Das Notizbuch im Kopf

TRIER. Am 24. September wird Triers neuer Oberbürgermeister gewählt. Der Trierische Volksfreund beobachtet die beiden Kandidaten, die für das Amt des Stadtoberhaupts antreten, jeweils einen kompletten Tag lang bei ihrem Wahlkampf. Den Auftakt macht Klaus Jensen, der als unabhängiger Bewerber antritt, aber von SPD und Grünen unterstützt wird.

9 Uhr, kühl Man kann sich Schöneres vorstellen an einem frischen Samstagmorgen, als vor der Porta Nigra zu stehen. Und doch hat der erste Wahlkampftermin des Tages für Klaus Jensen etwas Angenehmes, bietet er doch die Chance, zwischendurch mal ein Stündchen die Gegenwart der eigenen Ehefrau zu genießen. Schließlich ist Sozialministerin Malu Dreyer Schirmherrin jener Benefiz-Fahrradtour zugunsten des Vereins Nestwärme, die hier zu zeitiger Morgenstunde auf die Reise geschickt wird. Als "fifty-fifty-Wahlkampftermin" stuft Jensen sein eher unauffälliges Gastspiel ein. Schließlich kennt er Nestwärme seit Gründertagen, hat dem jungen Verein des öfteren mit Rat und Tat beiseite gestanden. "Ich wäre auch ohne Wahlkampf gekommen", sagt er. "Na ja, vielleicht", schiebt er hinterher. Der Mann ist ehrlich, auch sich selbst gegenüber - nicht risikolos für einen Politiker. Auch Konkurrent Holkenbrink taucht, leicht verspätet, an der Porta auf. Die Nestwärmler lösen das protokollarische Problem, indem sie weder den einen noch den anderen Kandidaten namentlich begrüßen - schließlich waren beide nicht explizit persönlich eingeladen. Auch das Gruppenfoto mit den Radlern gehört allein Malu Dreyer. Bleibt die Hoffnung, dass sich wenigstens die schiere Präsenz oder die Gespräche am Rande in Wahlkampf-Münze auszahlen. 11 Uhr, sonnig Bei der zweiten Station ist der Einsatz rentabler. Der Allgemeine deutsche Fahrradclub hat zu einer kleinen Rad-Erlebnistour durch die Stadt eingeladen, und Jensen kann das Feld alleine beackern. Kollege Holkenbrink, gleichfalls eingeladen, hat abgesagt - die Radler tragens mit Fassung. Auf dem langgestreckten Hinterhof in der Südallee kursieren ein paar spöttische Sprüche über die Affinität des CDU-Bewerbers zum Zweirad, aber hier hätte er wohl ohnehin nicht viele Stimmen einzusammeln. Die Radfahrer empfinden sich als Parias der städtischen Verkehrspolitik, seit Jahren vernachlässigt und benachteiligt. Da kommt einer wie Jensen recht, der ihre Anliegen zu den seinen macht. Wie selbstverständlich setzt er den blaugrauen Fahrradhelm auf und schwingt sich auf den Drahtesel. Dann geht es rund um den Alleenring, eine Abenteuertour zwischen Abgasen, Ampeln und Schlaglöchern, auf haarsträubend angelegten Routen. Am Stadtbad klebt man symbolisch eine Radweg-Markierung auf die Fahrspur und muss dabei aufpassen, nicht von Autofahrern über den Haufen gerannt zu werden. Konkrete Vorschläge, durchdachte Konzepte haben die Fahrrad-Lobbyisten mitgebracht. Bürgerbeteiligung genau nach Jensens Geschmack. "Im Rathaus hat ja viel zu selten jemand zugehört und die Bürger einbezogen", sagt er. 13 Uhr, bewölkt Die Erlebnistour auf zwei Rädern ist gerade zu Ende, da wartet schon Jensens Fahrer mit dem auffällig beklebten Wahlkampf-Bus. Ein Rentner aus seiner Nachbarschaft im Schammat steuert ehrenamtlich das Gefährt, wenn, wie an diesem Samstag, schon mal sechs Termine in Folge anstehen. In Trier-West organisieren engagierte Bürger auf dem Gelände einer Spedition ein Benefiz-Konzert für eine Trierer Familie, die bei einem Hausbrand alles verloren hat. Als er im Juli von dem tragischen Fall in der Zeitung las, hatte Jensen sich gemeldet und Hilfe angeboten. Nun ist er eingeladen, um das Benefiz-Fest zu eröffnen. Klassischer Repräsentations-Wahlkampf. Eigentlich nicht seine Sache. Aber er hat gelernt, Hände zu schütteln, Fässer anzuzapfen, für Erinnerungsfotos zu posieren, Small-Talk zu halten, auch mit "Wolle vom Hochwald", dem schnauzbärtigen Wolfgang- Petry-Imitator aus Lampaden, der später als Stargast auftritt. So richtig aufblühen kann er eher, wenn es um handfeste Sachthemen geht. Fast eine Stunde redet er mit Jo Bermann, die mit ihren vier Kindern nach dem Brand immer noch kein brauchbares Zuhause hat. Später diskutiert er sich bei Trier-Wester Stadtteilproblemen fest, auch wenn der Terminplan längst ins Rutschen gekommen ist. Man sieht ihm an, wie sich im Hinterkopf die virtuellen Notizzettel stapeln. Die Leute, sagt er, hätten jede Menge Ideen und Vorschläge. "Aber die Politik muss sie auch aufnehmen". Morgen wird er noch einmal wiederkommen und bei der Tombola als Glücksfee Lose ziehen. Wahlkampf ist halt Wahlkampf. 