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Der afghanische Patient in Trier

Der afghanische Patient in Trier

Die Schicksale afghanischer Kinder, die in den Neunziger Jahren in Trierer Krankenhäusern behandelt wurden, haben viele Menschen in der Region berührt - auch die behandelnden Ärzte und Pfleger. Aziz Golzar kam als Zehnjähriger 1994 verletzt nach Trier. Jetzt ist er Krankenpfleger in Kabul. Für eine Fortbildung reiste er zurück an die Mosel.

 Der junge Aziz (rechts) 1996 in Trier, in seinem Bein der „Segmenttransporter“ für seinen Beinknochen. Mit ihm auf dem Zimmer: Krankenschwester Jutta Bläsius und der kleine Afghane Barialai. Foto: privat
Der junge Aziz (rechts) 1996 in Trier, in seinem Bein der „Segmenttransporter“ für seinen Beinknochen. Mit ihm auf dem Zimmer: Krankenschwester Jutta Bläsius und der kleine Afghane Barialai. Foto: privat
 Freude über den bekannten Praktikanten: Brigitte Müller, Barbra Gies, Krankenhaus-Geschäftsführer Achim Schütz, Jutta Bläsius, Aziz Agha Golzar, An dreas Banday, Bernhard Gies (von links). TV-Foto: Frank Göbel
Freude über den bekannten Praktikanten: Brigitte Müller, Barbra Gies, Krankenhaus-Geschäftsführer Achim Schütz, Jutta Bläsius, Aziz Agha Golzar, An dreas Banday, Bernhard Gies (von links). TV-Foto: Frank Göbel

Trier. Die vielfach strapazierte Metapher vom Glück im Unglück - wie richtig umschreibt sie doch, was dem kleinen Aziz Agha Golzar in der staubigen Landschaft Afghanistans widerfährt, an diesem Tag im Jahr 1994. Er will über eine Mine springen, die, das ist das erste Glück, nur noch ein Überbleibsel und kein aktiver Sprengsatz mehr ist. Doch auch, wenn keine Explosion dem Leben des Zehnjährigen ein Ende macht, steckt noch genug Verletzungspotenzial im rostigen Metall: Tief schneidet es sich in den Unterschenkel des Jungen. "Nach ein paar Minuten kamen die Schmerzen", erinnert sich Aziz, der heute erwachsen ist. Nach zwanzig Jahren ist er nach Trier zurückgekommen - an den Ort und zu den Menschen, die sein Bein, vielleicht aber auch sein Leben gerettet haben. Und von denen er so unendlich viel mehr bekommen hat, dass er es der Welt zurückgeben wollte.
Heute ist Aziz selbst Krankenpfleger und weiß genau, was 1994 alles falsch lief: "Eine alte Frau wollte mir helfen", sagt er auf Deutsch. "Sie verband mein Bein, aber mit einem dreckigen Lappen."
Im Körper des Jungen wütet bald eine Infektion: "Nach drei Monaten wurde mein Bein ganz dick." Der Vater bringt Aziz in eine Klinik in der Stadt: Das Bein wird aufgeschnitten, ganz tief. Tagelang fließt der Eiter. Der Junge kann sehen, wie sein eigener Knochen in der offenen Wunde schwarz wird. Bald wird ein Teil des Knochens entfernt. Dreizehn Zentimeter des Schienbeins fehlen Aziz jetzt - und die Infektion greift auch noch sein Schlüsselbein an. Doch endlich wendet sich das Blatt: Das Hammer-Forum, eine Hilfsorganisation, die weltweit medizinische Hilfe für Kinder leistet, wird auf ihn aufmerksam. Sie bietet eine Behandlung in Deutschland an. "Mein Vater hat sofort zugesagt", sagt Aziz. Ganz allein kommt er in die Fremde, nach Trier. Ärzte wie der Chirurg Dr. Andreas Banday bekämpfen hier zunächst monatelang die Infektion. Den Knochen behandeln sie mit einem Verfahren, das in Trier ganz neu ist: Dabei wird ein weiteres Segment herausgesägt und dann täglich gerade so weit fortbewegt, dass sich von der Schnittkante aus neues Knochengewebe bilden kann. Und tatsächlich: Nach zehn Monaten ist die einst klaffende Lücke wieder geschlossen.
Natürlich ist während des insgesamt zweijährigen Klinikaufenthalts nicht nur ein geschundener Körper zu versorgen, sondern auch die Seele eines Kindes, das fern von Heimat und Familie die oft schmerzhaften Prozeduren durchstehen muss. Dafür sind Menschen wie Barbara Gies da. Die Ehefrau des Anästhesisten Bernhard Gies ist Sonderschullehrerin und kümmert sich bald um sechs afghanische Kinder, die in Trier behandelt werden, bringt ihnen Sprache und Kultur näher. Ein Kind, das die Erschießung der Eltern mitansehen musste, bringt sie mit Musik aus der Heimat ganz langsam aus dem Dunkel.
Außerdem wird der persische Anästhesist Dr. Hamid Tawakoli quasi zu einem Vaterersatz für Aziz, der ihm nicht nur vertrautes Essen ins Krankenhaus bringt. "Obwohl dein Lieblingsessen dann ja doch Pizza wurde", sagt Barbara Gies lachend beim Wiedersehen.
Der heute 30-Jährige hat einiges aus Deutschland mitbekommen - auch viel Ansporn: "Alle haben mir immer gesagt, du musst in Afghanistan unbedingt in die Schule gehen!" Tatsächlich geht Aziz nicht nur während seiner Zeit in Trier in die Martin-Grundschule, sondern macht in Afghanistan sogar Abitur. Er ist bis heute der einzige in seiner Familie, der überhaupt lesen und schreiben kann. Bei seiner Rückkehr 1997 fragen die radikalislamistischen Taliban ihn misstrauisch aus. Warum, will einer wissen, bist du nicht in Europa geblieben? Auch in Trier hatte ein Zimmergenosse Aziz geraten, unterzutauchen. "Wie hätte ich den Leuten, die mir so gut geholfen haben, solchen Ärger bereiten können?", fragt Aziz.
2005 trifft Aziz auf seine Mentoren Helma von Trott zu Solz-Dechentreiter und Georg Rudolf Dechentreiter, die in Afghanistan das Irene-Salimi-Kinderkrankenhaus eröffnet haben. Sie ermöglichen ihm die Ausbildung zum Krankenpfleger und fördern seine Talente, so dass Aziz heute sogar die stellvertretende Klinikleitung übernimmt. Sein Besuch in Deutschland ist gleichzeitig auch ein Praktikum im Elisabeth-Krankenhaus.
Dort freut sich Stationsleiterin Jutta Bläsius, die Aziz bereits als Kind betreut hat, das aus ihm ein so stattlicher Mann geworden ist. "Ich weiß gar nicht, ob so ein Projekt heute noch zu machen wäre. Das war ja alles so irrsinnig aufwendig!" Aber es habe auch viel Hilfe gegeben: Vom Kinderschutzbund etwa, in der Martin-Grundschule - und aus der Bevölkerung, die aus dem Trierischen Volksfreund von den kleinen afghanischen Patienten erfährt. Heute beeinträchtigt die Beinverletzung Aziz im Alltag praktisch nicht mehr. Er zeigt Fotos auf dem Handy, kürzlich hat er geheiratet. Barbara Gies strahlt und schwärmt von der "wunderschönen Braut".