Der Ehemaligenverein des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums bringt ein Findbuch heraus.

Geschichte : Jetzt kann man leichter in Abiturarbeiten berühmter Trierer stöbern

Der Ehemaligenverein des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums bringt ein Findbuch heraus. Das bietet allen Orientierung, die im Schularchiv nach Karl Marx und anderen ehemaligen Schülern suchen.

Zu den Erinnerungsorten der Geschichte gehören Archive. Am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium (FWG) hat sich der Verein der Ehemaligen die Bewahrung des historischen Gedächtnisses der Schule zur Aufgabe genommen.

Schulleiterin Bärbel Brucherseifer weiß nicht nur die Tradition „ihrer“ Schule – die bis ins Jahr 1561 zurückreicht – zu schätzen, sondern auch die Arbeit, die der rund 2000 Mitglieder zählende Verein der ehemaligen Schüler und Lehrer in die Aufarbeitung des Schularchivs in den vergangenen Jahren gesteckt hat: „Wir sind stolz, dass wir aussagekräftige Verwaltungsunterlagen und Abiturarbeiten von Schülern in unserem Archiv haben, die zu berühmten Personen des öffentlichen Lebens geworden sind. Stellvertretend nenne ich Karl Marx, Oswald von Nell-Breuning und Joseph Kardinal Höffner. Dass hier spannende Recherchen möglich sind, erfahren unsere Schüler, wenn sie im Rahmen des Geschichtsunterrichts in der Stadtbibliothek forschen. Unser Archiv kann als ‚Schulgedächtnis‘ beschrieben werden. Hier spiegeln Dokumente aus verschiedenen Epochen die Geschicke und Geschichte unserer Schule wider.“

 Generationsübergreifendes Projekt Mit der Fertigstellung des Findbuchs zum Inventar des neuen Archivs, das die zuvor in der Schule ungeordnet gelagerten Aktenbestände aus der Zeit von 1800 bis 1970 verzeichnet, konnte ein seit 2012 verfolgtes Vorhaben des Vereins der Ehemaligen in Abstimmung mit der Schule und in Kooperation mit dem Koblenzer Landeshauptarchiv sowie dem Stadtarchiv Trier erfolgreich abgeschlossen werden. Corinna Dräger, seit Mai 2018 Vorsitzende des Vereins, freut sich über die Fertigstellung des gelungenen Projekts: „Weil es zu wesentlichen Teilen aus den Mitgliedsbeiträgen der Vereinsmitglieder aller Abiturjahrgänge finanziert wurde, ist es im besten Sinn ein generationsübergreifendes Gemeinschaftsprojekt, das die Verbundenheit der Ehemaligen mit der Tradition, den Idealen und der Geschichte ihrer Schule ausdrückt.“

 Landesweit einzigartige Bedeutung Durch die gute Interaktion der beteiligten Akteure erreichte das Archivprojekt einen Grad an archivfachlicher Professionalität, der ansonsten nicht denkbar gewesen wäre. Das hauptsächliche Verdienst liegt bei Wolfgang Hans Stein, dem früheren Landesarchivar aus Koblenz, der bis zur Fertigstellung des Findbuchs sein enormes Wissen und Können in das Vorhaben investierte. Rudolf Müller, langjähriges Beiratsmitglied und Leiter des Archivprojekts, wertet es „als ausgesprochenen Glücksfall, dass es im Jahr 2013 unter dem damaligen Vorsitzenden Rainer Richarts gelang, Stein als Bearbeiter zu gewinnen“. Mit Blick auf die nun erfolgte Ergänzung des bereits seit Ende der 1950er Jahre im Landeshauptarchiv befindlichen älteren Archivbestands (1561 bis 1800) weist Müller auf die landesweit einzigartige Bedeutung des FWG-Archivs hin.

Die Abiturienten des ersten Kriegsjahres 1914, gemeinsam mit Schuldirektor Matthias Paulus (zweite Reihe, ganz rechts). Gut die Hälfte der Abiturienten nahm als Kriegsfreiwillige bereits in Uniform an der Notreifeprüfung im September 1914 teil. Bis zum Jahresende 1914 waren bereits drei Lehrer und acht Schüler gefallen. Foto: Privat

Quelle zur Pädagogikgeschichte Das Archiv umfasst circa 30 Regalmeter. Neben Sachakten der Schulverwaltung, Protokollen, Amtsbüchern und Personalakten stellen insbesondere die Abiturarbeiten, welche nahezu vollständig von der Schule aufbewahrt wurden, eine Besonderheit dar, denn regulär werden diese nach Ende der Aufbewahrungsfrist von zehn Jahren vernichtet.

Weiß die Tradition des FWG zu schätzen: Schulleiterin Bärbel Brucherseifer. Foto: privat

Die Serie beginnt 1821 und ist ziemlich geschlossen überliefert. Sie bietet deshalb nicht nur Einblicke in die Prüfungsleistungen bedeutender FWG-Absolventen, sondern ist vor allem in ihrer Gesamtheit von Wert. Die Wandlungen von Prüfungsanforderungen sind hier konkret nachvollziehbar und bilden daher eine wichtige Quelle zur Pädagogikgeschichte. Ausgesondert wurden die Jahrgänge bis 1951. Die aktuelle Serie ab 1952 verbleibt vorläufig in der Schule, da hier Rückgriffe noch häufiger sind.

