Das Portrait: Fitnessstudio Kaufmann

Portrait : In der Lehre beim stärksten Mann der Welt: Zu Gast im ersten Fitnessstudio Triers

Vor 50 Jahren gründete Hans Kaufmann das erste Fitnessstudio Triers und verbringt heute noch mehr als zwölf Stunden täglich dort. In der Lehre war er beim stärksten Mann der Welt. Davon profitierte auch Weltmeister Henry Maske.

Da steht der stärkste Mann der Welt auf einer hölzernen Bühne in zwei Metern Höhe. Die Finger greifen die grobe eiserne Kette. Am Ende, unter seiner Bühne, schnaufen zwei Ochsen, zwei Tonnen schwer – wohl nicht ahnend, dass es dem Trierer gelingen wird, die Tiere fast einen halben Meter in die Höhe zu ziehen. Das Bild geht um die Welt. Dabei ist es nur eine der berühmten Leistungen des deutschen Schwergewichtsmeisters im Gewichtheben von 1912 (siehe Info).

Das erste Fitnessstudio Triers

Über 100 Jahre später erinnert sich Hans Kaufmann (80) an seinen ehemaligen Chef. Beim stärksten Mann der Welt ging Kaufmann in die Lehre, um irgendwann die stärksten Männer der Welt in sein Fitness-Studio einzuladen. Der schlanke drahtige Mann sitzt auch 2018 noch auf einem Stuhl neben der Eingangstür, so selbstverständlich, als gehöre er zum Inventar. Über zahlreichen Topfpflanzen schauen ein paar metall-matte Trainingsgeräte durch die Schaufensterscheibe neben der Eingangstür hervor. Zwischen Shisha-Laden und verschiedenen Erotik-Etablissements in der Trierer Karl-Marx-Straße liegt sein Studio. Nur eine kleine Aufschrift weist darauf hin, keine leuchtenden Lettern. Drinnen steckt ein Trierer Original. Mit 14 Jahren fing Hans Kaufmann seine Lehre in Paul Trappens Metzgerei an. Mit 17 war er Geselle. „Eine Tonne Schweine habe ich täglich geschleppt“, erzählt der Rentner mit wachen blauen Augen. Klingt erst mal verrückt, aber bei einem Gewicht von bis zu 300 Kilogramm pro Schwein erklärt sich die Zahl.  Wie da noch Luft für die schweren Eisen im Studio blieb? „Vorm Spiegel zu sehen, wie der Muskel wächst“, erläutert er die Leidenschaft, und sagt, dass es  auch bei den Frauen gut ankam. Das Vorbild Trappens motivierte Kaufmann so stark, dass er neben der steten Arbeit im Schlachtbetrieb 1966 das erste Fitnessstudio Triers gründete – zusammen mit einem Luxemburger. Die ersten Geräte bauten sie selber. Ein echtes Start-up, würde man heute sagen.

Läuft immer noch wie geschmiert

Boxweltmeister Henry Maske (links) verbringt 1996 ein paar Tage in Trier. Kurz vor dem großen Kampf gegen Graciano Rocchigiani bereitet er sich mit Hans Kaufmann (rechts) in dessen Fitnessstudio vor. Foto: 1

Die eisernen Gerüste mit Seilen und Gewichten stehen teils heute noch im Studio. „Läuft immer noch wie geschmiert“, sagt Kaufmann und grinst, als er eine an einem Seilzug befestigte Stange runterdrückt. Gegen Mittag ist wenig los zwischen den Spiegelwänden auf den zwei Etagen des Studios. Ein paar Rentner verausgaben sich bei „Take on me“ von A-ha, um in Form zu bleiben.

Friedhelm Korn wippt auf einer runden Drehscheibe. Sieht aus wie Swing-Tanzen im Stehen. „Das ist gut für die Hüfte“, erklärt der 68-Jährige. Ganz locker, wie auf einem Abenteuerspielplatz mit kleinen Schwätzchen wirkt ihr Training. Und da: Ein ehemaliger Profi der zweiten Fußballbundesliga sitzt im Eingangsbereich und trinkt einen Kaffee.  „Hier ist das Umfeld so familiär“, sagt der SC-Fortuna-Köln-Legionär Yadigar Görür. Er sei deshalb täglich hier. Gegen Abend sieht man hier auch  einige Studenten, Frauen und Männer jeden Alters. Auch dann gibt es keine Warteschlangen an den Geräten. Hier ist manches anders als bei den großen Fitnessketten: Die vielen Plakate von Arnold Schwarzenegger, die eisernen Geräte, wo man in anderen Studios glänzende Aluminiummaschinen sieht, das warme gelbe Licht von andernorts längst ausrangierten Glühbirnen – weil überall die Sparmodelle Einkehr hielten, der alte Boxsack im Keller, der sich schon wiederspenstig Henry Maske entgegen schwang, die Wertsachen, die hier nicht in Schließfächern, sondern bei Kaufmann frei am Tresen gelagert werden, und überall ein Nicken oder Hallo. Kaufmann macht auch keine Verträge. „Wir sind keine Geldhaie. Wenn man krank ist und muss weiter bezahlen, ist das blöd.“ Sein Gegenkonzept: Man zahlt pro Training, per Zehnerkarte oder für eine Monatskarte.

