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Der erfolgreiche Plan: Wie die Korlinger zu ihrer Kapelle kamen

Kurzgeschichte : Der erfolgreiche Plan: Wie die Korlinger zur ihrer Kapelle kamen

Bernhard Hoffmann erzählt wieder aus dem Leben des jungen Pitter. Diesmal geht es darum, wie die Korlinger zu ihrer Kapelle kamen.

Mehrfach hatte der Pitter aus Korlingen seinen Grundherrn, den Abt Lejeune aus dem Kloster St. Martin in Trier, um eine neue größere Kapelle gebeten – ohne Erfolg.

 Eines Tages im Jahr 1769 stand morgens der Pitter leibhaftig vor ihm. Ein hochgewachsener schlanker Bursche mit leicht gekraustem Haar, hoher Stirn, Adlernase und einem durchdringenden Blick – ein Leuchten von Schalkhaftigkeit in den Augen. Und elegant in den Bewegungen, obwohl er ein Bauer war.

Sie seien jetzt keine fünf Höfe mehr, sondern 13 und fänden keinen Platz für fromme Andacht in dem winzigen Raum. Er möge sich das vorstellen wie beim Vieh, das man ja auch nicht zahllos in den Stall pferchen könne. Oder wie die Weinstöcke, von denen jeder seinen Platz brauche, um zu gedeihen. Der Mensch sprach in Bildern. Der Abt schwieg. Er rief den Kaplan.

Ob der ehrwürdige Abt ihnen nicht helfen könne, zur Ehre Gottes eine größere Kapelle zu errichten, hakte der Pitter nach. Die Ehre Gottes, ja, die muss oft herhalten, dachte der Abt. Unverschämt, diese Leute, dachte der Kaplan, wo wir gerade das Nötigste haben. Das Nötigste, Kaplan? Hast du nicht deine Mahlzeit jeden Tag und jeden zweiten Fleisch, und Butter und Wein dazu?

Nicht groß müsse die Kapelle sein, sagte der Pitter, bloß für sie selbst. Das wären 15 Ellen. Und für Hochwürden, wenn er sie besuchte, da stünde dann ein geschnitzter und gepolsterter Stuhl bereit … dazu bräuchten sie dann nochmals 15 Ellen. Und für den Altar und den Priester dahinter nochmal so viel …­ Und für den Kaplan, den der Pitter ganz sanft anlächelte, wären auch noch je nach seinem Umfang zwei oder drei Ellen anzuschlagen. Oh, du gemeiner Pitter, das war unklug, das wird sich rächen!

Wenn ich wollte, wie ich könnte, wollte ich auch alles, donnert der Kaplan. Eure Zehnten sind mager, kaum Korn, kein Vieh, kein Obst. Wein bekommen wir von der Mosel besser, und euer Viez wird euch einmal alle umbringen! Sacht, Kaplan, sacht, es sind Menschen, beschwichtigt der Abt. Sie haben Träume, sagt der Kaplan. Träumt weiter, wir haben kein Geld für eure Phantasien, ruft er. Ärgert er sich etwa über den Pitter?

Da schweigt auch der Abt, denn mit dem Geld, das ist ja immer so eine Sache. Hat man es nicht, reicht es nicht; hat man es, ist es zu wenig. Die Zahlen, ach, die Zahlen. Ja, Abt, so ist es: Die Zahlen verstören der Menschen Herz.

Der Pitter sah, dass hier nichts mehr zu machen war, küsste dem Abt die Hand, verschluckte den Teufel und grüßte den Kaplan. Raus hier, nichts wie raus. Pitter, was hast du gedacht: Die Welt tanzt nach deiner Pfeife?

Na, aber so etwas beißt und zuckt am Herzen und reißt einem den Magen auf, dass es schmerzt. Pitter marschierte durch Kürenz, marschierte noch schneller den Filscher Berg hinauf – und es wurmte ihn gewaltig. Und es biss der Wurm in seinen Eingeweiden wie Essig, der biss und biss – bis er beim Hinuntergehen nach Korlingen einen Plan entwickelt hatte. Der Kaplan sollte an sie denken, stand doch der Zehnte bevor.