Inhalt des Findbuchs Das jetzt erhältliche Findbuch ist als Band 127 in der Schriftenreihe der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz erschienen. In seinem einführenden Beitrag widmet sich Historiker Müller der über 450-jährigen Schulgeschichte einschließlich einer ausführlichen Kommentierung eines Lageplans des alten FWG-Gebäudekomplexes, des heutigen Bischöflichen Priesterseminars. Darauffolgend erläutert Archivar Stein den schulischen Hintergrund für die Entstehung der Archivalien und deren Verbleib im schulischen Zusammenhang.

Eine gesonderte Erwähnung verdient der Aufsatz von Stein mit dem Titel „Der beklaute Marx“. Es geht dabei um die für seine weitere Entwicklung aufschlussreichen Abitur­arbeiten von Karl Marx aus dem Jahr 1835 und die begleitenden Prüfungsunterlagen, die im FWG-Archiv verwahrt wurden, jedoch in den 1920er Jahren zu dokumentarischen und publizistischen Zwecken entnommen und nicht mehr zurückgeführt wurden. Diese Dokumente wurden zwar im Zusammenhang der Edition von Marx’ Schriften mehrfach veröffentlicht, sind seit der NS-Zeit jedoch als Originale verschollen. Über ihren Verbleib hat Stein eine spannende historische Spurensuche unternommen, die stellenweise den Charakter einer Kriminalgeschichte annimmt. Anhand seiner Forschungsergebnisse lässt sich am Beispiel des Abi­turienten Karl Marx der mögliche Ertrag des FWG-Archivs auch für anderweitige biografische Forschungen ermessen.

Experten unter sich: Bernhard Simon (links, Leiter des Stadtarchivs) und Wolfgang Hans Stein (ehemaliger Koblenzer Landesarchivar) vor dem Archivbestand FWG im Stadtarchiv Trier. Foto: privat

Tragisches Schulgeschichtsmoment Das Titelbild des Findbuchs zeigt die Abiturienten des ersten Kriegsjahres 1914 gemeinsam mit Schuldirektor Matthias Paulus. Wegen des Kriegsausbruchs Anfang August 1914 führte man auch am FWG in den vorzeitig begonnenen Herbstferien Notreifeprüfungen durch. Zum ersten Prüfungstermin am 6./7. August 1914 erschienen bereits 18 Oberschüler in Heeresuniform, weil sie sich schon als Kriegsfreiwillige in der militärischen Ausbildung beim preußischen Heer befanden. Bis zum Jahresende 1914 waren bereits drei Lehrer und acht Schüler an den Fronten des Ersten Weltkriegs gefallen, zahlreiche weitere verwundet und einige als vermisst gemeldet. Mit diesem Titelfoto wird auf ein besonders tragisches Moment in der Schulgeschichte des FWG aufmerksam gemacht.

Bedeutsamer Erinnerungsort Das Archivprojekt des Vereins der Ehemaligen hatte im weiteren Sinne die Schaffung eines historischen Erinnerungsortes zum Ziel. Mit dem Verkauf des alten Schulgebäudes in der Trierer Innenstadt in den 1950er Jahren verabschiedete sich die Schule von den altehrwürdigen Räumlichkeiten in der Jesuitenstraße. Mit dem Verlust der Güterverwaltung 2003 verschwand auch der letzte Rest an FWG-Bindung zum alten Schulstandort.

Umso mehr Bedeutung erlangt das neue FWG-Archiv für die Identität und das Selbstverständnis der Schule, bieten seine Bestände doch eine verschriftlichte Brücke zu den alten Zeiten und damit eine zumindest ideelle Rückkehr und Rückbesinnung auf die große Schultradition. Insoweit ist nun durch das Projekt FWG-Archiv ein neuer Erinnerungsort für die Schulgemeinschaft und die Ehemaligen entstanden, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.

Man wird sehen und darf gespannt sein, welche neuen Impulse für die Trierer Schul- und Bildungsgeschichte aus dem FWG-Bestand im Trierer Stadtarchiv erwachsen werden. Zukünftigen Historikern eröffnet sich hier ein weites Feld, das es zu beackern gilt.

Potenzial für vielfältige Forschungen Der Leiter des Stadtarchivs, Bernhard Simon, und auch der Direktor der Stadtbibliothek, Michael Embach, zeigen sich hocherfreut über die Bestandserweiterung und optimistisch, was die künftige Nutzung betrifft: „Das Stadtarchiv verspricht sich eine verstärkte Nutzung, denn das Material bietet die Grundlage für vielfältige Forschungen weit über die eigentliche Schulgeschichte hinaus. Dieser neue Bestand ist eine hervorragende Ergänzung bereits im Stadtarchiv vorhandener Bestände und Sammlungen“, erklären Simon und Embach unisono.

Das Findbuch kostet 12 Euro und ist erhältlich im Trierer Buchhandel (ISBN 978-3-9818458-4-6) sowie über den Verein der Ehemaligen des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums per E-Mail
info@fwg-ehemaligenverein.de

(red)
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