Das fliegende Auge der Polizei

Er kann mit mehr als 250 Kilometern pro Stunde über Triers Dächer hinwegrasen und in schwärzester Nacht Verbrecher genau sehen. Der TV geht mit dem Eurocopter der Polizei in die Luft. Gerhard Schaible ist die Ruhe selbst. Der Hauptkommissar steuert den EC 135 mit einer Gelassenheit, die leicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die Beherrschung eines Hubschraubers zu den schwierigsten Aufgaben eines Piloten gehört. Der Eurocopter hat zwei Triebwerke mit jeweils mehr als 700 PS. Die Kontrolle dieser gewaltigen Kraft ist vor allem deshalb so schwer, weil ein Hubschrauber ständig andere Absichten zu haben scheint als sein Pilot."Nicht eigenstabil" heißt das im Fachjargon der Flieger. Der Hubschrauber will seine Fluglage immer verlassen, sich in eine andere Richtung neigen, schieben oder drehen. Schaible muss diese Bewegungen durch kontinuierliche, entgegen wirkende Steuereingaben abfangen. Er braucht dazu beide Hände und Füße. Mit der linken Hand kontrolliert er über einen Hebel den Auftrieb. Mit der rechten Hand regelt er die zyklische Blattverstellung und damit die Bewegung um Längs- und Querachse.In der Luft stehen bleiben

Am Boden sitzen zwei Fußpedale, mit denen der Heckrotor und damit die Bewegung um die Gierachse gesteuert wird, also die Rechts-Links-Drehung. Dagegen ist das Steuern eines Autos ein Kindergeburtstag.Dennoch hat Schaible die Lage im Griff, als wir in leichter Schräglage direkt über die Porta Nigra fliegen. Die Chancen eines Autos, dem Eurocopter im Gewimmel der Innenstadt zu entkommen, sind praktisch nicht vorhanden. Schaibles Fluggerät kann in der Luft stehen bleiben, rückwärts oder seitwärts fliegen und sich im langsamen Flug um die eigene Hochachse drehen. Und wenn die Hubschrauber-Besatzung am Boden gebraucht wird, genügt eine freie ebene Fläche, die groß genug zum senkrechten Starten und Landen ist. Das Auge des Eurocopters ist scharf, auch in der Nacht. Wenn das Tageslicht oder der 1600 Watt starke Scheinwerfer "Nightsun" nicht mehr erhellend genug wirken, kommt das von Operator Marco Stadel kontrollierte Wärmebildsystem zum Einsatz. Sein Name: Forward Looking Infrared System, kurz Flir.Während der Eurocopter in Richtung Saarschleife rast, erklärt Stadel sein System. "Flir macht Differenzen zur Umgebungstemperatur in Farbe oder Schwarz-weiß sichtbar." Damit werden fliehende Kriminelle oder vermisste Menschen auch in dunkelster Umgebung deutlich sichtbar, denn ihre Körperwärme wirkt auf dem Flir-Monitor wie eine Signalfarbe.Marco Stadel sitzt auf dem Arbeitsplatz des Operators hinter dem Piloten Schaible und dem Flugtechniker, Kommissar Manuel Zeimetz. Stadel lenkt die unter der Nase des Eurocopters sitzende Kamera mit einem Steuerknüppel. Zwei Monitore zeigen die Saarschleife, die wir tatsächlich schon erreicht haben. Wenn das Moselufer im Trierer Berufsverkehr mal wieder dicht ist, braucht ein Autofahrer von der Autobahnabfahrt in Trier-Nord bis zum Stadtausgang in Richtung Konz wesentlich länger.Suche nach Vermissten und Kriminellen

Die am Verkehrslandeplatz Koblenz-Winningen stationierte Polizeihubschrauberstaffel muss auf jeden Notfall, ob in der Eifel oder der Pfalz, schnell reagieren können. Zu ihren Aufgaben gehören neben der Vermisstensuche und der Fahndung nach Kriminellen die Verkehrsüberwachung und der Umwelt- und Gewässerschutz. Und wenn es ganz besonders hart wird, wenn etwa das Leben von Geiseln bedroht ist, bringt der Eurocopter Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) zum Zielort, die über Seile abgesetzt werden. "Bekämpfung von Schwerkriminalität" nennt das der Polizeijargon.Mittlerweile haben wir Trier wieder erreicht, die Landung steht bevor. Gerhard Schaible setzt den Eurocopter auf eine Wiese. Das sah leichter aus als rückwärts einparken. So kann man sich eben täuschen. ca/jöl Jörg Pistorius