Der Glücks-Eliminator

Wenn Pep Guardiola nach einem Bundesligaduell mit seinen Spielern die Videoanalyse startet, dann geht das nur mit Hilfe eines jungen Mannes aus Schweich. Der 23-jährige Pascal Schichtel arbeitet als Videoanalyst für die Deutsche Fußball Liga - und mittlerweile auch für Jogi Löw. Der TV hat ihn in Köln besucht.

Köln/Schweich. Wie sehr sich sein Blick auf den Fußball verändert hat, merkt Pascal Schichtel besonders dann, wenn er mit seinem Opa zusammen vor dem Fernseher sitzt. Wenn sich die beiden vom Sofa aus mal wieder ein Fußballspiel ansehen. Viele Tore, tolle Stimmung - das ist es, was dem Opa gut gefällt. Bei Schichtel ist das anders. Für ihn sind das Nebensächlichkeiten. Der 23-Jährige sieht, wenn der offensive Mittelfeldspieler zum wiederholten Mal Probleme hat, einen hohen Ball mit dem linken Fuß zu verarbeiten. Er sieht auch, wenn die gastgebende Mannschaft trotz eines Chancenplus von 24:9 kurz davor ist, das Spiel zu verlieren. Schichtel guckt keine Fußballspiele, er scannt sie, analysiert in wenigen Minuten, welcher Spieler welche Stärken und welche Schwächen hat - "Mein Job ist es", sagt er, "den Faktor Glück im Fußball zu eliminieren."
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Schichtel sitzt in einem Café auf der Dürener Straße im Kölner Westen. Vorne, in der Auslage, stehen die feinsten Kuchen - Sachertorte, Pflaumenkuchen, Käse-Sahne-Torte, das volle Programm. Schichtel bestellt Apfelschorle. Für Kuchen hat er keine Zeit. Zu viel gibt es zu erzählen.
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Es kommt nicht mehr oft vor, dass Pascal Schichtel mit seinem Großvater gemeinsam Fußballspiele anschaut. Dazu fehlt ihm die Zeit. Der Opa wohnt in Schweich, der Enkel in Köln. Geboren ist Schichtel an der Mosel, später ist er mit seinen Eltern in die Eifel gezogen, hat dort in Holsthum (Eifelkreis Bitburg-Prüm) gelebt. Fußball gespielt hat er unter anderem für den TuS Issel, die JSG Südeifel und bis 2012 für die SG Sauertal.
2012, nach dem Abitur, zieht er nach Köln, studiert seitdem dort an der Sporthochschule (Spoho) Sportjournalismus. Und dann, er lebt gerade seit ein paar Monaten in Köln, stößt er auf diese Stellenanzeige im Internet. Die Fernsehproduktionsgesellschaft und Tochter der Deutschen Fußball Liga (DFL) "Sportcast" sucht einen Scoutingfeed-Operator - oder einfacher gesagt: einen Videoanalyst für Fußballspiele der 1. und 2. Bundesliga. Benötigt werden: Kamerakenntnisse - hat Schichtel. Fußballaffinität - besitzt Schichtel. Selbstbewusstes Auftreten - hat Schichtel sowieso. "Da hab' ich mich einfach mal beworben", sagt der 23-Jährige. Mit Erfolg: Zur Saison 2013/14 kann Schichtel bei "Sportcast" anfangen. Mit Kamera, PC, Kabeltrommel und Mietwagen tourt er seitdem Wochenende für Wochenende durch die Stadien der 1. und 2. Bundesliga.