Manche seiner Geräte sind zwar etwas älter, er ist aber noch kein altes Eisen: Hans Kaufmann zeigt, wie man die Brust mit dem Butterfly-Gerät trainiert. Der ehemalige Kopfschlächter fühlt sich immer noch „top fit“. Foto: Volksfreund/Hans Kaufmann

Zwischen Schweineblut und
Eiffelturm
Im Schlachtbetrieb auf der Aachener Straße in Trier-Pallien hat Kaufmann zuletzt gearbeitet, „bis zu 700 Schweine gespalten am Tag“. Das Fitnessstudio lief nebenbei. Zu seinen besten Zeiten sei er jeden Sonntag mit seinem Porsche 911 nach Paris gefahren. Es waren immer Porsche 911er, sagt er. Seine zweite große Leidenschaft sind Autos. Über 50 Stück habe er besessen. In der französischen Hauptstadt besuchte er Serge Nubret – ehemaliger Mr. Europe und Mr. Universum – und trainierte mit ihm. „Das ist der schönste Schwarze, den es jemals gab“, sagt Kaufmann über Nubrets Figur. Er spricht von Ästhetik und sollte es wissen: Immerhin war er über Jahre Kampfrichter für Bodybuilding. Da bewertete er dann die gestählten, eingeölten Männer für ihre Formen.

Das Portrait: Fitnessstudio Kaufmann

Seinen Wohlstand habe er sich durch Arbeit in Schlachtereien erarbeitet, früher habe man dort noch richtig verdienen können: „Ich habe mit meinen zwei Händen Geld verdient.“ Seit 1985 habe er keinen Urlaub mehr gemacht. „Keine Lust“, sagt er. Neben einem finanziellen Ruhekissen brachte die Maloche aber auch knallharte Pein: Beide Knie schlicht kaputt gelaufen. „Da ist kein Knorpel mehr drin vom vielen Schweineschleppen.“ Knochen geht auf Knochen. Sein Training hilft ihm, die Beine durch Muskeln zu stabilisieren, und sonst sei er „topfit“.

Studiogast Friedhelm Korn setzt sich zu Kaufmann in den Eingangsbereich. Mit 64 Jahren hat er angefangen, hier zu trainieren und kommt nun seit vier Jahren fünf Mal die Woche. „Meine Frau hat gesagt, ich habe einen Bauch wie ein Bürgermeister, da hab ich was unternommen.“ Mit Erfolg: Der Bauch reicht – um im Bild zu bleiben – allenfalls noch zum Ortsvorsteher. „Hier sind alle per Du“, sagt Korn, den alle beim Spitznamen Kaba nennen, „wie der Kakao“. Kaufmann sitzt, seit er vor fünf Jahren in Rente gegangen ist, von morgens acht bis um 21 Uhr in seinem Studio an einem Kaffeetisch am Eingang. Jeden Tag, 13 Stunden. Wird das nicht langweilig? „Nein, es kommt immer wer zum Quatschen.“ Dafür irgendwelche Laster? „Habe nie geraucht, bin nie fremdgegangen“, sagt der disziplinierte Kraftsportler. Für Frauen habe er auch keine Zeit.

Paul Franken (68) mag „die familiäre und persönliche Atmosphäre – und, dass man hier in Ruhe morgens trainieren kann.“. Foto: Trierischer Volksfreund/Nicolaj Meyer

Von Gladiatoren und Henry Maske

Für seine Sportskollegen hatte er immer Zeit, auch für den ehemaligen Boxweltmeister Henry Maske. „Auf die Linke, auf die Rechte und auf die Beine achten“, so ungefähr könnte es gewesen sein, als Kaufmann vor rund 20 Jahren mit ihm im Keller ein bisschen Sparringstraining machte. 1996, kurz vor dem großen Kampf gegen Graciano Rocchigiani. „Der wollte sich vorbereiten“, sagt Kaufmann. Gut und schön – schließlich gewann Maske den Kampf – aber warum in Trier mit einem Schlachter ohne Boxkenntnisse? Werner Heinz, Maskes damaliger Manager, war Trierer, und den besuchte Maske. Über den Kontakt zu Heinz kam Maske dann zu Kaufmann.

Friedhelm Korn (68) hat vor vier Jahren mit dem Kraftsport bei Kaufmanns begonnen: „Ich schätze die gute Kameradschaft hier, und alle sind per Du.“. Foto: Nicolaj Meyer

Auch der aus dem Film „Gladiator“ berühmte Schauspieler Ralf Moeller hob hier schon Gewichte wie verschiedene Stars der Bodybuilding-Szene: Serge Olivier oder Bertel Fox. Solche Namen haut Kaufmann immer nebenbei raus, fast verstockt. So nebenbei wie die 50 Autos, oder dass er Arnold Schwarzenegger persönlich kennt – aber darüber will er nicht viel sagen. Das wirke angeberisch. Der Arnold habe das Bodybuilding erst berühmt gemacht, sagt der Mann, der das älteste Studio Triers betreibt. Damals habe niemand damit gerechnet, dass es mal so eine Entwicklung geben würde.

Yadi Görür war mal Spieler des SC Fortuna Köln. Jetzt trainiert er gerne bei Kaufmanns: „Weil er einfach Ahnung hat und super mit den Menschen umgeht.“. Foto: Trierischer Volksfreund/Nicolaj Meyer

Beim Gedanken daran sinniert Kaufmann über den Wandel des Sports: „Früher hieß es Bodybuilding, heute heißt es Fitness.“ Für ihn nur eine neue Bezeichnung, weil viele meinten, der alte Begriff klinge nach dummen Muskelmännern. In der Sache geändert habe sich nicht viel. Nun, die vielen chemischen Mittelchen habe man damals nicht benutzt, um das Muskelwachstum zu steigern. Er meint Hormone und Stoffe wie Kreatin. „Früher waren die Bodybuilder richtige Athleten, jetzt haben die Männer durch die Hilfsstoffe schwerere Körper.“

Dennoch hat die Rekorde seines Lehrmeisters Trappen bis heute keiner gebrochen. Und den Rekord für das älteste Studio Triers sitzt Kaufmann hier neben seinem Tresen wohl auch noch etwas aus.