Das Rennen ist eröffnet

TRIER. Es sind noch genau 100 Tage bis zur Stunde der Wahrheit in der Trierer Kommunalpolitik. Am 24. September wird der Oberbürgermeister gewählt, die dominierende Figur der städtischen Polit-Szene. Nach außen ist es ruhig, hinter den Kulissen wird aber schon heftig wahlgekämpft.

Wer auf ein Gruppenbild der Kontrahenten Ulrich Holkenbrink und Klaus Jensen hofft, muss schon reichlich Geduld besitzen. So präsent beide derzeit in der Öffentlichkeit sind: Gemeinsame Auftritte sind ausgesprochen rar. Das hat mit der Wahlkampfstrategie von Ulrich Holkenbrink zu tun. Der CDU-Chef hat sich eigens einen Wahlkampfberater aus Nordrhein-Westfalen geholt, "einen Vollprofi und harten Hund",wie es hinter den CDU-Kulissen raunt. Der Profi, der noch nie öffentlich präsentiert wurde, hat seinem Schützling erst einmal Abstinenz verordnet, jedenfalls überall da, wo ein direktes Duell mit Jensen drohen könnte. Das führt zu kuriosen Klimmzügen bei Organisationen, die gerne beide Bewerber im direkten Clinch erlebt hätten. Architektenkammer, Trier Forum und VCD laden nun diese Woche an zwei aufeinanderfolgenden Abenden ein, erst mit dem einen, dann mit dem anderen Kandidaten zu diskutieren. Kammern und Wirtschaft verärgert

Die Kammern und Wirtschaftsverbände haben dagegen ihre geplante Veranstaltung verärgert abgesagt, nachdem Holkenbrink nicht mit Jensen an einen Tisch wollte. In der Lokalen Agenda gibt es Hauskrach, weil der Vorsitzende eine Mitwirkung als Veranstalter eigenmächtig abgesagt haben soll, weil man mit der Befragung beider (!) Kandidaten die parteipolitische Neutralität verletze. Überall herrscht große Nervosität, und manche Institution, die auf städtische Zuschüsse angewiesen ist, traut sich allenfalls heimlich, Kontakt mit Klaus Jensen aufzunehmen. In Jensens rotgrünem Umfeld ist man sauer auf die Kontaktsperre-Taktik. Holkenbrink verweigere den demokratischen Dialog, heißt es dort. Holkenbrinks CDU-Lager kontert mit dem Hinweis, man habe keinerlei Grund, Jensen die Wahlkampf-Arbeit abzunehmen. Tatsächlich hat der politisch derzeit funktionslose Kandidat Mühe, seine öffentliche Präsenz hochzuschrauben. Amtsträger Holkenbrink hingegen ist schier überall, auch dort, wo man ihn früher seltener sah. Unermüdlich gratuliert er zu Jubiläen, wirbt für Autoschauen, beehrt Handwerker ebenso mit seiner Anwesenheit wie Chöre, herzt Leseratten, nimmt Senatoren-Würden entgegen, eröffnet Feste. Wo in Trier mehr als fünf Leute zusammenstehen, ist der Kandidat mitten unter ihnen - und sorgt diskret dafür, dass seine Erwähnung nicht vergessen wird. Fleiß-Wahlkampf ohne Wahlkampftöne, Präsenz statt Positionen, Sympathiewerbung statt Inhalt. Dem eher auf politischen Diskurs gepolten Kontrahenten Jensen macht Holkenbrinks "Knuddelbär"-Strategie (Noch-OB Schröer) durchaus zu schaffen. Seine "Aktion 906" rollt gerade an, seit Mitte Mai ist er dabei, alle Trierer Straßen zu besuchen. In 15 Stadtviertel hat ihn die Rödel-Tour schon gebracht, aber ob er damit die Breite der Bürgerschaft erreicht, weiß er selbst wohl nicht genau. Die große Bühne steht ihm nur als Begleiter eines prominenten Familienmitglieds zur Verfügung. "Die Leute laden die Ministerin Dreyer ein, und die begrüßt dann ihren Ehemann", lästert eine CDU-Größe. Jensen hält bewusst dagegen, zeigt sich gerne mit politischer Verstärkung aus Mainz - nicht nur durch die Gattin. Dass Trier profitieren könnte, wenn ein Oberbürgermeister gute Beziehungen in die Landeshauptstadt hat, ist seine unterschwellige Botschaft. Fast scheint es, als wolle man seitens der Landesregierung diese Einschätzung fördern. Bei allen Projekten, in denen es auf die gute Zusammenarbeit zwischen Rathaus und Landesverwaltung ankommt, häufen sich derzeit die Probleme. Grundschule Tarforst, Südbad, Simeonstift-Umbau: Die Stadtspitze sieht dieser Tage an vielen Stellen ziemlich alt aus. Und das Land tut wenig, um das zu ändern. In einem anderen Punkt hat die CDU eigenhändig der Konkurrenz eine Steilvorlage geliefert: Mit dem peinlichen Spektakel um eine Partei-Umfrage, von der hinterher niemand mehr etwas wissen wollte. Persönliche Fragen zum Ehepaar Dreyer/Jensen ließen das Wahlvolk einen Wahlkampf südlich der Gürtellinie befürchten. Inzwischen heißt es, eine Veröffentlichung sei nie geplant gewesen. Ein Direkt-Duell der beiden Kandidaten gibt es beim TV-Wahlforum am 13. September im Theater Trier.