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„Dass ich Brustkrebs bekomme, hätte ich nie gedacht“ (Video)

„Dass ich Brustkrebs bekomme, hätte ich nie gedacht“ (Video)

Trotz regelmäßiger Vorsorge ist die Erkrankung bei Agnes Colling entdeckt worden. Sie hält die Mammographie dennoch für nicht verzichtbar.

Agnes Colling ist eine Frau, die gewöhnlich mit beiden Beinen im Leben steht. Auch als sie von den dramatischen vergangenen drei Monaten erzählt, ist ihr kaum anzumerken, wie belastend die Diagnose Brustkrebs und die anschließende Behandlung für sie waren. "Ich bin seit meinem 21. Lebensjahr immer zur Krebsvorsorge gegangen und habe auch alle Einladungen zum Mammographie-Screening wahrgenommen", sagt die 59-jährige Sozialpädagogin aus Bitburg.

So verreiste sie nach dem Untersuchungstermin Anfang April, ohne noch einmal daran zu denken. Und auch als sie nach ihrer Rückkehr ein Schreiben aus dem Mutterhaus im Briefkasten fand - mit der Bitte, sich zu melden, hielt sich ihre Beunruhigung in Grenzen. "Vor drei Jahren hatte ich selbst schon einmal einen Verdacht, da war nichts. Mit diesem Gedanken bin ich am 27. April zur Nachuntersuchung gefahren."

Bereits beim ersten Ultraschall wurde der Verdacht der Ärzte bestätigt. Auch für den hinzugerufenen Chefarzt Dr. Günther Sigmund war sofort klar, dass die Bilder zu 90 Prozent einen bösartigen Tumor zeigten. "Es ist durchaus möglich, dass sich auch in den zwei Jahren zwischen den Screening-Terminen ein Tumor entwickelt", erläutert der für das Voruntersuchungsprogramm im Zentrum Trier verantwortliche Radiologe.

Agnes Colling ist eine Frau, die Dinge schnell erledigt. So war es auch an jenem Tag im April, als sie einer sofortigen Gewebeprobe zustimmte. "Das ist alles ganz toll abgelaufen", sagt sie im Rückblick - und meint damit auch die Betreuung vor, während und nach der Operation, bei der ein weniger als zehn Millimeter großer Tumor und vier Lymphknoten entfernt wurden. Die betroffene Brust wurde erhalten. Zwei etwa acht Zentimeter lange Schnitte reichten aus, um den Eingriff vorzunehmen. "Es hat sich bestätigt, dass der Tumor bösartig war", berichtet die Mutter einer leiblichen und einer Pflegetochter weiter. "Aber zum Glück waren die Lymphknoten nicht betroffen." Die 59-Jährige hält inne, greift sich vorsichtig an die Achselhöhle und kann in diesem Moment nicht verbergen, dass sie auch einige Wochen nach dem Eingriff Schmerzen hat. "Zum Glück habe ich keine Chemotherapie benötigt, sondern es wurde nur bestrahlt. Den Schnitt, mit dem der Tumor entfernt wurde, merke ich nicht mehr. Aber die Schmerzen in der Achselhöhle sind noch da."

Lymphödeme, also schmerzhafte Schwellungen aufgrund angestauter Lymphflüssigkeit, sind nach Brustkrebsbehandlungen eine sehr häufige Folge. "Je umfassender der Eingriff, desto größer sind diese Nachwirkungen", erläutert Chefarzt Sigmund. Auch deshalb sei es wichtig, möglichst frühzeitig einen Tumor oder seine Vorstufe zu erkennen und zu behandeln. "Kein dicker Arm und keine Chemotherapie, das ist für die betroffenen Frauen ein großer Gewinn." Obwohl die Lymphknoten von Agnes Colling nicht von Krebszellen befallen waren, blieb ihr die Bestrahlung nach der Operation nicht erspart. Die Begegnungen dort haben sie nachdenklich gemacht. "Da sitzen dann Frauen ohne Haare und abgemagert, die haben ihren Krebs seit 1,5 Jahren verdrängt oder sind nicht zur Vorsorgeuntersuchung gegangen. Für mich ist das nicht nachvollziehbar, wenn Frauen sich nicht um ihre Gesundheit kümmern. Für mich hat sich eindeutig bestätigt, wie wichtig es ist, auf sich zu achten."

