Das nächste Hochwasser kommt bestimmt

Trier · Oh Mosella! Der um 1930 errichtete Moseldamm verhindert, dass bei Hochwasser den Menschen in der Trierer City die Brühe bis zum Halse steht. Aber gegen Flutkatastrophen wie die von 1784 ist auch heute noch kein Kraut gewachsen.

Foto: roland morgen (rm.) ("TV-Upload morgen"

Trier. Der Schock muss über Generationen tief gesessen haben. Es war im Jahr 1920, als der Trie rer Historiker Gottfried Kentenich und Domkapitular Christian Lager ein frisch zurückliegendes Mosel-Hochwasser zum Anlass nahmen und in der von ihnen herausgegebenen Trierischen Chronik daran erinnerten, dass doch wieder einmal alles relativ glimpflich abgelaufen sei. Wenigstens im Vergleich zum Jahr 1784. Das hatte Fluten gebracht, die heutige Fachleute als "Jahrtausendhochwasser" einstufen.
In ihrer jährlich erscheinenden Chronik lassen Kentenich und Wagner die Katastrophe Revue passieren, indem sie die detailreichen Tagebuch-Aufzeichnungen des Trierer Privatgelehrten Ludwig Müller veröffentlichen. Am 28. Februar 1784 sieht Müller von der Simeonskirche (Porta Nigra) aus buchstäblich kein Land mehr. Maar, Pauliner Flur, Zurlauben stehen ebenso unter Wasser wie Pfalzel und Ehrang. Auch der Pferdemarkt, tiefster Punkt der Stadt, ist überflutet. In ihren Häusern eingeschlossene Bewohner werden per Nachen mit Brot versorgt.
"Sündfluth" reißt alles mit


Menschen, Vieh, Häuser, Brücken und Bäume reißt die "Sündfluth" mit sich. Als das Wasser wieder sinkt, werden, so notiert Müller, "hin und wieder tote Menschen, hinter und in den Hecken liegend, gefunden".
Wie hoch die Flut gestiegen war, lässt sich nicht ganz genau sagen. Offizielle Pegelaufzeichnungen für Trier gibt es erst seit 1817. Immerhin hat Müller notiert, dass die Figur des Schifferpatrons Nikolaus an der Römerbrücke bis zu den Knien im Wasser stand. Das entspricht einem Pegelstand von gut 12,30 Metern - mehr als ein Meter über dem "Jahrhunderthochwasser" von 1993.
Das hielt Trier in Atem, bis die Mosel am 21. Dezember bei 11,28 Metern haltmachte. Es war der zweithöchste Wasserstand seit Beginn der offiziellen Messungen, übertroffen nur von Silvester 1947 (11,39 Meter). Wenige Zentimeter mehr und die Brühe wäre in die Innenstadt geschwappt.
Überflutete Straßen, voll gelaufene Keller - solche Szenarien hat Alt-Trier mehrfach in den 1920er Jahren erlebt. Dann entschloss sich die Stadtverwaltung zum Bau eines Damms am östlichen Ufer. Bemerkenswerterweise gibt es kaum noch Aufzeichnungen zu dem Mammutprojekt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Selbst im ansonsten exzellent ausgestatteten Stadtarchiv muss man passen. Fest steht: Anfang der 1930er Jahre war der rund fünf Kilometer lange Schutzwall fertig. Mehrmals musste er in späteren Jahrzehnten verstärkt werden, um die darüber verlaufende Hauptverkehrsader tragen zu können. Kehrseite der Medaille: Diese vierspurige Straße wirkt wie eine Trennlinie zwischen Stadt und Fluss. Was aber aus Sicht der Ufer-Anrainer die bessere Alternative sein dürfte.
Barbeln (Trier-Süd) und das Krahnengelände, wo Fischer und Schiffer lebten, wurden früher in unschöner Regelmäßigkeit von Fluten heimgesucht. Für das Hochwasser von 1740 (etwa vergleichbar mit dem von 1993) berichtet ein Chronist, dass "die Leut zu den oberen Fenstern auf den Nachen ein- und ausgefahren" sind.
Joachim Sartor (60), Professor an der Hochschule Trier, hat sich intensiv mit Hochwasserberichten seit dem Mittelalter und den an Gebäuden angebrachten Pegelmarken beschäftigt. Im Jahrbuch 2012 des Kreises Bernkastel-Wittlich listet er historische Extremereignisse auf. Außer 1740 und 1784 trat die Mosel auch in den Jahren 1226, 1342, 1572/73 und 1651 besonders weit über ihre Ufer - mit verheerenden Folgen. Sartor warnt davor, die Gefahr zu unterschätzen: Ein Jahrhunderthochwasser wie das 1993er habe wegen des Klimawandels (zunehmende Winterniederschläge) ein statistisches Wiederkehrintervall von lediglich rund 50 Jahren, das 1784er "Jahrtausendereignis" eines von mehr als 500.
Vulkan bricht aus, Mosel steigt



Wann wieder eine Katastrophe eintritt, lässt sich nicht vorherbestimmen. Sicher ist nur: Das nächste Hochwasser kommt bestimmt.
Und es könnte auch weit entfernt liegende Ursachen haben. So wie das Mega-Hochwasser von 1784, das nach Einschätzung des Trierer Historikers und Forschers Adolf Neyses (87) Folge einer Naturkatastrophe in Island ist: "Der Ausbruch des Vulkans Laki begann am Pfingstsonntag 1783 und hielt acht Monate an. Dabei sind unter anderem unvorstellbare Mengen schwefelhaltiger Gase ausgestoßen worden, durch die Zehntausende Menschen in Europa hingerafft wurden. Selbstverständlich wurde auch das Klima beeinflusst. In unseren Breiten gab es einen besonders eisigen und schneereichen Winter, in dem die Mosel vier Mal zufror."
Neyses' Einschätzung deckt sich mit den Beobachtungen des Zeitzeugen Ludwig Müller. Er sah die "besondere Witterung des mit so starkem Höhenrauch begleiteten Jahres" (1783) als Vorboten eines "so harten Winters" - einschließlich Jahrtausendhochwasser.Extra

Die letzten größeren Hochwässer: 11,28 m am 21. Dezember 1993 10,56 m am 28. Mai 1983 10,33 m am 23. Januar 1995 1026 m am 12. April 1983 9,92 m am 27. Februar 1997 9,82 m am 3. Januar 2003 9,73 m am 1. Januar 1982 Wassermarken am Pegel Trier: ca. 3,20 m: mittlerer Wasserstand im Verlauf von 30 Jahren 2,20 m: Niedrigwasserstand 5,00 m: Beginn Hochwassermeldungen bei schnellem Anstieg 6,00 m: Beginn Hochwassermeldungen bei moderatem Anstieg 6,95 m: Höchstschiffbarer Wasserstand (HSW) 8,00 m: Beginn kritische Marke, zahlreiche Bundes-/Landstraßen gesperrt 9,00 m: Beginn sehr kritische Marke 10,00 m: Katastrophenalarm für Kreis Trier-Saarburg 11,50 m: Überflutung Pacelliufer (Trier-Süd) Quellen: <%LINK auto="true" href="http://www.hochwasser-rlp.de" class="more" text="www.hochwasser-rlp.de"%> ; Andreas Wagner/pegeldeutschland.de