So kam es, dass einen Monat später eine Lieferung unbehauener Schiefersteine im Kloster St. Martin eintraf. Und einen Tag später noch eine. Und noch eine tags darauf. Der Hof stand voller Steine. Aber es kam noch eine Fuhre, da war ein Fass dabei. Die Brüder, die alles umladen mussten, schimpften, murrten laut und beschwerten sich lautstark am zweiten Tag, als die Wunden durch die Bruchsteine zu arg waren. Oh, tat das weh, sollte doch der ganze Korlinger Schiefer zur Hölle …

Der Abt beruhigte sie mit dem Fass aus Korlingen. Na, was für ein Fehler! Als sie nämlich in der Mittagspause des nächsten Arbeitstages das Getränk zu kosten bekamen, schrien sie. Sie waren Wein gewöhnt, und das war Viez, und zwar von der Sorte, die einen alles andere als lustig machte. Mit verzerrten Gesichtern und die Hände rundum verbunden konnten sie schlichtweg nicht mehr arbeiten. Schrei du nur, Kaplan, du rührst ja keinen Finger! Sie setzten sich auf den Boden.

Der Pitter kam wie zufällig vorbei und fragte den Abt, ob es nicht ein wunderbarer Zehnter dieses Jahr sei. Drei weitere Fuhren stünden bereit, ja, auf die Korlinger könne man sich eben verlassen. Zwei Fässchen seien von dem köstlichen Getränk auch noch da.

Der Abt, der inzwischen seine Erfahrungen mit den Menschen gesammelt hatte, schaute den Pitter von der Seite an. Der sah ganz frohgemut auf die unordentlich aufgesetzten Steine, winkte den Mönchen zu. Vor dem Fass hatte sich eine Pfütze ausgebreitet bis zum Tor, die roch so furchtbar sauer, dass die Hühner ins andere Eck geflüchtet waren.

Es sei doch wohl alles recht?, wagte der freche Bursche noch zu fragen. Übertreib es nicht, Pitter, siehst du die finsteren Blicke nicht? Es geht um ein Häuslein Gottes – nicht um deine Rache.

Der Abt biss auf die Zähne. Wie groß sollte nochmal die Kapelle werden? fragt er. Ach, die Kapelle hätte er jetzt gar nicht im Kopf. Hund! zischt der Kaplan. 15 Ellen, und 15 für den Altar und für Hochwürden 15 – ja und noch eine Elle für …. Für was?, kommt es vom Kaplan. Er könne sehr gut in der ersten Bank sitzen, wirft der Abt ein. Aber nicht doch, Hochwürden, die Exzellenz wäre doch stets – Schluss jetzt!

Der Abt schnappt nach Luft, geht wortlos ins Kontor, schreibt für den Mörtel, den Putz. Holz und Steine hätten sie ja wohl selbst, 16 Brabanter für die Maurer. Ob nicht auch Glas für die Fenster nötig sein? Der Abt beugt sich und schreibt. Und Farbe, sagt Pitter so leise, dass man die Mücken am Fenster summen hört. Der Abt beugt sich noch tiefer. Und Farbe, schreibt er.

Jetzt ist ihm auch noch der Appetit vergangen. Er reicht dem Kaplan das Papier, damit es kopiert wird und das Siegel bekommt, erhebt sich, hält dem Pitter wortlos den Ring hin. Und raus ist er. Bleiben bloß der Pitter und der Kaplan. Dem zittert das Papier in der Hand, er ist ziemlich bleich für einen gut genährten Kaplan. Das ist schlecht für den Magen, Kaplan. Der Pitter, ganz förmlich, ganz höflich, dankend, die Großmut des Abtes preisend – und der Kaplan sieht durch ihn hindurch wie durch ein Pergament aus Schweinehaut.

So ließ die Gemeinde im Monat darauf von vier fahrenden Maurerleuten in 16 Tagen eine neue größere Kapelle bauen, mitten im Dorf, auf einer kleinen Höhe, mit einer Apsis und fünf großen Fenstern. Sie waren außerordentlich fleißig, fingen morgens früh an und hörten spätabends auf. Kost und Logis hatten sie im Dorf. Die Bauern bauten das Dach und noch ein Türmchen aus Holz im Westen für eine Glocke.

 Der Zehnte, den die Korlinger an das Kloster St. Martin liefern, besteht diesmal aus vielen Ladungen voller unbehauener Schiefersteine.
Der Zehnte, den die Korlinger an das Kloster St. Martin liefern, besteht diesmal aus vielen Ladungen voller unbehauener Schiefersteine. Foto: Christina Bublitz

Glaubt mir, die Korlinger waren mächtig stolz. Und dann bekam der Pitter endlich seine Katharina zur Frau.