Der Basilikum-Mörder

TRIER. Fahrzeugtechnisch ist er seiner alten Liebe treu geblieben. Literarisch hat er den Golf geparkt und einen tiefgründigen Blick auf die deutsche Provinz geworfen. Seit zwei Jahren laboriert er rund um das ländliche Leben. Seit zwei Wochen liegt das Ergebnis druckfrisch auf dem Ladentisch. Mit "Ortsgespräch" will er seine Leser zum Drehen ihrer ganz persönlichen Heimatfilme anregen – egal, ob im Kopf oder auf Zelluloid, die Erinnerung zählt.

Er scheint Recht zu haben. Schon auf dem kurzen Weg zum Kornmarkt kreuzen zwei schicke Geländewagen die Straße. Diese hat er nicht gesehen, aber sie bekräftigen die von ihm prognostizierte Landrover-Leidenschaft in Deutschland. Auch er selbst schwärmt für diese riesigen Gefährten. Doch Florian Illies ist wohl auf immer und ewig mit dem klassischen Volkswagen verbunden. Schließlich hat er sein altes Auto zum Synonym einer ganzen Generation gemacht. Nun offenbart er Einblicke in seine Heimat Schlitz, einer 5000-Seelen-Stadt in der Nähe von Fulda. Inmitten von kollektiven Kitsch-Inszenierungen des ersten Kusses (zu viert in einem Ruderboot), einem die Kellerkapazität bedrohenden Überschuss frisch eingekochter Johannisbeermarmelade, Tischtennisturnieren in einem leeren Schwimmbecken, einem tätowierungstechnischen West-Ost-Gefälle und Probetrauungen im Kindergartenalter ist der 35-Jährige groß geworden und stellt lächelnd fest: "Wenn man aus Schlitz kommt, ist man in meinem Alter sehr gestählt." Größere Schäden hat der Wahl-Berliner offensichtlich nicht davongetragen. Kleinere schon. So hat er etliche Basilikum-Pflanzen auf dem Gewissen. Ein Endlos-Marathon gut gemeinter Pflegevariationen hat die kleinen grünen Geschmacksträger nicht vor dem Tode auf der Illies'chen Fensterbank bewahren können. Ein kleines Trauma hat er von karierten Hosen davongetragen. Noch heute wirken seine Gesichtszüge leicht angespannt, wenn er sich an "das Küchenhandtuch" erinnert, in das ihn seine Mama zu Kindergartenzeiten gesteckt hat. Heute setzt er auf legeren Schick: Jeans, weißes Hemd, graues Jackett, hellbraune Schuhe, Hornbrille und Dreitage-Stoppeln ums Kinn. "Ich bitte um Nachsicht, wenn manche Scherze noch etwas ungeübt sind, aber ich muss mich wieder dran gewöhnen, vor über 100 Leuten zu sprechen", scherzt Illies im gut gefüllten Interbook. Trier ist die erste Station auf seiner "Ortsgespräch"-Lesereise. Schon Minuten später scheint er akklimatisiert und feuert einen Lacher erntenden Kommentar hinterher, den ihm die Zugfahrt von Köln an die Mosel bescherte: "Wer aus Kordel kommt, muss sich über jemanden aus Schlitz nicht beschweren." Beschwerden wollen zu dem Lesenden so gar nicht passen. Zu unterhaltsam, zu humorvoll, zu unkompliziert, zu kurzweilig, zu interessiert an jedem einzelnen Zuhörer und zu scharf in seinen immer wieder ins Schwarze treffenden Beobachtungen kommt Florian Illies daher. Wenig bekannt ist die Herkunft von Illies - bis jetzt. Im letzten Kapitel lässt er zumindest verbal die Hosen runter und erzählt vom Fertighaus der Familie Illies und dortigen Ereignissen, wie dem kunstgestützten äußerst farbintensiven Annäherungsversuch an Klassenkameradin Ann-Charlott, während einen Stock tiefer die Kaffeetassen klappern. Trotz aller abstrusen Erlebnisse in der Provinz endet er versöhnlich und gibt den Worten eines Milcherzeugnis-Herstellers eine neue Bedeutung: "Liebe ist, wenn es Landliebe ist."