Das flimmernde Klassenzimmer

Türme von Karteikarten stapeln sich auf dem Schreibtisch. Es sind Tausende Zettel, beschrieben mit Vokabeln.


Bis vor wenigen Jahren sah es noch so in den Jugendzimmern aus, damals, als die Welt analog war. Die Karteikarten sind verschwunden. Ihren Platz haben Apps übernommen. Heute lernt man digital. Gleichungen lösen Schüler mit dem Smartphone, sie recherchieren im Netz statt in der Bibliothek. Und mit demtechnologischen Fortschritt hat sich auch der Unterricht verändert. Lehrer können das Tafelbild auf sogenannten White boards per Fernbedienung wechseln. Die digitale Revolution hält also längst Einzug in die Klassenzimmer."Vor der Wahl wird nichts mehr passieren"


Dass der Umgang mit den neuen Medien, die so neu ja nicht mehr sind, für Heranwachsende immer wichtiger wird, glaubt man auch in Berlin. Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat deshalb im Oktober 2016 die "Offensive für die digitale Wissensgesellschaft" auf den Weg gebracht. Fünf Milliarden Euro sollen bundesweit ausgegeben, rund 40 000 Schulen mit neuen Computern, Tablets, Smartphones und schnellem Internet ausgestattet werden.
Allerdings ist das Geld im Haushalt bislang noch nicht verplant. "Vor der Wahl 2017 wird nichts mehr passieren", schätzt Ann-Kathrin Scheuermann vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium. Aber auch ohne die Finanzspritze vom Bund seien die Schulen in der Region technisch auf einem hohen Stand. Immerhin gibt es seit 2007 das Projekt "Medienkompetenz macht Schule".
26 Millionen Euro hat das Land seitdem im Rahmen dieser Kampagne ausgegeben. Das Geld fließt nicht nur in die Ausstattung der rund 580 teilnehmenden Schulen. Es werden auch Seminare und Workshops für Lehrer und Schüler angeboten. Mal geht es um Datenschutz, mal um Cybermobbing oder den Umgang mit Software und Apps.
Auch die Franziskusschule in Irrel hat 2009 an dem Projekt teilgenommen. "Wir haben Fördergeld für Whiteboards und Notebooks bekommen", sagt Rektor Claus von Bronewski. Es reiche aber nicht, die Technik zu haben, man müsse auch wissen, wie man sie nutzt. Zu Anfang gab es da Probleme: Der Umgang mit den Geräten sei zuweilen schon knifflig, gesteht der Schulleiter. Gerade ältere Kollegen hätten sich damit schwergetan.
Inzwischen seien die Lehrer aber geschult, Whiteboards werden in alle Fachbereichen eingesetzt. Im Geschichtsunterricht zum Beispiel: Statt auf dem Overhead-Projektor Bilder von antiken Vasen zu projizieren, können die Schüler eine visuelle Tour durch's Museum machen.Alles digital oder was?


Analoge Lehrmittel will der Rektor aber nicht ganz aus seinen Klassenzimmern verbannen. Manchmal komme auch "die gute alte Tafel" noch zum Einsatz oder die Wandkarte, sagt er: "Da haben die Schüler was zum Anfassen." Auch sollen die Kinder weiterhin lernen, von Hand zu schreiben: "Tippen können die sowieso. Das müssen wir denen nicht beibringen."
Am Saarburger Gymnasium tippen sie - anders als in Irrel - auch schon mal auf Tablets herum. Überhaupt ist die Schule, was die digitale Ausstattung betrifft, ein Vorreiter, wie das Bildungsministerium mitteilt. Die 40 000 Euro aus dem Projekt "Medienkompetenz macht Schule" seien da nur eine Art Starthilfe gewesen, sagt Daniel Groß, dessen Job es als Koordinator für Mediendidaktik ist, sich genau um diese Dinge zu kümmern.
Was noch auf seiner Wunschliste steht? Ein landesübergreifendes Cloudsystem, auf dem pädagogische Inhalte hoch- und runtergeladen werden können. Das sei bereits in der Mache.
Gebrauchen könnten das sicher auch die Lehrer an der Bernkastel-Kueser Rosenbergschule. Digitale Medien nutze man hier schon eine ganze Weile, sagt Rektor Holger Schäfer - aber zum Teil ganz anders.
I-Pads helfen den Förderschülern nicht nur bei der Recherche, sondern ermöglichen es einigen von ihnen, überhaupt mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren. "In jeder Klasse haben wir ein bis zwei Kinder, die undeutlich oder gar nicht sprechen können", erklärt Schäfer. Das kann ein Tablet für sie übernehmen - nur ein paar Klicks auf dem Display sind dafür nötig. Laptops und Whiteboards gehören hier aber auch zum Inventar.
Apropos Whiteboards. In der Berufsbildenden Schule in Gerolstein sind die wieder aus den Klassenräumen verschwunden. Der Grund laut Studienrektor Percy Merkelbach: Es gibt keine passende Software. Lernspiele auf der interaktiven Tafel das sei nichts für seine, zum großen Teil erwachsenen, Berufsschüler.
Wer glaubt, die Eifeler würden sich der modernen Technik verschließen, irrt aber. Mehr als 400 PCs und Laptops flimmern hier in elf Computerräumen - alle ausgestattet mit aktuellenProgrammen. Hier können Bauzeichner Modelle entwerfen und Mechaniker am Bildschirm ablesen, was dem Auto fehlt.
Was zeigt er, dieser Querschnit durch die Schulen in der Region? Digitale Medien sind aus dem Unterricht nicht mehr wegzudenken. Sie werden, vom Gymnasium bis zur Förderschule, von allen genutzt - allerdings auf unterschiedliche Weise.
Das Motto: Alles kann, nichts muss. Wenn das Fördergeld aus Berlin erst mal ankommt, kann man wohl noch eine Menge mehr.
Christian Altmayer