Das innere Licht
Eine afrikanische Landbewohnerin, die im vergangenen Herbst zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Tochter in unserer Region besuchte, wurde auf dem Weg vom Flughafen hierher merklich trauriger. Nach dem Grund ihrer Verstimmung gefragt, sagte sie, sie müsse für die Bäume beten, die hätten ja keine Blätter mehr.
Sie hatte in ihren vielen Lebensjahren noch nie so etwas gesehen und war traurig, dass ihre Tochter nun in einem Land lebe, in dem die Natur so trostlos aussah. Von dem Spiel der Jahreszeiten hatte sie noch nicht gehört, und nur das Erzählen vom Frühlingserwachen, dem zarten Grün und dem Obst unserer Bäume konnte ihre Stimmung langsam aufhellen.
Der Mangel an Sonnenlicht, der viele Pflanzen die Blätter abwerfen lässt, verursacht bei vielen Menschen so etwas wie eine "jahreszeitbedingte Verstimmung", die sogar zur Depression werden kann. Möglichst viel Zeit im Freien oder elektrische Leuchten mit speziellen Lichtfrequenzen sollen das Schlimmste verhindern helfen.
Um mich herum nehme ich immer mehr Menschen wahr, die in "lebensphasenbedingte Glaubensverstimmung" geraten, wenn es dunkel um sie wird. Wenn ein Arbeitskollege "zu jung" stirbt, der Partner Krebs hat oder ähnliche Dunkelheiten ins Leben treten, ist solch eine "Verstimmung" ja zunächst auch nur zu verständlich. Ich erlebe verstärkt, dass viele Menschen in dieser Glaubensverstimmung bleiben - wenn ihnen in den Dunkelheiten des Lebens kein inneres Hoffnungslicht leuchtet und es auch keiner von außen für sie anzündet.
Das Erzählen von der eigenen Auferstehungshoffnung, unser "Zuhören, Briefe schreiben, telefonieren", unser "Nichtweglaufen" kann der Anfang des Aufhellens einer Glaubensdepression sein. Wo holen Sie Ihr inneres Licht her? Wem lassen Sie heute Ihr Licht leuchten?
Pfarrer Klaus Stankowitz, Mehring