Der Ableser

Es ist ein Feldzug gegen Oberflächlichkeit und Heuchelei: Mal mit feiner Ironie und mal mit kochender Wut wettert der Trierer Poetry-Slammer Till Reiners gegen alles, was seiner Ansicht nach falsch läuft. Im Mergener Hof brilliert er vor etwa 50 Zuhörern.

Trier. Ein guter Vortrag, so lernt man in der Schule, wird frei gehalten. Grundsätzlich. Und niemals vom Blatt abgelesen, komme was wolle. Doch die goldene Regel lässt sich widerlegen, ziemlich leicht sogar: Eines der besten Argumente dagegen hört auf den Namen Till Reiners. Der Kabarettist hat das Ablesen zur Kunstform erhoben - er ist Poetry-Slammer, und dazu ein ziemlich guter. Ein Poetry-Slammer tut nichts anderes, als kurze Texte möglichst originell vom Blatt abzulesen.
Inbrünstig gegen Kinderriegel


Was originell ist, entscheidet jeder "Slammer" selbst; bei Till Reiners gehört der kontrollierte Wutausbruch zum Konzept: Mit Inbrunst wettert er beispielsweise gegen Kinderriegel, schimpft, dass die "fünf Milchkammern", von denen in der Werbung die Rede ist, doch in Wahrheit vier Lufträume seien, nur das begreife ja eben kaum jemand. Die Wut, sagt Reiners, sie sei doch der wahre gesellschaftliche Rohstoff Deutschlands.
Grund genug für den Kabarettisten, aus diesem "Rohstoff" ein Konzept zu machen: Unter dem Titel "Da bleibt uns nur die Wut" soll eine Zusammenstellung seiner Texte im Herbst auf CD erscheinen, zu diesem Zweck hat er sein Programm im Mergener Hof aufzeichnen lassen.
Natürlich bleibt es nicht bei Kinderriegeln: Reiners kritisiert die "Zukunftsverweigerer", die das Internet und Mobiltelefone für Teufelszeug halten; mokiert sich mit bissiger Ironie über das Alter und demontiert das erotische Image, das Klempnern bisweilen zugeschrieben wird.
Emotionale Grausamkeit


Aus der Perspektive einer jungen Kandidatin zeichnet er die emotionale Grausamkeit einer Castingshow nach und demaskiert die Oberflächlichkeit der Unterhaltungsindustrie, indem er den vielgesprochenen Satz "Ohne meine Fans wäre ich nichts" als banalen Unsinn offenlegt.
Damit gelingt es Till Reiners, auch den seichten Themen Tiefe zu geben - indem er mit Witz, Ironie und manchmal auch brutaler Direktheit auf die vielen Unehrlichkeiten und Heucheleien hinweist, die durch schlichtes Nachdenken viel deutlicher zutage träten. Auf die Spitze treibt er seinen Feldzug gegen Oberflächlichkeit in seinen politischen Texten: Da schlüpft er in die Rolle eines Paranoiden, dessen Angst vor Terroranschlägen nur schwer die aggressive Fremdenfeindlichkeit seiner Kunstfigur verbirgt.
Er, das heißt seine Figur, meidet "orientalisch aussehende Menschen; ich weiß, das ist eine Härte, die ich mir selbst auferlege". Und weiter: "Auf den Islam gibt es eine Antwort: vier Meter Stahlbeton." Diese Gesellschaftskritik sitzt. Politische Rhetorik, auch sie nimmt Reiners auseinander: Um die Äußerungen von Politikern als Ansammlung von Worthülsen zu enttarnen, stellt er einen Text aus typischen Politikerzitaten zusammen, wobei er jedes tragende Substantiv durch das Wort "Hack" ersetzt: "Frage nicht, was das Hack für Dich tun kann; frage, was Du für das Hack tun kannst", dröhnt er.
Oder: "Hack muss sich endlich wieder lohnen!" Das könnte auch im Bundestag so oder so ähnlich gesagt werden. Und die dortigen Redner sprechen übrigens auch nur selten frei. Die meisten lesen ab.
Till Reiners wurde 1985 im nordrhein-westfälischen Geldern geboren und studierte Politikwissenschaft in Trier, dem "Hauptquartier der Mittelmäßigkeit", wie er auf seiner Internetseite schreibt. Nach seinem Abschluss, den er vor wenigen Monaten gemacht hat, zog er nach Berlin. Bereits seit drei Jahren tritt er bei Poetry-Slams auf. 2009 wurde er Trierer Stadtmeister, seit 2010 kann er sich überdies Berliner Stadtmeister nennen. kbb