Das Römische Reich, von Trier aus regiert
Am 26. Februar vor 1650 Jahren haben Soldaten Valentinian zum Kaiser proklamiert. Der Christ regierte zeitweise sein Reich von Trier aus und erließ unter anderem mehr als 400 Gesetze, erlaubte seinen Untertanen die Religionsfreiheit, führte eine öffentliche Krankenversorgung ein und bekämpfte die Korruption. Gastautor Wolfgang Schneider blickt auf das Leben des Herrschers und dessen Schaffen zurück. Der Hobby-Historiker Schneider (71) beschäftigt sich seit mehr als 50 Jahren mit Geschichtswissenschaften.
Der römische Kaiser Valentinian I., der vor 1650 Jahren zum Kaiser proklamiert wurde, ist allgemein weit weniger bekannt als Nero oder Caligula. Zu unrecht. Denn er hatte sich weder um den kaiserlichen Purpur des Römischen Reichs gedrängt oder gar geputscht, sondern ihm wurde in Abwesenheit von Soldaten in Nicaea, nahe Konstantinopel, die Kaiserwürde angetragen.
Bis dahin war Valentinian ein weithin unbekannter Gardeoffizier. Für ihn sprach lediglich, dass er aus einer angesehenen Offiziersfamilie stammte, bereits unter drei Kaisern gedient hatte. Er galt zwar als grobschlächtig und von geringer Bildung, aber als ehrlicher Soldat. Und das wollten die römischen Soldaten.
Am 26. Februar 364 übernahm er die Kaiserwürde. Und schon kurz darauf erhob er seinen Bruder Valens zum Mitkaiser. In seltener Einmütigkeit teilten beide das Reich in einen Ostteil (Orient), den Valens mit Sitz in Konstantinopel bekam, und in ein Westreich (Occident), dem sich Valentinian widmete. Valentinian residierte zunächst in Mailand, später in Paris und schließlich frontnah in Trier. Mehr als 400 Gesetze aus seiner rund zehnjährigen Amtszeit sind bekannt und wurden später im Codex Theodosianus aufgeführt. Obwohl er Katholik war, ließ er andere Religionen gelten. In einem Toleranzedikt gewährleistete er ausdrücklich Religionsfreiheit. Niemals zuvor und nach Valentinian gab es im Römischen Reich eine solch große Religionsfreiheit.
Er führte erstmals eine öffentliche Krankenversorgung durch staatliche Armenärzte ein und kämpfte gegen die Korruption unter den schlecht bezahlten Staatsdienern. Er führte die Öffentlichkeit von Gerichtsverhandlungen wieder ein, war selbst sparsam mit den Finanzen und ging gegen Missstände in der Verwaltung und unter den Angehörigen des Senats massiv vor. Die unteren Bevölkerungsschichten versuchte er vor Übergriffen der Besitzklasse zu bewahren. Und der heilige Martin war bei Valentinian in Trier ein gern gesehener Gast, dem er alle Bitten für die Armen erfüllte.
Das größte Verdienst Valentinians ist zweifelsohne die Sicherung der römischen Rheingrenze. Dazu schuf er einen Kranz von Kastellen und Befestigungsanlagen von Rätien bis zur Nordsee. Als Valentinian 367 schwer erkrankte, erhob er seinen erst achtjährigen Sohn Gratian aus seiner erster Ehe mit Marina Se rvera zum Mit-Kaiser. Nachdem Valentinian I. seinen Sohn Gratian als Mitregent eingesetzt hatte und für ihn als Lehrer einen der damals bedeutendsten Redner, Literaten und Rhetorikprofessor, Ausonius, bestellt hatte, traten Vater und Sohn bei allen wichtigen Anlässen gemeinsam auf. Sicher ist, dass jede Menge Münzen mit seinem Konterfei erhalten geblieben sind. Valentinian war zwar gelegentlich jähzornig und konnte auch regelrecht grausam sein, wenn man ihm widersprach, doch letztlich war er ein Neuerer und Beschützer seines Reiches. Trier war zu Zeiten Valentinians die erste Weltstadt auf deutschem Boden und profitiert noch heute von seinen römischen Wurzeln.
Wolfgang Schneider