Als Scoutingfeed-Operator hat er die Aufgabe, das Bundesligaspiel aufzunehmen. Mit seiner Kamera steht er auf Höhe der Mittellinie - irgendwo auf der Tribüne - und filmt das Spielgeschehen aus der Totalen. Er filmt nicht für den Fernsehzuschauer, sondern für die Vereine. Jedem Club der 1. und 2. Bundesliga stellt die DFL Videos zu den Partien zur Verfügung, die sie zur Analyse verwenden können - dieser Service ist in den Lizenzgebühren enthalten, die die Vereine vor Saisonbeginn an die DFL entrichten. Zur Halbzeit bereits können die Scouts der Vereine auf seine Aufnahmen zugreifen - alles hochmodern und über Laptops. In den Mannschaftskabinen verwenden die Trainerteams das Material für eine kurze Halbzeit-Videoanalyse. Nach den Spielen erhalten die Teams dann das komplette Spiel auf einem USB-Stick.
"Videoanalysen", sagt Pascal Schichtel, "werden immer wichtiger im Profifußball, es gibt kaum noch einen Verein, der nicht damit arbeitet". Schichtel steht rund um die Bundesligaspiele in engem Kontakt zu den Teams. Gespräche mit Pep Guardiola oder Thomas Tuchel gehören für ihn zum Alltag.
Es seien auch jene beiden Übungsleiter, die zu den größten Videoanalyse-Anhängern in Deutschland gehörten, sagt Schichtel. Und dann sei da noch Darmstadts Trainer Dirk Schuster. "Schuster ist mindestens genauso akribisch wie Guardiola und Tuchel - per Videoanalyse zerlegt er jeden Gegner bis ins Detail." Deswegen, da ist sich Schichtel sicher, sei der rasante Aufstieg der Lilien in den letzten zwei Jahren kein Zufall.
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Im Café auf der Dürener nippt Schichtel an seiner Apfelschorle. Nach dem Gespräch mit dem TV wird er sich ins Auto setzen. Es geht nach Berlin. Am nächsten Tag wird Hertha BSC dort in der Bundesliga den Hamburger SV empfangen und ihn mit 3:0 vom Feld fiedeln.
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Seit Anfang 2015 ist der Junge von der Mosel noch weiter aufgestiegen. Er gehört mittlerweile zum DFB-Team Köln - einem Analyseteam der Fußballnationalmannschaft. Die Kölner Sporthochschule hat eine Kooperation mit dem DFB. Kölner Studenten analysieren kommende Gegner und liefern das Material an Bundestrainer Joachim Löw. Im Vorfeld der Europameisterschaft 2016 in Frankreich wird Schichtel jede Menge zu tun bekommen. "Ich bin Teil eines Fünferteams, zusammen werden wir uns um einen Gruppengegner der deutschen Mannschaft kümmern - unsere Aufgabe ist es, Verhaltensmuster der einzelnen Spieler herauszufinden und Lösungsansätze zu erarbeiten", erzählt der Student. Auf bis zu drei Spieler muss er sich in der Analyse konzentrieren.
Auch Frankreich, den kommenden Testspielgegner von Jogis Jungs am 13. November in Paris, hat Schichtel mit seinen Kollegen im Vorfeld unter die Lupe genommen. Sein Fokus lag dabei unter anderem auf Mittelfeldspieler Blaise Matuidi. "Fußball entsteht am Schachbrett", sagt Schichtel, "Glücksmomente werden immer weniger - wir tun alles dafür, den Faktor Glück immer weiter zurückzudrängen". Nichts werde mehr dem Zufall überlassen. "Das Einzige was nicht vorhersehbar ist", sagt Schichtel, "ist der Faktor Mensch - Fehler können immer passieren, da hilft die beste Vorbereitung nichts."
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Mittlerweile sind zwei Stunden vergangen im Café im Kölner Westen. Seine Apfelschorle ist leer, jetzt muss er los, schnell auf die Autobahn in Richtung Berlin. Nur kurz erzählt er noch von seiner Bachelorarbeit, an der er gerade schreibt. Darin untersuche er, warum Mannschaften, die Tiki-Taka-Fußball spielen und nicht frühzeitig in Führung gehen, plötzlich komplett zerfallen - "so wie die Spanier in der WM-Vorrunde 2014 gegen Holland".
Sein Opa, so viel steht fest, wird ihm diese Frage nicht beantworten können.