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Dem Fahrrad zu Ehren - Mit dem Holzrad durch Deutschland

Dem Fahrrad zu Ehren - Mit dem Holzrad durch Deutschland

Zum 200. Geburtstag des Fahrrads hat der Brandenburger Künstler Stefan Röhr ein rollendes Kunstwerk gebaut. Bei seiner Tour durch die Republik macht er auch Station in Trier.

So ganz hat Stefan Röhr nicht gewusst, auf was er sich da einlässt. Schließlich ist er eigentlich gar kein Radfahrer. "Mir waren schon die zwei Kilometer zum Kindergarten meines Sohnes immer fast zu viel", erzählt er.
Trotzdem hat der 39-Jährige sich zu einer Fahrradtour durch ganz Deutschland aufgemacht. 2200 Kilometer. Durch alle 16 Bundesländer. Und das nicht mit einem Renn- oder Tourenbike. Nicht mit High-Tech-Sportkleidung und Reisebudget. Sondern in Stoffschuhen und in Baumwollshirts. Mit wenig Geld. Und mit einem Fahrrad aus Holz, das er selbst gebaut hat.

Röhr ist freischaffender Künstler. Sein Atelier hat er in seiner Heimatstadt Fürstenwalde an der Spree. Hauptsächlich malt er. "Ganz klassisch, mit Pinsel auf Leinwand", sagt er. Kunstvoll und wunderschön erzählen seine Bilder auch von den schwierigen Momenten in seinem Leben.
Er ist aber auch ein Bastler und Tüftler. Vor drei Jahren hat er sein erstes Kinderlaufrad aus Holz gebaut. Für seinen Sohn, natürlich. Später kamen Räder für Erwachsene dazu, mit Pedalen, Kette und Gangschaltung. Fast alles Handarbeit. Sogar die Felgen der Kinderräder drechselt er selbst.
Gut 20 Kilo wiegt das Rad, mit dem er auf Tour ist. Es ist mehr rollendes Kunstwerk als praktisches Sportgerät. Mit Gepäck bringt das Gefährt rund 65 Kilo auf die Waage. Am liebsten hätte Stefan Röhr noch seine Gitarre obendrauf gepackt.

Als er in Trier ankommt, hat er gut 1200 Kilometer hinter sich gebracht. Von Berlin über Hamburg, Bremen, Münster und am Ruhrgebiet vorbei in die Eifel. Und damit ins erste Mittelgebirge. Erst nach Schleiden, dann nach Gerolstein.
Berghoch hat er auf dem 65-Kilo-Rad keine Chance. Dann muss er schieben. Sieben Kilo hat er abgenommen. Um den Muskelkater zu bekämpfen, gehört auch ein Nudelholz zum Gepäck. "Damit roll ich mir abends meine Muskeln und Faszien weich." Den Teigausroller hat ihm Bettina geschenkt, bei der er im Havelland übernachtet hat. Einen Schlafplatz zu finden gehört zu den täglichen Herausforderung. Möglichst bei netten Menschen, die ihm vielleicht noch eine Suppe kochen. Ein Zelt hat er aber auch dabei.

Warum er sich die Strapazen antut? Vor allem, um sich selbst zu zeigen, dass er es kann, sagt er. Durchhalten. Was Großes zu Ende bringen. "Als freischaffender Künstler, der leider nicht allzugut von seiner Kunst leben kann, wird man schon oft schief angeguckt", sagt er. Aber dass er als Maurer arbeiten soll, den Beruf hat er gelernt, käme einem bei so viel Kreativität, Schaffenskraft und geistiger Energie, vor der er sprüht, auch nicht richtig vor.

Nach ein paar Aufträgen für riesige Wandbilder auf Häuserwänden, einigen sagenhaft dreidimensional lackierten Motorrädern, und viel zu wenigen verkauften Gemälden und Skulpturen, hofft Stefan, dass seine Woodbikes der Durchbruch sind. Tatsächlich haben die Räder Potenzial: Die Kinder-Laufräder sind so überzeugend, dass es Fördergeld von der Bundesregierung gab, mit dem er einen Auftritt auf der Spielzeugmesse in Nürnberg finanzierte. Das KaDeWe - Deutschlands wohl bekanntestes Kaufhaus - biss an und bestellte fünf der aufwendig gearbeiteten Kinderräder für seine Spielwarenabteilung. Auch einige Medien und Fahrradhändler verliebten sich in die Gefährte. "Alle, die die Räder sehen, sagen mir, wie toll sie sind und wie gut und kunstfertig gearbeitet - aber Kunden habe ich leider nur wenige", sagt Stefan. 80 bis 100 Handarbeitsstunden stecken in einem Rad. Dazu teures Holz, Farben, Speziallacke, besondere Felgen, Lenker und Ledersättel. Die kleinen Laufräder fangen bei 1700 Euro an.

Von Trier fährt Stefan Röhr weiter ins Saarland. Wadern, Birkenfeld und Idar-Oberstein liegen an seiner Route zum Rhein. Beinahe hätte er bei seiner Planung Hessen links liegen lassen. Aber in Mainz soll's nun einmal kurz über die Rheinbrücke gehen. Wiesbaden sehen und umdrehen.
Besonderes Ziel auf der weiteren Tour: Karlsruhe, die Geburtsstadt von Karl Drais, der vor genau 200 Jahren das Fahrrad erfunden hat. Diese Draisine war ein Laufrad aus Holz, das von seinen organischen Formen und der Ästhetik gar nicht so weit weg ist von Röhrs Woodbikes.

Über Würzburg und Bayreuth geht's dann zurück gen Osten. Nicht nur streckenmäßig ist das eine Herausforderung für jemanden, der bislang kaum gereist ist. Auch nicht in Deutschland. "Am meisten beeindrucken mich auf meiner Tour die Menschen, die vielen Begegnungen und Gespräche. Ich bin überall mit unglaublich viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft aufgenommen worden", erzählt Röhr. "In Trier ist erst Halbzeit, aber schon jetzt haben mir so viele Leute Wertschätzung entgegengebracht, dass mich das verändert hat." Der viele Zuspruch, das Lob für sein Rad, seine Kunst, seinen Willen. Daran sei er gewachsen, sagt der Mann mit dem wilden Bart und den klaren blauen Augen.

Ende August muss er zurück in Fürstenwalde sein. Dann wird sein Sohn eingeschult. Zu dem großen Tag will Stefan Röhr seinen Anzug tragen. "Mit sieben Kilo weniger geht das wieder!", freut er sich. Nicht nur deswegen wird ihm der Anzug gut stehen.

Stefan Röhr berichtet über seine Tour unter dem Facebook-Profil " roehrcustoms ", seine Bilder und Skulpturen zeigt er unter seinem Künstlernamen " Casperart " auf Facebook.