15 Uhr, stürmisch Derweil ziehen sich am Himmel stockdunkle Wolken zusammen. Kein gutes Zeichen für das Open-Air-Konzert zugunsten des Südbads, als dessen Schirmherr Jensen fungiert. Zur offiziellen Eröffnungszeit fällt wolkenbruchartiger Regen vom Himmel. Gähnend leere Ränge, lange Gesichter bei den Initiatoren und den beteiligten Bands, ein pitschnasser Anzug beim Kandidaten. Nicht das einzige Ärgernis an diesem Nachmittag. Ein Handwerker spricht Jensen an, erzählt empört von einem Schreiben seiner Kreishandwerkerschaft. Deren Vorsitzender, ein Holkenbrink-Intimus, hat kräftig die Wahlkampf-Trommel geschlagen und Jensens Forderung, Behinderte und Benachteiligte verstärkt durch öffentlich geförderte Integrationsbetriebe in den Arbeitsmarkt zu bringen, in einem offiziellen Anschreiben an alle Handwerksbetriebe gegeißelt. Ein in Wahlkampfzeiten eher ungewöhnliches Vorgehen für eine parteipolitisch neutrale Organisation. Jensen ist sauer und schlägt, für seine Verhältnisse ungewöhnlich, laute Töne an. Es sei "ein Skandal, auf dem Rücken Behinderter und Benachteiligter in den Wahlkampf einzugreifen", schimpft er. Er habe lediglich am Beispiel von Stadtteil-Lebensmittelgeschäften aufgezeigt, wie man mit Integrationsbetrieben Aufgaben wahrnehmen könne, die sonst ohnehin brach lägen. "Aber die wollten ja nicht die Sache klären, sondern lediglich meine Person beschädigen". Das verschlägt ihm tatsächlich die Laune, mehr als der Dauerregen. Offensichtlich glaubt er auch nach einem Jahrzehnt politischen Engagements immer noch an Spielregeln, selbst in Wahlkampfzeiten. Und weigert sich, das für naiv zu halten. 19 Uhr, wechselhaft Am frühen Abend, in Ehrang vor dem Bahnhof, haben sich Himmel und Stimmung wieder aufgehellt. Die KG Moselland, eine Mischung aus Karnevals-Club und Anwohner-Verein im Viertel, lädt zu einem Stadtteilfest mit der Leiendecker Bloas ein. Klaus Jensen ist ausdrücklich eingeladen, der Vorsitzende heißt ihn schulterklopfend als "künftigen OB von Trier" willkommen. Jensen ist früh genug an, um ein Schwätzchen mit den Musikern zu halten. Man kennt sich, schätzt sich. Später wird Helmut Leiendecker ihn von der Bühne aus kurz begrüßen, gleichzeitig aber auch den Namen des abwesenden Gegenkandidaten betonen. Weil: "Mir haalen uns loa raus". Ein Phänomen, das Jensen häufig begegnet. Man bringt ihm Sympathie entgegen, achtet aber darauf, es sich mit der Gegenseite nicht zu verscherzen. Der Wahlausgang ist halt völlig offen. Wenn er das Wählerpotenzial von SPD und Grünen geschlossen an die Urne kriegt, wird er die Wahl gewinnen, das weiß Jensen seit der Landtagswahl im März. Folglich setzt er im Wahlkampf einen Schwerpunkt auf die Mobilisierung von Stammwählern. Am Ehranger Bahnhof, um den sich kein Villenviertel gruppiert, hat er ein Heimspiel. Wer OB werden will, muss geduldig zuhören können, und mancher potenzielle Wähler nutzt das gnadenlos aus. Man kommt auf Klaus Jensen zu, erzählt ihm Lebensgeschichten, lädt ihn zum Bier ein - auch wenn er eisern bei der Apfelsaftschorle bleibt, die in seinem Glas langsam verschalt. Bei Leiendeckers "Petrus"-Lied hebt er schon mal mit ein paar Ober-Karnevalisten die Hände zum Himmel, aber so richtig lustvoll sieht es nicht aus - kein Wunder, wenn man stocknüchtern ist und zwölf Stunden Wahlkampf hinter sich hat. Aber der Notizblock im Kopf verzeichnet wieder ein paar Eintragungen mehr. Arbeit für den Fall, dass Klaus Jensen irgendwann den Chefsessel im Rathaus einnimmt.