Immerhin folgt in Trier jede zweite Frau über 50 der zweijährlichen Einladung zum Mammographie-Screening. In ländlichen Räumen ist die Beteiligung noch höher. Dr.?Günther Reinheimer, der das Screening-Zentrum in Wittlich leitet, spricht mit Blick auf den Raum Prüm sogar von einer Beteiligung von 70 Prozent. "Dorthin fahren wir mit unserem Mammamobil. Wohnortnah nehmen die Frauen das Angebot eher in Anspruch."

Agnes Colling hat nach 28 Bestrahlungen mit der Antihormontherapie begonnen. "Eine Ärztin hat zu mir gesagt, dass ich jetzt 90 Jahre alt werden kann", sagt die lebenserfahrene Frau und hält dann inne, erzählt von einigen wirklich schwierigen Situationen in den vergangenen Monaten. "Das war anfangs alles so irreal. Erst bei der OP habe ich wirklich realisiert, dass ich etwas habe, an dem ich sterben kann. Im Augenblick mache ich alles, um mein Leben fortzuführen, aber es geht mir noch zu schlecht, um mir Vorsätze zu machen."

Eine 100-prozentige Sicherheit, Tumore zu entdecken, gibt es nicht, dessen ist sie sich bewusst. Dennoch ist Agnes Colling vom Screening-Programm überzeugt: "Ohne Mammographie würden viel mehr Frauen an Brustkrebs sterben."
Zahlen zum Thema


Von 1000 Frauen, die sich im Mammographie-Screening-Programm untersuchen lassen, erhalten …

970 Frauen einen unauffälligen Befund.

30 Frauen einen auffälligen Befund.

12 dieser Frauen wird Gewebe entnommen.

6 dieser Frauen erhalten nach der Gewebeuntersuchung die Diagnose Brustkrebs und werden in der Regel brusterhaltend operiert und bestrahlt.

Etwa 16 000 bösartige Tumore werden jährlich im deutschen Mammographie-Screening-Programm entdeckt. Im Zuständigkeitsbereich der Mammographiezentren Trier und Wittlich sind in zehn Jahren 1723 Karzinome entdeckt worden.

www.mammo-programm.de
Keine Methode kann Fehler ausschließen


Jede Früherkennungsmethode hat auch Nachteile. Das gilt auch für das wissenschaftlich abgesicherte und standardisierte Mammographie-Screening. Denn nicht jeder Krebsverdacht stellt sich als tatsächliche Erkrankung heraus. Zudem werden durch die Früherkennung auch kleine Tumore oder noch nicht aktive Krebsvorstufen entdeckt, die möglicherweise niemals gewachsen wären. Diese sogenannten Überdiagnosen und die mentale Belastung der Frauen werden von Kritikern des Screenings angeführt. Zudem würden manche Tumore nicht entdeckt.

"Es gibt keine perfekte Methode, um alle Tumore erkennen zu können, allerdings haben wir eine sehr hohe Entdeckungsquote", sagt Dr. Günther Sigmund, verantwortlicher Arzt am Screening-Zentrum Trier. Er verweist auf niederländische Studien, die nach 15 Jahren flächendeckender Vorsorge belegen, dass durch das Mammographie-Screening weniger Frauen sterben. "In fünf Jahren können auch wir das beweisen. Aber schon jetzt zeigt sich, dass dank dieser Vorsorgeuntersuchung Tumore früher entdeckt und die Betroffenen schonender behandelt werden."

Ein weiteres Problem: Je dichter das Drüsengewebe der Brust, desto schwieriger ist die Erkennung krankhafter Veränderungen. "Das gilt aber auch für eine Ultraschall-Untersuchung", sagt Sigmund. "Die kann das Screening ergänzen, nicht ersetzen."

Dr. Günther Reinheimer, Leiter des Screening-Zentrums in Wittlich, hält zudem das Abtasten der eigenen Brust für die Früherkennung für ungenügend. "Das hat dafür keinen entscheidenden Stellenwert." Wenn eine Frau einen Knoten ertasten kann, ist dieser oft schon so groß, dass eine frühzeitige und damit schonendere Behandlung nicht mehr möglich ist.

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