noch haargenau erinnern kann: "Ich habe das Viech mit großer Ehrfurcht berührt."
Absolut keine Ehrfurcht hatte Toni Stoelben (1917 bis 1975): Die aus Manderscheid stammende Trierer Gastronomenlegende und seine Frau Agnes, "waschechtes Trierer Mädchen" Jahrgang 1922, wurden 1972 Wirte des Krokodil. Erste Amtshandlung: Er hängte das, wie er sagte, "scheußliche Monstrum" ab. Wo es abgeblieben ist, weiß Agnes Stoelben nicht; "Ich habe es aber keine Sekunde lang vermisst."
Die Gäste anfangs schon, auch wenn die Stoelbens mit ihrer Spezialität - Balkan-Küche - schnell Furore machten und "immer ein volles Haus hatten - sieben Tage die Woche".
Ihre Versuche, die Gaststätte in "Zum Trenck, dem Panduren" umzubenennen, aber scheiterten. Der Name fand keine Akzeptanz - "alle Welt sprach immer nur vom Krokodil".
So wie schon in den 1920er Jahren. Historische Aufnahmen wie die hier abgebildete aus dem Stadtarchiv zeigen, dass spätestens in den 1920er Jahren Krokodile auf die Fassade der zur Caspary-Brauerei Trier gehörenden Gastro-Immobilie gepinselt waren. Vor rund 100 Jahren war ein gewisser Michel Mettlach der Wirt, nach seinem Tod führte seine Witwe das Lokal weiter.
Toni Stoelben, seit 1950 in der Gastro-Branche tätig (Taverne im Hotel Römischer Kaiser, Paulinschänke), und seine Frau traten auf den Plan, als die Gewerbeaufsicht das Krokodil 1972 wegen Hygiene-Mängeln dichtgemacht hatte. "Glück für uns, denn damals war absehbar, dass wir die Treviris-Gaststätten aufgeben mussten. Die Treviris stand ja vor dem Abriss", sagt Agnes Stoelben. Auch der Stoelben\'sche Bierausschank am Zentralen Omnibusbahnhof Pferdemarkt stand damit vor dem Aus.Ruhetage erst im Ruhestand


Den Wechsel ins Krokodil überlebte ihr Mann nicht lange: Er starb 1975 an den Folgen von Kriegsverletzungen. Agnes Stoelben machte mit Unterstützung von Familienmitgliedern alleine weiter. Bis 1985. Die Lotto-Annahmestelle in der Bahnhofstraße, die sie nebenher mit ihrer Schwester seit 1957 betrieben hatte, führte sie noch zwei Jahre weiter, um sich dann in den wohlverdienten Ruhestand zu begeben: "Vorher gab es nie Ruhetage und - wenn überhaupt - nur ganz selten Urlaub. Ich war immer überall und nirgends gewesen."
Dass die Krokodil-Ära nun endet, tut ihr "sehr leid. Mein Herz hängt immer noch an dieser sehr schönen Gaststätte."
Pächter Rolf Mayer und Co-Betreiber Thomas Sperber (beide 61) öffnen heute um 17 Uhr zum letzten Mal; ab 20.30 Uhr steht Live-Musik mit dem Duo El Camino auf dem Programm.
Immerhin: Es geht, wenn auch unter anderem Namen und mit anderem Konzept, gastronomisch weiter. Alan Gunning (45), seit der Eröffnung vor 21 Jahren Wirt des Irish Pub am Stockplatz, macht sich am Nikolaus-Koch-Platz selbstständig: "Damit erfülle ich mir einen Lebenstraum - und das in einer so wunderbaren Location." Gunnings Mietvertrag läuft ab 1. November, seinen Pub will er Mitte des Monats eröffnen.